Wie auch immer die Nachwelt ihn einschätzt: Ob sie glaubt, er wollte am Ende gar kein Dichter sein, ob sie meint, er sei bloß auf die Welt gekommen, um zu krakeelen, ob sie ihn für einen oberflächlichen Arrangeur von aufgeschnappten Songs, Textzeilen und Heftchenreklame oder für das einzige Genie der Nachkriegsliteratur hält; ob er als das unerträgliche Enfant terrible des Literaturbetriebs dasteht, das zielsicher alle Freunde vergrault hat oder ob er zum letzten großen Erneuerer und Grenzgänger zwischen Hoch- und Unterhaltungskultur stilisiert wird – gleich, wo er stehen darf und ganz gleich, ob seine Schreib- und Arbeitsweise tatsächlich als Herausforderung überdauert – woher und wie dieser Autor zum Schreiben kam, bleibt im Dunkel. Wann und wie er seine Urwahl traf, wann und warum jenes unbedingte Sich-einsetzen begann, durch das jeder einzelne darüber entscheidet, was er sein wird und ist, wann und weshalb er genau empfand, dass er ein Anderer geworden war, können wir nach Lage der Dinge nicht erklären.

 
(4) 'Kurz hinter Vechta'. Universitätsbibliothek Vechta

Von Beginn an hat sich Brinkmann auch mit dem Landstrich schwer getan, in dem er aufwuchs. Seine späteren Äußerungen bezeugen die vom Hass grundierte, aber dennoch enge Bindung an seine Region („katholisch verseucht“). Am 16. 4. 1940 in Vechta geboren, begannen traumatische Erfahrungen in den Bombennächten („reduziert auf Tod und Sterben“), mit der Kinderlähmung und dem Tod des Großvaters 1950, dem frühen Krebstod der Mutter 1957. Die von Brinkmann als äußerst belastend erfahrenen Umstände setzten sich in der Erziehung und der unmittelbaren Umwelt fort, bei dem dominanten Vater Josef Brinkmann, der als Finanzbeamter in Vechta arbeitete, in der Schule („verkümmerte Lehrergestalten“; „von Krüppeln erzogen“), denn er musste nach dem Besuch der katholischen Volksschule das „Gymnasium Antonianum“ in Vechta Ostern 1958 nach der 9. Klasse ohne Abschluss verlassen.

 

Ungeklärter Tod

Am 12. Oktober 1958 kehrte er Vechta den Rücken und versuchte zunächst in Cloppenburg zwei Wochen lang sein Abitur nachzuholen. Zuvor hatte er die auf Geheiß seines Vaters beim Finanzamt Oldenburg begonnene Ausbildung zum Verwaltungsangestellten abgebrochen. 1958 reist er ohne Geld nach Paris und Brüssel. Danach folgen Gelegenheitsarbeiten, bevor er 1959 nach Essen ins Ruhrgebiet umzieht. 1959 beginnt zusammen mit Ralf-Rainer Rygulla, dem Freund und Partner künftiger Projekte, die Buchhändlerlehre in Essen, wo er auch seine Frau Maleen Kramer kennen lernt. Sie heiraten 1964 und bekommen im selben Jahr ihren Sohn Robert. Schon 1962 ziehen sie nach Köln, wo beide an der Pädagogischen Hochschule studieren, Brinkmann bis 1966. Das Familienleben gestaltet sich wohl sehr schwierig („Verstümmelungen durch Familie & namenlose Ängste“), die kleine Familie lebt oft am Rande des Existenzminimums, Brinkmann kann mit seinen literarischen, filmischen, photographischen Arbeiten und den Tätigkeiten für den Rundfunk als freier Schriftsteller den Unterhalt zu keiner Zeit sichern. Der immer wieder nötige Verkauf seiner Büchersammlung erklärt die prekäre Lage („wie soll das alles weitergehen?“). Ab 1965 hält er sich mehrmals in London auf, bekommt verschiedene Stipendien, so das bedeutende „Stipendium der Villa Massimo“, das ihn 1972 bis 1973 nach Rom führt. Der letzte große Auslandsaufenthalt folgt 1974. Brinkmann ist zu Gast am German Department der Universität Austin, Texas. Ein großer Auftritt gelingt dann mit der Einladung zum renommierten „International Poetry Festival“ im April 1975 in Cambridge / England. Auf der Rückreise von dort – kurz vor Erscheinen seines Gedichtbandes Westwärts 1&2 kommt Brinkmann unter ungeklärten Umständen ums Leben. Er wird am 23. April 1975 in London von einem Auto überfahren.

 
'Beton'. Universitätsbibliothek Vechta

"Ihm war nicht zu helfen..."

