„... In Hinsicht der Befestigung der Wesermündung kam man zu dem Resultate, an verschiedenen Punkten zu beiden Seiten des Fahrwassers starke Batterien erbauen zu müssen. Man entschied sich höchsten Orte, mit zwei solchen Befestigungen zunächst voranzugehen, um darnach Resultate für die ferner noch notwendig erscheinenden Werke gewinnen...1

 
Wilhelm Thäte: Weserfort Langlütjen I, 2009 (3)

Mit Langlütjen I und II bezeichnet man zwei künstlich errichtete ehemalige preußische Festungsinseln, die heute ein einmaliges technisches Baudenkmal im gesamten deutschen Küstengebiet darstellen. Errichtet wurden die zwei Wattinseln auf der Sandbank Langlütjensand in der Wesermündung auf der Höhe von Blexen/Nordenham gegenüber von Bremerhaven. Damit befinden sie sich im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Sie sind 16000, bzw. 17000 qm groß und liegen etwa 2 Kilometer auseinander. Dabei ist nur Langlütjen I über einen Damm mit dem Festland verbunden.

 
Auf Holzpfählen errichteter Verbindungssteg vom Festland zur Insel Langlütjen I mit schienen der Lorenbahn, um 1941 (4)

Küstenfort nach französischem Vorbild

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts sicherte man an der deutschen Nord- und Ostsee die Küstenstreifen gegen Angriffe von See, allerdings waren es im Gegensatz zu Langlütjen I und II Schutzbauten auf dem Festland. Allein für die Wesermündung plante man insgesamt vier Befestigungsinseln; für die linke Weserseite Langlütjen I und II und für die rechte Weserseite, die nicht mehr existierenden Brinkamahof I und II. Das für die Pläne zuständige preußische königliche Ingenieurkomitee Berlin orientierten sich an belgische Festungsbauten und an französische Inselforts des 17. Jahrhunderts, vor allem an den Bauten des Militärbaumeisters Vauban. Allerdings stellte die Verwirklichung der Pläne die Bauherren vor erheblichen Probleme.

 
Gesprengte Flak Langlütjen I, direkt nach dem Krieg, Sommer 1945 (5)

Gezeiten, Sturmfluten und Transportprobleme

Ein erstes Problem stellte die Schaffung eines tragfähigen Fundaments für die erheblichen Lasten mitten im Wattenmeer dar. Dabei konnte man bei dem gezeitenabhängigen „Bauplatz“ Langlütjensand nur in den Ebbe-Phasen bauen, da er während der Flut regelmäßig überschwemmt wurde, was die Bauzeit um ein vielfaches verlängerte. Zudem beschädigten die immer wieder auftretenden Sturmfluten die zu errichtenden Bauten. Darüber hinaus musste das Baumaterial aufwendig vom Festland herangeschafft werden, was erhebliche Kosten verursachte. Für den Bau von Langlütjen I verbrauchte man über 100 000 Eichenpfähle, 300 000 Bund Busch, ca. 1900 Kubikmeter Sandstein, 2700 Kubikmeter Backsteinschutt und Zement. Baubeginn von Langlütjen I war 1869, fertiggestellt war es aber erst 1875 und für die Errichtung von Langlütjen II brauchte man sogar acht Jahre von 1872 bis 1880 2.

 
Transport von Lebensmitteln auf einem Lorewagen zum Versorgungsschiff, um 1941 (6)

„Die elipsenförmige Insel [Langlütjen II] von 160 m Länge und ca. 100 m Breite besteht aus einem mit Sandsteinquadern abgedeckten Erdwall, der den von einem Graben umlaufenen Kernbau aus Backsteinen umschließt. In ihm sind um den eigentlichen Batteriekern die Gänge und Räume der Kasematten angeordnet, deren Gewölbedecken sowohl kanonensicher sein als auch der Last der Batteriegeschütze standhalten mussten. Auffallend ist, dass man offenbar Wert darauf legte, den reinen Zweckbau mit gestalterischen Details wie Ziegelziersetzungen an den Traufgesimsen und den Fensterstürzen zu versehen. Die Anlage war auf eine mehrmonatige Belegung mit 100 Mann eingerichtet...“3. Dabei waren Langlütjen I und II bis Ende des Ersten Weltkriegs nie in Kriegshandlungen eingebunden.

 
Langlütjen II mit der südöstlich gekegenen, etwa 1,5 ha große Röhrichtinsel, Luftaufnahme um 2007 (7)

„Die Teufelsinsel“

Das dunkelste Kapitel in der Geschichte Langlütjen II stellt auf Betreiben des Bremer Senats die Einrichtung eines Konzentrationslagers für politische Gefangene vom 9. September 1933 bis zum 25. Januar 1934 dar. Bei den „etwa 50 besonders gefährliche Schutzhäftlinge“ handelte es sich um Mitglieder der Bremer KPD und SPD, die nach dem Reichstagsbrand verhaftet worden sind. Aufgrund der menschenunwürdigen Haftbedingungen, so wurden die Unterkünfte der Gefangenen regelmäßig überflutet, der schlechten Versorgungslage und den brutalen Übergriffen, denen die Häftlingen von den Aufseher ausgesetzt waren, nannte man die Insel im Volksmund bald „Teufelsinsel“.

