Das Aussehen der Landschaft ist durch jahrhundertlange Einflussnahme des Menschen geprägt. Viele einzelne Relikte vergangener Zeiten sind heute noch deutlich in der Landschaft erkennbar und tragen zum Besonderen und Schönen einer Region bei. Sie haben für die Menschen Symbolcharakter, denn es sind ihnen vertraute Objekte, woran sie ihr Dorf und ihre Region erkennen und sich zu Hause fühlen. Solche charakteristischen Landschaftselemente sind im Nordwesten Niedersachsens z.B. die historischen Siedlungsstrukturen, die Drubbel genannt werden, die Gehölze aus alten Eichen um die einzelnen Bauernhöfe, die hofnahen Plaggenesche oder landschaftsgliedernde Wallhecken.

 
Eschrandsiedlung Schwichteler/Cloppenburg (SDB)

Plaggenesch

Nicht nur Leichen verbergen sich unter den „Hügeln“ dieser Landschaft. Ein für Nordwestniedersachsen typischer flacher Hügel in Siedlungsnähe ist oftmals ein sogenannter Plaggenesch. Es handelt sich um eine historische Ackerfläche, die an ihrer uhrglasförmigen Wölbung zu erkennen ist. Die Wölbung ist durch eine heute nicht mehr gebräuchliche Art der Bewirtschaftung entstanden. In den Marken und Gemeinheiten aber auch auf privaten Flächen haben die Bauern Gras- oder Heideplaggen gestochen. Dafür wurde die Pflanzendecke mit etwas Boden daran stückweise abgeschält und zunächst in die Viehställe als Einstreu gebracht, später dann, vermischt mit dem Dung der Tiere, auf den Esch verteilt oder auch gleich ausgebracht. Diese Plaggenwirtschaft wurde zur Düngung der Ackerflächen durchgeführt und ließ im Lauf der Jahrhunderte mancherorts eine bis zu 1 m mächtige Eschauflage über dem eigentlichen Boden entstehen. An den Seiten der Felder entstanden Böschungskanten, wodurch der Höhenunterschied zur Umgebung besonders deutlich hervortritt. Die Plaggendüngung wurde bis zum Aufkommen des mineralischen Düngers Ende des 19. Jahrhunderts beibehalten.

 
Ackerkante am Angelbecker Esch (SDB)

Eschrandsiedlungen oder Drubbel

Am Rand eines Plaggeneschs liegen die alten Bauernhöfe locker beieinander. Diese sogenannten Eschrandsiedlungen oder Drubbel weisen keinen Ortskern auf. Typisch für diese historische Siedlungsform sind auch die kurvenreichen Ortsdurchfahrten, weil sich die Wege nach der Lage der Höfe richteten. Drubbel und Plaggenesche lassen sich z.B. gut südlich von Cloppenburg in der Gemeinde Cappeln beobachten (z.B. Bauerschaften Elsten, Warnstedt, Bokel, Tenstedt, Schwichteler). Eindrucksvolle Böschungskanten sind an den Eschflächen von Angelbeck südlich von Löningen erhalten.

 
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Hofgehölze

Ein charakteristisches Merkmal der Bauernhöfe sind außerdem die sie umgebenden Hofgehölze. Mancherorts fallen sogar kleine Wäldchen in der Landschaft auf, worin sich die Einzelhöfe geschützt verbergen. Im Oldenburger Münsterland beispielsweise werden diese Gehölze vor allem aus Altholzbeständen von Stieleichen gebildet. Die Bäume waren Holzlieferant für die Fachwerkhäuser und für Möbel, dienten als Blitzableiter und Wetterschutz.

 
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Wallhecken

In vielen nordwesteuropäischen Landschaften sind Wallhecken zu beobachten, so auch in der Region Weser-Ems. Ihre Verbreitung ist auf die Geestgebiete beschränkt, in den Fluss- und Seemarschen sowie auf Hoch- und Niedermoorböden gehen die Wallhecken in Gräben über. Die Entstehung der Wallhecken hängt mit der Siedlungsgeschichte und der Entwicklung der Eigentumsverhältnisse zusammen. Die Wallheckenlandschaft hat sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet. Ein landschaftsprägendes Auftreten der Wallhecken ergab sich jedoch erst im Rahmen der Marken- und Gemeinheitsteilungen sowie der Eschverkoppelungen. Durch die Neuregelung der Besitzverhältnisse hatte die Verbreitung von Wallhecken bis Ende des 19. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland das höchste Ausmaß erlangt. Zu dieser Zeit waren die Geestgebiete in Weser-Ems mit einem geradlinig verlaufenden und planvoll angelegten Wallheckennetz überzogen. Hierfür wurden Erdwälle aufgeworfen und mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt, parallel entstanden Drainagegräben. Die Wallhecken erfüllten gleichzeitig verschiedenen Funktionen: neben dem Schutz der Ernte dienten sie zur Eigentumsmarkierung, Entwässerung und als Holzlieferant. Unter Herausbildung einiger hauptsächlich zum Hausbau verwendeter Überhälter wurden die Bäume und Sträucher regelmäßig auf den Stock gesetzt. Zur Laubheugewinnung wurden sie außerdem geschneitelt. Hier wie auch in vielen anderen europäischen Ländern war das anhauen, umknicken und ineinander flechten der Zweige üblich, um ein dichtes Strauchwerk (Zaun) zu entwickeln.

 
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Religiöse Wahrzeichen

Landschaftsprägend für das Oldenburger Münsterland sind außerdem verschiedene religiöse Wahrzeichen wie Kreuze, Mariendarstellungen und kleine Kapellen. Diese Wahrzeichen sind an Wegen oder Wegegabelungen, auf Haus- und Hofgrundstücken sowie Plätzen zu finden, mitunter auch außerhalb der Siedlungen und werden häufig von einem Beet oder kleinen Garten eingerahmt. Sie sind Zeichen katholischer Volksfrömmigkeit, drücken das Bekenntnis zum christlichen Glauben und die Verehrung Christi sowie der Gottesmutter aus oder sind möglicherweise als Erinnerungszeichen an ein Geschehen, ein Glücks- oder Unglücksfall, errichtet. Darüber hinaus sind es natürlich auch Kunstwerke.

 
Obstwiese in Elsten südlich von Cloppenburg (SDB)

Obstwiesen

Hinter den Höfen oder am Dorfrand als Übergang zur offenen Landschaft liegen häufig alte Streuobstwiesen, Straßen und Wege werden stellenweise von alten Obstbaumreihen oder alleen begleitet. Dieses Phänomen kann z.B. gut in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg beobachtet werden. Der Obstbau gewann seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert an Bedeutung und wurde z.B. durch Geistliche oder Obstbauvereine gefördert. Entlang vieler Straßen wurden im 19. Jahrhundert Obstbäume gepflanzt, sodass sich ihr Aussehen in dieser Zeit stark veränderte. Das Obst diente der Selbstversorgung und wurde auch vermarktet. Nachdem seit den 1950er Jahren viele Obstbäume aufgrund veränderter wirtschaftlicher Bedingungen gerodet wurden, spielen Streuobstwiesen heute z.B. für den Tourismus eine große Rolle, und die Früchte lassen sich gut als regionale Produkte vermarkten. Außerdem haben extensiv bewirtschaftete Streuobstwiesen eine große ökologische Bedeutung, weil Ihre verschiedenen Kleinlebensräume eine äußerst hohe Artenvielfalt bedingen.

 
Stockgeschneitelte Hainbuchen im Cappelner Bruch (SDB)

Schneitelbäume

In einigen alten Wäldern, z.B. im Urwald Baumweg zwischen Cloppenburg und Ahlhorn, im Hasbruch bei Delmenhorst, im Neuenburger Urwald in der friesischen Wehde zwischen Zetel, Bockhorn und Neuenburg oder im Bentheimer Wald trifft man auf Relikte einstiger Markenlandschaften: urwüchsige Schneitelbäume mit Stammdeformationen, manche haben starken Drehwuchs oder Stockaustriebe zu allen Seiten entwickelt. Diese bizarren Wuchsformen entstanden durch historische Bewirtschaftungsweisen. Bis zu den Marken- und Gemeinheitsteilungen, beginnend im 18. Jahrhundert, umgesetzt überwiegend in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurden hierin jahrhundertlang Waldhude und Schneitelwirtschaft, häufig auch Plaggen- und Streuentnahme gleichzeitig betrieben. Die Waldhude ist der Weidegang des Viehs. Laubbäume wurden zudem in unterschiedlichen Zeitabständen auf den Stock gesetzt oder kopf- oder astgeschneitelt, d.h. sie wurden regelmäßig in unterschiedlicher Höhe so abgeschlagen, dass sie immer wieder neu austrieben. Einige Eichen und Buchen blieben als Mastbäume verschont. Auf diese Weise wurde Laub als Winterfutter sowie Holz für Flechtwerke, z.B. für die Gefache in den Fachwerkhäusern, für Werkzeuge oder für den Herdbrand geerntet. Die Plaggen und Laubstreu lieferten den Dünger für den Acker.

 
Gedenkstein Emstek (SDB)

Marken- oder Allmendlandschaft

Wie eine historische Marken- oder Allmendlandschaft ausgesehen hat, kann man heute noch sehr eindrucksvoll in verschiedenen Regionen im Emsland beobachten. Das Borkener Paradies in einem Altarm der Ems nordwestlich von Meppen, die Meppener Kuhweide südwestlich von Meppen, der Wacholderhain Brögbern nordöstlich von Lingen, der Biener Busch und der Wachendorfer Wacholderhain nordwestlich von Lingen sowie die Haselünner Kuhweide in einem Hasebogen südlich von Haselünne werden bis heute in traditioneller Art beweidet.

Sandra Dannebeck
Museumsdorf Cloppenburg
Projekt Historische Kulturlandschaften