Landschaft und Meer bestimmten von jeher die Geschicke der Menschen dieser Region. Ihnen verdankte Ostfriesland Reichtum und Freiheit, Katastrophen und Niedergang.

 
Karte der Weihnachtsflut von 1717 (LMO)

Land mit vielen Gesichtern

Seit der Vorzeit besiedelten Menschen das fruchtbare Schwemmland an der Küste. Steigende Meeresspiegel und Sturmfluten zwangen sie jedoch zum Bau künstlicher Wohnhügel - den Wurten - und seit 1000 n.Chr. zum Deichbau.

 
Ostfriesland-Wanderweg (WvS)

Dennoch veränderten verheerende Meereseinbrüche die Küstenlinie und schufen im 14. Jahrhundert Dollart und Jadebusen. Das Geestgebiet im Innern Ostfrieslands war aufgrund der zahlreichen Moore schwer zugänglich. Die Fernstraßen des Mittelalters umgingen das Gebiet, und noch heute verlaufen die Eisenbahnstrecken am Geestrand entlang. Als zentraler Ort im Innern entwickelte sich Aurich seit dem 16. Jahrhundert zum Markt- und Verwaltungszentrum, das es bis heute blieb. Viele Moorgebiete wurden durch Kanäle und Gräben entwässert. Der Abbau des Torfes schuf neues Kulturland, auf dem sich Kolonisten ansiedelten. An diese Zeit erinnern die langgestreckten Fehn-(Moor-)Dörfer. Wenige Moore blieben erhalten und stehen heute unter Schutz.

 
Fehnbrücke (WvS)

Jenseits des heutigen Nationalparks Wattenmeer liegen die sieben Ostfriesischen Inseln. Entstanden aus Sandablagerungen verändern sie bis heute ihre Form. Strände, Dünen und mehr Sonnenschein als auf dem Festland boten hier schon früh ideale Voraussetzungen für den Fremdenverkehr.

 
Ostfriesische Insel (PK)

Friesische Freiheit

Im Mittelalter stärkte der gemeinsame Deichbau den Willen zur Unabhängigkeit. Symbol dieser "Friesischen Freiheit" war der Upstalsboom bei Aurich, an dem sich Vertreter der Gemeinden zu gemeinsamer Beratung und Rechtsprechung trafen. Später beanspruchten örtliche "Häuptlinge" größere Landesteile, bis das Geschlecht der Cirksena Ostfriesland politisch vereinte. Den Wohlstand, den die Friesen durch Viehhandel und Seefahrt erlangten, bezeugen Kirchen und Häuptlingssitze. Zum bedeutenden Hafen entwickelte sich Emden am Ausgang des Dollart. Dabei profitierte die Stadt von der Aufnahme verfolgter Calvinisten um 1555, die Geld und Schiffe mitbrachten. Die Verlandung der Außen-Ems beendete diese Blütezeit.

 
Schloss Dornum (CH)

Erst die Eröffnung des Dortmund-Ems-Kanals 1899, der Bau eines Seehafens außerhalb der Stadt 1905-1913 und der Ausbau der Außenems brachten einen neuen Aufschwung. Bis heute prägen Werften, Rohölraffinerie und VW-Werk die Wirtschaft der Stadt. Nach dem Tode des letzten Cirksena 1744 besetzte Preußen Ostfriesland und beendete damit dessen Selbstständigkeit. Ab 1815 gehörte es zum Königreich Hannover, das von 1866 bis 1946 preußische Provinz war.

Dr. Beate Bollmann