 
Langlütjen II von der Reithinsel gesehen mit blühendem Apfelbaum, Mai 2006 (8)

Ein Zeitzeuge schildert seine „Begegnung“ wie folgt:

„...Ferner Möwenschrei ertrinkt gleichsam in der unbewegten Luft. Der Wind ist völlig eingeschlafen. Da, ein unheimliches Schreien von der Richtung des Forts her, dazwischen klatschende Geräusche. Wir sehen uns an, das Heulen hält an, steigert sich zu markerschütterndem Schreien, das das Blut in den Adern gefrieren läßt. - Langsam ebbt es ab, um dann wieder jäh anzuschwellen in gleichsam tierischen Lauten – wie der Schrei eines sterbenden Pferdes – schwingt sich in erschütternden Dissonanzen zum Himmel, erfüllt gleichsam die Luft – und bricht dann plötzlich ab. Mein Begleiter ist weiß geworden, sein blasses Antlitz steht kantig gegen den in weichen Farben verdämmernden Horizont.“4.

 
Schild auf Langlütjen II, 1999 (9)

Im Zweiten Weltkrieg dienten die Inseln der Flugabwehr. Nach Kriegsende erfolgte die Demontage der militärischen Anlagen; die amerikanischen Besatzungstruppen sorgten für die Zerstörung der Geschütze und den anderen Waffensystemen und für den Abtransport der Geschützteile. Zur Sicherung der Inseln wurden Plakaten mit den Verbot sie zu betreten und zu plündern aufgehängt. 1946 begann man mit der Sprengung der Insel, die mindestens zwei Monate gedauert haben sollen, aber nicht zur vollständigen Zerstörung führte.

 
Langlütjen II (10)

Die Inseln nach dem Krieg

Anfang der Achtziger Jahre baute man einen festen Damm zur Insel Langlütjen I, um auf ihr 1983 eine Radarstation einzurichten, die 1990 aber wieder abgebaut wurde. Auf Langlütjen II waren nur noch die Ruinenreste der ehemaligen Festung erhalten geblieben. Die Insel war stark beschädigt durch die Sprengung und den „Naturgewalten“, sie wurde als Vogelschutzgebiet erklärt und diente zahlreichen Vögeln und seltenen Pflanzen als Rückzugsort. Für die Nutzung der Inseln gab es zahlreiche Pläne, die Inseln als touristische Destination, zur landwirtschaftlichen Nutzung, als Übungsplatz für die Bundeswehr oder als Standort für die Industrieansiedlung.

 
Theaterstück Mai 2006 auf Langlütjen II.  (11)

2005 wurden die Inseln von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben zum Verkauf angeboten. Im Januar 2006 wurde Langlütjen I von einer Oldenburger Kauffrau und Langlütjen II von einem Bremer Kaufmann gekauft. Die stark sanierungsbedürftige Insel Langlütjen II wurde aufwendig abgesichert, um die bauliche Substanz so weit wie möglich zu erhalten. Die erste Nutzung nach dem Verkauf fand 2006 statt, als unter der Leitung des Regisseurs Jens-Erwin Siemser eine Theatergruppe aus Geestenseth in den Kasematten der ehemaligen Festung ein Theaterstück aufführte. In dem Stück „Langlütjen II – eine dokumentarische Landschaftsinszenierung“ wurde die Geschichte der Insel in acht Sequenzen dargestellt5.

Christina Hemken

Anmerkungen

(1) Schreckenberg 1989, S. 32
(2) Vgl. Frank Gosch in: Klan 2011, S. 12 und Christine Onnen, in: Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg. Bremen 2007, S. 102
(3) Christine Onnen: in Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg. Bremen 2007, S. 102f
(4) Zitiert in: Wieland 1992, S.13
(5) Vgl Klan 2007, S. 82

Abbildungen

(1) In Hängematten schliefen die Matrosen in den Kasemattenunterkünften, um 1900. In: Klan 2007, S. 102, Foto: Theodor Köhne
(2) Blick über die Batterie Langlütjen I, um 1943. In: Klan 2007, S. 35, Foto: Theodor Köhne
(3) Wilhelm Thäte: Weserfort Langlütjen I, 2009. In: Klan 2007, Foto: Caterina Auffarth
(4) Auf Holzpfählen errichteter Verbindungssteg vom Festland zur Insel Langlütjen I mit schienen der Lorenbahn, um 1941. In: Klan 2007, S. 37, Foto: Theodor Köhne
(5) Gesprengte Flak Langlütjen I, direkt nach dem Krieg, Sommer 1945. In: Klan 2007, S. 77, Foto: Theodor Köhne
(6) Transport von Lebensmitteln auf einem Lorewagen zum Versorgungsschiff, um 1941. In: Klan, S. 37, Foto: Theodor Köhne
(7) Langlütjen II mit der südöstlich gekegenen, etwa 1,5 ha große Röhrichtinsel, Luftaufnahme um 2007. In: Klan 2007, S. 158, Foto: Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer (NLPV)
(8) Langlütjen II von der Reithinsel gesehen mit blühendem Apfelbaum, Mai 2006. In: Klan 2007, S. 171, Foto: Jens-Erwin Siemssen
(9) Schild auf Langlütjen II, 1999. In: Klan 2007, S. 170, Foto: Rainer Stoffers
(10) Langlütjen II. In: Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg 2007, S. 107
(11) Theaterstück Mai 2006 auf Langlütjen II. In: Klan 2007, S. 174, Foto: Jens-Erwin Siemssen

Literatur

Peter Klan (Hg.): Langlütjen : zwei Festungsinseln im Wattenmeer zwischen Bremerhaven und Nordenham ; Geschichte, Architektur, Natur, Kunst, magische Orte. Nordenham 2011

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg und Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege Hannover: Am Wasser gebaut. Maritime Ziegelarchitektur in Nordwestdeutschland. Bremen 2007

Julius Schreckenberg (Hg.): Festungsinseln an der Wesermündung und Konzentrationslager Langlütjen II und Ochtumsand. Brake 1989

Lothar Wieland. Die Konzentrationslager Langlütjen II und Ochtumsand. Bremerhaven 1992