Ihm war nicht zu helfen – dieses für Frühvollendete in der Literatur häufiger herangezogene Wort trifft auf die Lebens- und Leidensgeschichte Brinkmanns zu. Denn in seinem kurzen Leben hat er unter enormem Druck wahrhaft große und umfangreiche Arbeiten geschaffen. Schon aus der Schulzeit wird von seinen Fähigkeiten berichtet. Die Schüler des „Gymnasium Antonianum“ in Vechta trafen sich regelmäßig an Sonntagen, um nach strengen Regeln literarische Texte vorzutragen oder kleine Vorträge zu halten. Das in der Universitätsbibliothek Vechta erhaltene Protokollbuch (eine Kladde) der „Rhetorika Vechtensis“ dokumentiert in meist zwei- bis dreiseitigen Zusammenfassungen den Verlauf und die wesentlichen Themen oder auch Vorfälle, die manchmal zu hitzigen Diskussionen und Strafaktionen führten. Im Alter von 16 Jahren hielt Brinkmann mehrere Vorträge über den Existentialismus, über Benn oder Rimbaud und rezitierte Gedichte von Rilke oder Ezra Pound. Zu dieser Zeit verfasste er schon eine stattliche Zahl von Gedichten, gerichtet an Jugendlieben. Und spielte bei Theateraufführungen mit, einmal in der Rolle des Beckmann in Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür.

 
'Auch ein Klassenausflug... '. In: 'Vechta! Eine Fiktion!' S. 59.

Wie weit die ersten literarischen Versuche zurückreichen, ist noch nicht sicher. Im Teilnachlass in Vechta ist seit 2005 dokumentiert, wie intensiv Brinkmann an einzelnen Texten gearbeitet hat und die bloße Zahl dieser Sammlung (über 300 Blatt Lyrik und 250 Blatt Prosa) aus dem Besitz des Schulfreundes Peter Hackmann lässt vermuten, dass hier vielleicht noch weitere Funde zu erwarten sind. Denn die Texte stammen nicht erst aus der Zeit der ersten Veröffentlichungen, sondern sind in ihren Vorstufen wohl einige Jahre vorher entstanden.

 
Hans Egon Holthusen u.a.: Totenreden für Gottfried Benn. Wiesbaden 1956. Exemplar mit Widmungsgedicht von Brinkmann Universitätsbibliothek Vechta

Von Brinkmann autorisierte Publikationen

Die von Brinkmann autorisierten Veröffentlichungen sind nicht sehr zahlreich. Neben den ersten Einzelpublikationen in Anthologien 1961/1962 folgen aufeinander die Gedichte Ihr nennt es Sprache (1962 bei Willbrand in Leverkusen in limitierter Auflage von 500 Exemplaren) und Le chant du monde 1964 in der Hagarpresse Olef, 160 Exemplare), dann, mit größerem Erfolg der Erzählungsband Die Umarmung (1965 in Köln bei Kiepenheuer & Witsch). Der Verlag bringt dann im Jahr darauf auch die Prosatexte Raupenbahn heraus und betreut 1967 den Gedichtband Was fraglich ist wofür, sowie den Roman Keiner weiß mehr (1968) und weitere Gedichtbände. Die Bindung an Kiepenheuer, die vom damaligen Lektor Dieter Wellershoff ausging, blieb lange erhalten, auch wenn Brinkmann zeitweise in anderen Verlagen publizierte, so die wichtige Anthologie Acid. Neue amerikanische Szene 1969 im März Verlag Darmstadt, und wohl noch nach seinem Wechsel zu Rowohlt, der den letzten Band Westwärts 1&2 im Todesjahr in gekürzter Form herausbrachte und seither alle Bände betreut.

 
(9) Cover: 'Raupenbahn. Erzählungen'. Köln 1966. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch

Alle nach 1975 erschienenen Ausgaben sind Editionen der Witwe Brinkmanns, besonders die autobiographischen Aufzeichnungen Rom, Blicke (1979) sowie die tagebuchartigen Texte in Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand (1987), aber auch die autorisierten Gedichtbände unter dem Titel Standphotos (1980) und die gesammelten Erzählungen (1985), die in den USA entstandenen Gedichte Eiswasser an der Guadelupe Str. (1985) oder die Briefe an Hartmut (1999) und die 2010 erschienene Auswahl von Gedichten aus dem Vechtaer Nachlass Vorstellung meiner Hände. Es lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht genau sagen, in welcher Gestalt der Autor die Texte veröffentlichen wollte oder ob sie in der vorliegenden Form überhaupt dafür bestimmt waren. Aufs Ganze gesehen kann man die Bandbreite seines Wirkens noch nicht abschließend beurteilen. Bekannt ist die Arbeit für den WDR. Einige Tonbandprotokolle und Originaltonaufnahmen sind 2005 unter dem Titel Wörter Sex Schnitt in 5 CDs erschienen. Bekannt sind auch die Versuche mit dem Medium Film. Solange der gesamte Nachlass nicht zugänglich ist, bleiben nur Spekulationen.

