Auf ihrem Weg aus dem Osnabrücker Land zur Unterweser durchquert die Hunte in ihrem Lauf das Oldenburger Land, seine Moore, Wälder und Heideflächen. Nordwestlich von Wildeshausen, am Rande der Geest, stößt sie auf die einzig nennenswerten Berge weit und breit, von denen man einen ungewohnten Ausblick in die baumreiche Weite genießen kann. Am Fuße dieser Goldberge liegt das Dorf Dötlingen, ein stilles pittoreskes Bauerndorf mit uraltem Baumbestand und reitgedeckten Höfen, nicht minder malerisch wie seine Umgebung. Am Ende des 19. Jahrhunderts, als sich in solchen Abgeschiedenheiten Künstlerkolonien bildeten, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Dötlingen von Malern entdeckt wurde. Wenn der Ort auch nicht zum Kernbestand der deutschen Künstlerkolonien des späten 19. Jahrhunderts gehört, so gibt es doch eine bemerkenswerte kulturelle Tradition am Ort.

 
Selbstportrait (LMO)

Georg Bernhard Müller vom Siel

Der erste Künstler am Ort war der aus dem heutigen Nordenham stammende Georg Bernhard Müller vom Siel (1865-1939), der nach dem frühen Tod seiner Eltern in Oldenburg aufwuchs. Noch vor Ende seiner Schulzeit reiste er von hier aus auf eigene Faust nach Amerika. 1880 und 1885 hielt er sich in New York auf, zwischenzeitlich studierte er an den Akademien Antwerpen und München. 1886 ging er zum Studium nach Paris und arbeitete u. a. als Kopist im Louvre. 1889 folgte ein Aufenthalt an der Berliner Akademie. Müller vom Siel war seit den achtziger Jahren auch als Kopist für den Großherzog Nikolaus Friedrich Peter in Oldenburg tätig und stieß bei seinen Wanderungen durch die Wildeshauser Geest auf Dötlingen, wo er sich 1896 niederließ. Als Maler verschrieb er sich fest der vor tiefliegendem Horizont ausgebreitete, ins Sonnenlicht getauchte und von einem Wasserlauf durchzogene Ebene. „Für Künstler gab es in und um Dötlingen stets lohnende Motive: die alte Kirche, den prächtigen Tabken-Hof und die würdige Dorfeiche, die Strohdachhäuser und Schafkoben, die Sandwege, die Birkengruppen, Ginsterbüsche und Viehweiden und viele andere Partien, in denen sich Naturgegebenheiten und urtümliche Kulturformen versinnbildlichen. Müller vom Siel hat sie alle aufgegriffen." 1

 
Müller vom Siel: Haus

Haus „Meineck“

In zwei Bauabschnitten ließ sich der Maler sein Haus „Meineck“ im Stile eines englischen Landhauses mit Turm und Spitzdach errichten, das in seiner lokalen Auffälligkeit nicht nur einen Hinweis auf Müller vom Siels solide wirtschaftliche Situation gibt, sondern auch sein künstlerisches Selbstverständnis illustriert. Ähnlich wie Heinrich Vogeler sich zu gleicher Zeit in dem nicht fernen Worpswede aus bescheidenen Anfängen ein Atelierhaus nach eigenen ästhetischen Vorstellungen einrichtete, so schuf Müller vom Siel selbstbewusst eine topographische Mitte seines Daseins, das sich zu einem Anziehungs- und Mittelpunkt der kulturellen Umgebung entwickelte und „den oldenburgischen Heimatdichter Georg Ruseler (1866-1920), den Bremer Maler und Dichter, den norddeutschen Makart, Arthur Fitger (1840-1909), den Oldenburger Hofkunsthändler und Maler Ludwig Fischbeck (1866-1954), den Oldenburger Redakteur Wilhelm von Busch (1868-1940), die Oldenburger Graphikerin Marie Stein-Ranke (1873-1964), den Marschendichter Hermann Allmers (1821-1902) und viele andere zu Gast hatte." 2

 
Müller vom Siel:

Private Malschule sichert den Lebensunterhalt

Den Haushalt führten seine beiden älteren, nicht verheirateten Schwestern, und zur Sicherung des Lebensunterhalts diente ab 1900 eine private Malschule, die er in den Sommermonaten für Frauen unterhielt, denen damals noch der offizielle Zugang zu einer Akademie verwehrt war. Das Bestehen solcher Schulen war für die Popularisierung der Freilichtmalerei von großer Bedeutung, auch wenn sich der Unterricht vor der Natur oft auf gelegentliche Korrektur der Amateure beschränkte und leider allzu oft Dilettantisches entstehen ließ. Doch der Blick nach Worpswede, wo 1898 die junge Dresdnerin Paula Becker Schülerin von Fritz Mackensen wurde, zeigt die Möglichkeiten solcher privaten Schulung durch einen akademischen Maler, der letztlich weniger als Lehrer denn als Anreger fungierte. Aus dem Kreis der Schülerinnen Müller vom Siels, den eine Fotografie um 1905 anschaulich vorführt, sind einige namentlich bekannt: die aus Zwischenahn stammende Luise Roggemann, die heidemalende Gertrud Freifrau von Schimmelmann, Lily Fuhrken, Gretchen Francksen und Marie Stumpe, die von 1905 bis 1936 in Dötlingen lebte.

 
Müller vom Siel: Haus

„Ein Ausflug nach Dötlingen“

Der Oldenburger Dichter und Schriftsteller Georg Ruseler besuchte „Meineck“ anlässlich einer Radtour im Juni 1898 und hatte zuvor bereits den „Meister Müller vom Siel“ bedichtet. In der Bremer Zeitschrift „Niedersachsen“, deren Redakteur Hans Pfeiffer 1903 den Maler in Dötlingen aufsuchte, erschien bereits 1901 ein Aufsatz „Ein Ausflug nach Dötlingen“ von Ludwig Niemann. Das waren Anzeichen für die Popularisierung Dötlingens als Malerdorf und gleichermaßen für die zunehmende Bekanntheit Georg Müller vom Siels, dessen Karriere im Jahr 1908 durch den Ausbruch einer Geisteskrankheit abrupt beendet wurde.

 
G. B. Müller vom Siel:

Karl Dehmann

Als der Maler Karl Dehmann (1886-1974) im Frühjahr 1908 erstmals nach Dötlingen kam, da trat er unmittelbar die künstlerische Nachfolge Müller vom Siels an und festigte in den folgenden beiden Jahrzehnten den Ruf des Ortes als Künstlerwohnsitz. Wie Müller vom Siel kam Dehmann aus einer unprätentiösen Naturauffassung zu einer ebensolchen Kunst, die als Spiegel einer erlebten Wirklichkeit verstanden werden wollte. Dehmanns Gemälde wurden auch zu Dokumenten der inneren Verbundenheit mit seiner künstlerischen Wahlheimat, die er 1939, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, verließ. Um das Leben seiner jüdischen Frau zu retten emigrierte der Maler in die U.S.A., und entgegen aller späteren Pläne kehrte er nicht mehr zurück. In Amerika begann nach dem Krieg seine zweite künstlerische Karriere.

 
Selbstbildnis, 1912 (OPD)

Otto Pankok

Nach Ende seines Studiums an der Weimarer Akademie ließ sich Otto Pankok (1893-1966) 1912 in Dötlingen nieder und verbrachte hier bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges eine produktive und seine spätere Entwicklung prägende Zeit. Es soll ein Kommilitone der Weimarer Akademie gewesen sein, der ihm den Hinweis auf Dötlingen damals gab, wohin Pankok in Begleitung seiner Freunde Carl Lohse und Hermann Hundt aus Düsseldorf im September 1913 reiste und jene Kate bezog und kurz darauf erwarb, in der auch Müller vom Siel einmal gelebt und gearbeitet hatte. „Es begann“, so sagte Otto Pankok 1962 rückblickend auf seine Dötlinger Zeit, „ ein herrliches Jahr ... in ungeheurer Einsamkeit, ein Schwelgen in Kohle und Papier, ein Suchen nach dem Wesen des Menschlichen bei armen, abgeriebenen Weibern und Tagelöhnerinnen, die wie aus dem Sandboden aufgewachsen waren, fraßen, was sie der Erde abrangen, in Tuberkulose und Schmutz hinstarben und wieder völlig zu Erde wurden. Ich suchte der Natur und den Elementen so nahe zu sein wie diese einfachen Menschen in ihren Hütten und auf ihren Feldern, zu denen mein Instinkt mich getrieben. Ohne dieses eine und rauschhafte Jahr des Anfangs und der Bestätigung wäre die Folgezeit nicht ertragbar gewesen.“

 
Bauernkate Otto Pankoks in Dötlingen, 1913/1914 (OPD)

Die Dötlinger Zeit Otto Pankoks

Bereits 1912 hatte er im holländischen Gelderland großformatig Figuren zu zeichnen begonnen, wie er es jetzt konsequent jetzt auch in Dötlingen tat. Er stellte sie vor sich in sein rustikales Atelier, zeichnete sie lebensgroß, monumental und plastisch zugleich, und verfeinerte mittels der Kohle die Sprachmöglichkeiten des Schwarz von tiefster Dunkelheit bis zum zartesten grauen Valeur. Mit großer zeichnerischer Sicherheit und ebenso großem Mitempfinden inventarisierte Pankok das einfache Dötlinger Leben, in kargen Stilleben, in Ansichten von Zimmerecken und Schilderungen der Bauerngärten im Gegenlicht, vor allem aber in den Gesichtern der Bewohner.

 
G. B. Müller vom Siel, Huntelauf mit bewaldetem Ufer, um 1905 (LMO)

Kunstkritiker in Dötlingen

In der Zeit seines Dötlinger Aufenthaltes wurde der Oldenburger Kunstkritiker Wilhelm von Busch auf den jungen ambitionierten Zeichner in Dötlingen aufmerksam und vermittelte bereits im Herbst 1913 die erste Einzelausstellung Otto Pankoks im Oldenburger Lappan. Im Spätsommer des Jahres 1914 musste Otto Pankok im Zuge der allgemeinen Mobilmachung Dötlingen verlassen. Er verschenkte, wie es heißt, das im Vorjahr durch finanzielle Subvention seiner Großmutter erworbene Haus an die Armen des Dorfes, die ihm ein Jahr lang so geduldig Modell gesessen und seinen Weg begleitet hatten. Nach Ende des Kriegs, an dem er als Soldat an der Westfront teilnehmen musste, war die Welt nicht mehr dieselbe und eine Rückkehr nach Dötlingen ausgeschlossen. Es begannen auch für Pankok Jahre äußerer Unruhe, der Expressionismus als eine den Zeitenläufen angemessene Form fand auch in seinen Arbeiten starke Resonanz, Folge der eigenen inneren Erschütterungen. Doch auch damals ging Pankok immer wieder aufs Land, um bei den Bauern die Spur des einfachen Lebens wiederaufzunehmen, wie er sie in Dötlingen gefunden hatte und rückblickend einmal so resümierte: „Ohne dieses eine rauschhafte Jahr des Anfangs und der Bestätigung wäre die Folgezeit nicht ertragbar gewesen.“

Dr. Bernd Küster

1 Karl Veit Riedel Bernhard Müller vom Siel, Katalog Landesmuseum Oldenburg 1976 2 Karl Veit Riedel, Georg Bernhard Müller vom Siel. Der Maler von Dötlingen 1865-1939, Dötlingen 1990, S.7