Wem würde Großgörschen heute schon noch etwas bedeuten, wenn es Werner Berges nicht gäbe? Napoleon, der 1812 geschlagen aus Russland zurückgekehrt war, hatte in dem kleinen Dorf bei Leipzig einen Etappensieg über die Preußen errungen, der bald in Vergessenheit geriet. Im zweiten Stock des Hauses mit der Nr. 35 in der gleichnamigen Straße in Berlin entstand hingegen 1964 etwas, das sich als wesentlich dauerhafter erweisen sollte. Das durch die Mauer seit 1961 abgeriegelte Westberlin hatte lediglich fünf nennenswerte Galerien aufzuweisen, und deshalb griffen ein Dutzend junge Künstler zur Selbsthilfe, präsentierten in diesen Räumen der ehemaligen Sargfabrik jeden Monat eine andere aktuelle Position.1

 
(4) 'Kurz hinter Vechta'. Universitätsbibliothek Vechta

Über Berge von Schnapsleichen musste Heinz Ohff damals steigen, bis er zu den Bildern gelangte. „Und jede grunzte unwillig, wenn wir es taten“, berichtet der renommierte Kunstkritiker des „Tagesspiegel“. Und weiter heißt es bei ihm: „Im nüchternen Zustand hatte diese Galerie schon einiges zu bieten.“ In solch einem Umfeld konnte Werner Berges, der sich seinen Kommilitonen in Berlin als Abkömmling einer Bauern- und Schnapsbrennerfamilie in Cloppenburg präsentiert hatte, unbedroht und inspiriert seiner Arbeit nachgehen.2

 

1963 war Berges, der vorher unter den skeptischen Augen seiner Familie in Bremen Gebrauchsgrafik studiert und 1962 seine ersten Arbeiten vorgestellt hatte, auf Empfehlung von Johannes Schreiter an die Staatliche Hochschule für Bildende Künste nach Berlin gegangen. Hier kam er zu Alexander Camaro, einer schillernden Figur, einem Kunstprofessor, der bei Mary Wigman in Dresden Ausdruckstanz studiert und als Ballettmeister im ostpreußischen Allenstein gearbeitet hatte, als der Zweite Weltkrieg angezettelt wurde. Auch wenn es heißt, dass zwischen Camaro und Werner Berges nur wenige Worte gefallen sind, wird man in der Begegnung mit diesem Maler, Tänzer und Performer, der unstet auf der Suche nach dem Ausdruck von Körpern war, Inspirationen – und die Freiheit – für entscheidende Schritte auf dem weiteren Weg des jungen Studenten vermuten dürfen.

 
'Beton'. Universitätsbibliothek Vechta

Das Thema der jungen Künstlergeneration in Berlin war die Wiederaufnahme der gegenständlichen Malerei, mit der sie sich von ihren Lehrern, von deren Nachkriegstraditionen und dem in der Berliner Szene gefeierten abstrakten Expressionismus abzusetzen vermochte. Berges definierte in diesem Umfeld schon sehr bald eine singuläre Position, die ihn über die Rezeption des amerikanischen Informel zu einer eigenen Auffassung der PopArt führte.

 
'Auch ein Klassenausflug... '. In: 'Vechta! Eine Fiktion!' S. 59.

Auch die in Bremen gelernte technische Perfektion des Gebrauchsgrafikers war hierbei letztlich grundlegend, führte ihn, den mit seiner Kunst Analysierenden, auch rein handwerklich mehr als Andere ins Herz des populären Bildschaffens seiner Zeit, wie sie sich in Zeitungen und Zeitschriften, auf Litfasssäulen und Plakatwänden aggressiv ausbreitete. Nicht zuletzt wurde die Serienherstellung auch bei Werner Berges, wie Ewald Gäßler hervorgehoben hat, zum Teil des künstlerischen Prozesses selbst. Der Aspekt der Serie, der die Besucher auch durch die verschiedenen Standorte dieser großen Schau implizit begleiten wird, ist daher ein ebenso substanzielles Element dieses künstlerischen Weges wie bei Anderen die Suche nach der reinen Farbe oder nach neuen Dimensionen in der Fläche des Bildes.3 + 4

 
Hans Egon Holthusen u.a.: Totenreden für Gottfried Benn. Wiesbaden 1956. Exemplar mit Widmungsgedicht von Brinkmann Universitätsbibliothek Vechta

Zunächst, in den Arbeiten um 1965, tauchen Elemente der PopArt noch mehr oder weniger versteckt, in der Geschichte eines kleinteiligen Bildes auf, bevor sie gegen Ende der sechziger Jahre dann wuchtig in die Fläche vordringen, mit ihrer plakativen Farbigkeit den Betrachter beinahe überwältigen. Es wäre abwegig, dahinter einen Fünfjahresrhythmus zu vermuten, aber in der Mitte der siebziger Jahre gibt es einen erneuten Schnitt, weg vom plakativen Typus hin zu den Menschen, die damit immer gemeint waren. Zarte Pastelltöne signalisieren Zurückhaltung, kleinteilige Formen, die in Manchem an Berges' Berliner Anfänge erinnern, erzwingen den entfernten Blick auf eine Vielfalt von Figuren, bringen den Bildraum in neue Bewegung.

 
(9) Cover: 'Raupenbahn. Erzählungen'. Köln 1966. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch

Wenn man dem Geist der PopArt verbunden und gleichzeitig künstlerischer Arbeit verpflichtet bleiben will, dann geht das nur mit Humor. Nur so lässt sich vielleicht die neue Indienstnahme der Bilder verwehren, aus der die PopArt sie so massiv befreit hat. Legendär wurde Berges' Auftritt in der „Sportschau“, als er auf die Frage des uninformierten Moderators, wie er denn zur Kunst gekommen sei, konterte, schließlich habe schon sein Großvater den Kunstdünger in Cloppenburg etabliert. Damit war der Versuch, einen Künstler vorzuführen, gründlich misslungen.

 

 
(10) 'Die Bombe in meinem Kopf'. Universitätsbibliothek Vechta

Das Gleiche gilt vor allem für die Titulierung seiner Bilder, die dieser Entschlüsselung nicht bedürfen. Aus Ihnen spricht mehr als die Unlust, Worte anstelle der Bilder zu setzen - die gewohnt gebückte Museumshaltung anstelle des aufmerksamen Blicks. Was mir im Augenblick ständig begegnet, ist dafür ein Paradebeispiel: "Langhans seine". Worum es geht, Vertreter meiner Generation wissen es sofort, ist ein Sujet, das Berges' PopArt im Kern kennzeichnet: Uschi Obermeier, eine Frau als Ikone, als Modeikone und als politische Ikone, ununterscheidbar beides, wie auch Politik, die sogenannte "radikale" allen voran, sich seinerzeit – im legendären „Achtundsechzig“ - immer mehr zur öffentlichen Bildproduktion gewandelt hatte.

 

Das Ende dieser PopArt-Zeit bei Werner Berges wird gemeinhin mit dem Umzug der jungen Familie von Berlin in das ländliche Umfeld von Freiburg im Jahre 1977 verbunden, deutet sich aber in den seit 1975 entstehenden Berliner Arbeiten bereits an. Hier bereiten sich jene Körper vor, die dann förmlich aus dem Bildraum heraus in die Welt treten, zu Skulpturen werden, deren Schichtung ihnen Raum gibt, ohne dass sie ihr silhouettenhaftes Dasein aufgeben. Assoziationen an modernes Tanztheater, an die flüchtigen Begegnungen von bewegten Gestalten und Gruppen auf einer Bühne drängen sich auf. Wir sehen nun, dass die Spannung von Fläche und Linie, die mit der PopArt so scheinbar eindeutig zugunsten der Fläche entschieden war, unverändert drängend geblieben ist.5

 
(10) 'Die Bombe in meinem Kopf'. Universitätsbibliothek Vechta

Seit Mitte der achtziger Jahre wird auch die Linie als ein das Bild beherrschendes Element fundamental in Frage gestellt, dies vor allem auch dadurch, dass Werner Berges nun seinen Schwerpunkt hin zur Aquarellmalerei auf Bütten verlegt.Schließlich wirkt es wie eine Synthese dieser Operationen aus den davor liegenden vierzig Jahren, als der Künstler um die Jahrtausendwende herum damit beginnt, Motive seiner früheren Schaffensphasen neu zu befragen. So kehren sie wieder, die plakativen, jung-dynamischen Körperumrisse der PopArt, nun aber als verschwimmende Silhouetten gemalt oder gedruckt, in Gruppen gleichsam neutralisiert. Körperbestimmende Farbflächen kehren zurück, um sogleich wieder in unterschiedlichster Weise zu korrodieren – in verwirrender Korrespondenz zu den strengen farbigen Stahlkörpern, die Werner Berges in dieser Zeit unter dem Titel „Jede Menge Leute“ für einige Standorte geschaffen hat.6

 
(10) 'Die Bombe in meinem Kopf'. Universitätsbibliothek Vechta

Ein weiteres Charakteristikum, das alles Arbeiten von Werner Berges seit jeher auszeichnet, ist in solchen Werken der letzten Jahre besonders augenfällig geworden: die unbändige Lust, die ihn beschleicht, wenn neue technische Verfahren die Gestaltung mit neuen Materialien eröffnen. Das begann schon früh mit T-Shirts, Tapeten und PopArt- Fliesen, sozusagen einer Begegnung mit den Materialien der Konsumwelt, die dieser die ihr entlehnten Zeichen wieder zurück spiegelt.

 

 
(10) 'Die Bombe in meinem Kopf'. Universitätsbibliothek Vechta