 
(10) 'Die Bombe in meinem Kopf'. Universitätsbibliothek Vechta

Brinkmanns Werk steht im Zeichen der nachholenden Moderne. Er begann unter dem starken Einfluss des französischen Existentialismus und der Lyrik Gottfried Benns, er kultivierte schon in seiner Vechtaer Zeit den Typus des modernen, verruchten Poeten und Bürgerschrecks. Die damit verbundene metaphysische Obdachlosigkeit – in zahllosen Äußerungen Brinkmanns bezeugt – muss man aber sehr ernst nehmen. In Essen und Köln hat er Zugang zur Gegenwartsliteratur und besonders zum „nouveau roman“ (Robbe-Grillet), der zu Beginn der sechziger Jahre seine Prosaarbeit prägen wird. Ende der sechziger Jahre dominiert die „underground“-Kultur und das umfassende Interesse für Pop, das ihn schon früh für die Musik begeistert. Amerikanische Autoren, Popliteraten, Filme, Rock`n`Roll, Jazz, Comics – es gibt keine Sparte der modernen Alltagskultur, die Brinkmann nicht für seine Kunst zu nutzen gewusst hätte. Zuletzt sucht er im Film den Ort für seine Vorstellung von absoluter Gegenwart. Die Kunst begreift er in einem ganz elementaren Sinn als Erweiterung des Lebens und deshalb überschreitet Brinkmann die Grenzen von Kunst und Nicht-Kunst mit jedem Projekt.

 

Nur während des Schreibens konnte er wahrhaft leben; in helle Erregung versetzte ihn alles, was ihn davon abhielt; Bücher verschlang er wie Zigaretten, immer auf der Suche nach einer Antwort auf die eine, drängende Frage: Wo aber ist das Leben? Dass er es nach so kurzer Zeit verlor, mag man als eine seltsame Ironie der Geschichte nehmen, genau wie die Tatsache, dass er am Ende nach Vechta zurückkehrte. Dem Grabstein auf dem katholischen Friedhof wurden erst 1992 unten die Lettern „Rolf Dieter 1940-1975“ hinzugefügt. Bis dahin ruhte er anonym im Familiengrab.

Prof. Dr. Markus Fauser (Arbeitsstelle Rolf Dieter Brinkmann)


Literatur:
Fauser, Markus (Hg.): Medialität der Kunst. Rolf Dieter Brinkmann in der Moderne. Bielefeld 2011.
„Vechta! Eine Fiktion!“ Der Dichter Rolf Dieter Brinkmann. Ausstellung und Katalog. Hg. v. Gunter Geduldig und Ursula Schüssler. Osnabrück 1995.
Wellershoff, Dieter: In der Arena der Literatur. Über Rolf Dieter Brinkmann. Mainz 2008.

Mehr Informationen:
Arbeitsstelle Rolf Dieter Brinkmann

Abbildungsnachweis:
(1) Cover: "Die Piloten. Neue Gedichte". Kiepenheuer & Witsch, Köln 1968. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch
(2)"Auch ein Klassenausflug. Von links: Otto Krzemien, Egbert Nieberding, Ulrich Wefer, Rolf Dieter Brinkmann, August Dieckmann". In: „Vechta! Eine Fiktion!“ Der Dichter Rolf Dieter Brinkmann. Ausstellung und Katalog. Hg. v. Gunter Geduldig. Osnabrück 1995. S. 59.
(3) Medialität der Kunst. Rolf Dieter Brinkmann in der Moderne. Hg. v. M. Fauser. Bielefeld 2011 transcript Verlag
(4) "Kurz hinter Vechta". Universitätsbibliothek Vechta
(5) "Brinkmann in der Rolle des Beckmann". In: „Vechta! Eine Fiktion!“ Der Dichter Rolf Dieter Brinkmann. Ausstellung und Katalog. Hg. v. Gunter Geduldig. Osnabrück 1995. S. 62.
(6) "Beton". Universitätsbibliothek Vechta
(7) "Auch ein Klassenausflug. Von links: Otto Krzemien, Egbert Nieberding, Ulrich Wefer, Rolf Dieter Brinkmann, August Dieckmann". In: „Vechta! Eine Fiktion!“ Der Dichter Rolf Dieter Brinkmann. Ausstellung und Katalog. Hg. v. Gunter Geduldig. Osnabrück 1995. S. 59.
(8) Hans Egon Holthusen u.a.: Totenreden für Gottfried Benn. Wiesbaden 1956. Exemplar mit Widmungsgedicht von Brinkmann Universitätsbibliothek Vechta
(9) Cover: "Raupenbahn. Erzählungen". Kiepenheuer & Witsch, Köln 1966. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch
(10) "Die Bombe in meinem Kopf". Universitätsbibliothek Vechta
(11) Cover: "Die Piloten. Neue Gedichte". Kiepenheuer & Witsch, Köln 1968. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch