"Steinhaufen" in Wald und Heide

Sie liegen oft versteckt im Wald oder abseits der großen Straßen und finden bei den Einheimischen selten die Wertschätzung, die sie eigentlich verdienen. Ihre Zahl ist in den letzten Jahrhunderten drastisch geschrumpft, weil sie als Steinbrüche mißbraucht wurden. Es geht um die Großsteingräber der Wildeshauser Geest, die vor mehr als 5000 Jahren als früheste Zeugnisse menschlicher Leistungsfähigkeit errichtet wurden. Sie sind die ältesten Bauwerke Nordeuropas; die Großsteingräber der Wildeshauser Geest wurden zwischen 3500 und 2700 vor Chr. errichtet. Wissenschaftlich werden sie als Megalithgräber bezeichnet, was sich aus dem Griechischen ableitet. Mega heißt groß und lithos ist der Stein. Während man im Mittelalter noch glaubte, dass die Grabanlagen nur von Riesen erbaut worden sein konnten, sieht man die Sachlage heute folgendermaßen:

 
Die Visbeker Braut (ROtHM)

Die "neolithische Revolution"

Im 4. Jahrtausend vor Christus, der Jungsteinzeit, wurden die Menschen sesshaft - Fachleute sprechen von der "neolithischen Revolution". Um 3500 v. Chr. war in der hiesigen Gegend der seit langer Zeit ablaufende Wechsel von Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern soweit fortgeschritten, dass diese die gewaltige Aufgabe des Baues von Großsteingräbern in Angriff nehmen konnten. Dafür brauchte man fest gefügte Dorfverbände und Lasttiere wie Ochsen, um die tonnenschweren Findlinge über viele Kilometer durch unwegsames Gelände transportieren und dann aufrichten zu können. Damals müssen sich die Menschen auch erstmals Gedanken über das Leben nach dem Tode gemacht haben. Denn monumentale Grabanlagen mit Grabbeigaben sind stets ein Hinweis darauf, dass man die Toten auf ein späteres Weiterleben vorbereiten wollte. Ausgrabungen haben gezeigt, dass die Megalithgräber nach ihrer Fertigstellung von mehreren Generationen, d.h. über Jahrhunderte hinweg für die Totenbestattung in der Region weitergenutzt wurden.

 
Der abgebildete Trichterbecher´ kann im Visbeker Rathaus besichtigt werden. (ROTHM)

Trichterbecherleute in der Geest

Megalithbauten erstrecken sich über das gesamte Nordwesteuropa, einige Inseln im Mittelmeer und wenige Stellen Nordafrikas, wobei sich regional bauliche Unterschiede entwickelten. In der Wildeshauser Geest spricht man von der genannten "Trichterbecherkultur", deren Name sich von den typischen Tiefstich-Keramikfunden in den Gräbern ableitet.

 
Das Großsteingrab Kleinenkneten 2 ist einzigartig und weist 3 Grabkammern auf (ROTHM)

Monumentalprojekte der Vorzeit

Die Großsteingräber der Geest wurden meist als lang gestreckte Hünenbetten oder Ganggräber errichtet, deren Bau vermutlich folgendermaßen ablief:
Findlinge, die vor 235.000 bis 125.000 Jahren von den Gletschern der Saale-Eiszeit aus Skandinavien kommend überall in der Geest in großer Zahl abgelagert worden waren, wurden vermutlich mit Hilfe von Ochsengespannen und Rollen aus dünnen Baumstämmen zum Bauplatz transportiert. Dort wurden die senkrecht stehenden Tragsteine in ausgehobene Gruben eingelassen. Über aufgeschüttete Rampen wurden die Decksteine oben auf die Grabkammer geschleppt. Die Zwischenräume zwischen den Tragsteinen wurden mit kleinen Steinen und Erde aufgefüllt, und zum Schluss wurde das Ganze mit einem Erdhügel abgedeckt. Die Rekonstruktion des Hünenbettes 1 in Kleinenkneten zeigt, dass bei den großen Steinsetzungen die Tragsteine vermutlich außen frei sichtbar blieben.

 
Visbeker Braut (KHZ)

Kahlschlag in nur 200 Jahren

Fast alle Großsteingräber, die heute noch existieren, sind geschädigt. Es fehlen Einfass-, Trag- oder sogar Decksteine. Wo diese zu groß zum Abtransport waren, versuchte man sie zu sprengen. Besonders traurige Reste dieser Grabräuberei sind die Gräber Bakler Berg in Ahlhorn, Wittenhöge bei Huntlosen und Grab 3 in Steinkimmen. Die Steine wurden bei Kirchen- und Hausfundamenten, Grundstückseinfriedungen, in Denk- und Ehrenmälern verbaut, zerkleinert als Straßenunterbau verwendet, und nicht zuletzt an die Küsten verkauft, wo sie beim Hafen- und Deichbau sehr gefragt waren. Dass überhaupt noch Großsteingräber erhalten sind, verdanken wir a) der Tatsache, dass die Geest als unfruchtbare Gegend immer relativ dünn besiedelt war, und es genügend andere Findlinge gab, b) viele Gräber in relativ unwegsamem Gelände liegen und sie c) bereits relativ früh unter Schutz gestellt worden sind. Denn bereits 1819 erließ die Herzogliche Kammer zu Oldenburg eine erste Verordnung, derzufolge Großsteingräber und Grabhügel möglichst erhalten und vor Zerstörungen bewahrt werden sollten. Denn schon damals nahm ihre Zahl rapide ab. Gab es vor 200 Jahren noch hunderte von Großsteingräbern, so beschränkt sich ihre Zahl heute leider auf nur noch 39 Gräber in der Wildeshauser Geest. Einige von ihnen sind von Steinräubern derartig geplündert und geschädigt worden, dass sie nur noch für Fachleute interessant sind. Aber den folgenden Großsteingräbern sollte man durchaus einmal einen Besuch abstatten.

 
Der Heidenopfertisch mit dem 40-Tonnen-Deckstein (ROTHM)

Visbeker Braut und Bräutigam

Hierbei handelt es sich um Norddeutschlands größte Hünenbetten, die 80 m bzw. 104 m lang sind und bei denen Steinsetzungen aus 86 bzw. 126 Findlingen die relativ kleinen Grabkammern umgeben. Bei beiden Anlagen wird eine Schmalseite von besonders großen "Wächtersteinen" gebildet. Obwohl die beiden Gräber fast 4 km auseinander liegen, sind sie durch eine uralte Sage verbunden, derzufolge dort in grauer Vorzeit zwei Hochzeitsgesellschaften zu Stein verwandelt wurden. Unmittelbar rund um den Bräutigam liegen vier weitere Großsteingräber unterschiedlicher Bauart. Und ganz in der Nähe liegt der "Heidenopfertisch", das wohl am häufigsten abgebildete Großsteingrab mit einem 40 t schweren Deckstein, von dem zwei Stücke abgesprengt wurden, und der somit ursprünglich noch größer war. Die Gräber liegen im Süden Ahlhorns auf dem Weg nach Visbek, ganz in der Nähe der Gaststätte Engelmannsbäke.

 
Die Glaner Braut, Blick in das größte Grab dieser Ansammlung (ROTHM)

Glaner Braut

Den Komplex der Glaner Braut bilden ebenfalls 4 unterschiedliche Großsteingräber, die relativ stark zerstört sind. Zwei der Gräber sind Hünenbetten. Die besondere Stimmung in dieser Anlage wird durch ihre Lage in einer kleinen Heidelandschaft hervorgerufen. Die Gräber liegen einige km nordwestlich von Wildeshausen, das man auf Kreisstraße 242 in Richtung Huntlosen verlässt. Kurz vor Glane geht es rechts ab zur Glaner Braut.

 
Skizze der Hünensteine 2 in Kleinkneten mit den 3 Grabkammern (ROTHM)

Die Großen Steine von Kleinenkneten

Wie Braut und Bräutigam sind sie ein Muss für Megalith-Fans! Das größere Grab, das Hünenbett 1, wurde von 1936/37 in reiner Handarbeit originalgetreu restauriert. Der Besucher erhält so einen Eindruck, wie die großen Megalithgräber vor 5000 Jahren einmal ausgesehen haben mögen, und man kann sogar in die Grabkammer kriechen. Das direkt nebenan liegende Hünenbett 2 ist weltweit einzigartig, weil es 3 Grabkammern besitzt, bei denen die Eingänge noch sehr gut zu erkennen sind. Ganz in der Nähe liegt auch das berühmte Pestruper Gräberfeld mit seinen über 560 Grabhügeln aus der Bronze und Eisenzeit. Man erreicht diese Sehenswürdigkeiten, indem man Wildeshausen auf der K 248 in Richtung Colnrade verlässt. Nach wenigen Kilometern liegt rechts das Gräberfeld und nach einigen weiteren Kilometern geht es rechts nach Kleinenkneten und zu den Großsteingräbern ab.

 
Die Reckumer Steine (ROTHM)

Weitere lohnende Großsteingräber

Die Reckumer Steine, die Hohen Steine von Wildeshausen und die Ahlhorner Kellersteine sind große Ganggräber, die ebenfalls einen Besuch lohnen, weil Sie relativ gut erhalten sind und von gewaltigen Decksteinen gekrönt sind.

 

 
Die mächtigen Wächtersteine der Visbeker Braut (ROTHM)

und der ganze Rest ...

Neben den vorgenannten Grabanlagen und den dazugehörigen kleineren Nebengräbern gibt es noch 20 weitere Grabanlagen in Steinkimmen, Stenum, Hatten, Dötlingen, Wildeshausen, Großenkneten und Visbek, deren Beschreibung den Rahmen dieses Beitrages sprengen würde. Detaillierte Informationen zu allen oben genannten und den restlichen Großsteingräbern in der Wildeshauser Geest mit Fotos und Anfahrtshinweisen finden sich auf den beiden Internetseiten:

Steinzeitreise - Faszination Archäologie - Mystische Routen in der Wildeshauser Geest und Steinzeugen  - private Homepage über Großstein- und Hügelgräber

Dr. Bernd Rothmann
Arbeitsgemeinschaft für Archäologische Denkmalpflege, Oldenburg