Bilder der Region

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Einblicke in die Sammlungen nordwestdeutscher Museen

Museumsdorf Cloppenburg

Museen des Osnabrücker Landes

Destillation im 16. Jh. (2)

 

„Aqua Vitae“ - Lebenswasser 

In Europa ist die Destillation, d.h. durch Erhitzen und Reduktion Alkohol herzustellen etwa seit dem 12. Jahrhundert bekannt, während im arabischen Raum auf diese Weise schon sehr viel früher Rosenwasser produziert wurde. Bis etwa ins 15. Jahrhundert wurde "Aqua Vitae" von Alchimisten, Pharmazeuten und Mediziner hergestellt und als Wunder- und Allheilmittel gesehen und hauptsächlich zur Linderung zahlreicher körperlicher und seelischer Gebrechen eingesetzt, wofür der Name Lebenswasser bezeichnend ist. Dass Branntwein praktisch Medizin sei, hält sich mitunter bis heute.1 Im 17. Jahrhundert ließ die Pariser Universität mehrere Male untersuchen, ob ein Rausch nicht förderlich für die Gesundheit sei. Und „Montaigne empfahl, was ihm (angeblich) ein Arzt gesagt hatte: Mindestens ein Rausch im Monat stärke den Magen, fördere den Schlaf und mildere Spannungen“. 2 Die späte „Karriere“ als Genuss- und Rauschmittel lag vor allem an den hohen Produktionskosten, da man zum Brennen Wein einsetzte. Erst als man herausfand, dass man auch das vergleichsweise billigere Getreide brennen kann, begann sich das Wissen um die Herstellung zu verbreiten.

 
Branntweinbrenner 'Jacob Paulsen, Anno 1729' (3)

Schritte der Branntweinherstellung

Malz aus verschiedenen Getreidearten wurde mit Wasser in einem Bottich verrührt. Dieser Maische wurde Hefe zugesetzt, um einen Gärprozess auszulösen. Die vergorene Maische wurde dann in einem Kessel erhitzt, der mit einem „Helm“ fest verschlossen wurde. An dem Helm war eine Kühlschlange angeschlossen, die in ein Auffangfass endete. Die Flüssigkeit musste aufgrund des hohen Wasseranteils noch einmal gebrannt werden. Nach dem Abkühlen verfüttere man die gehaltvolle Maische an das Vieh.3

 
Maschinenraum der Brennerei Schierhölter, 1925 (4)

Wann die ersten Brennereien im Nordwestdeutschland gegründet wurden, ist nicht mehr zu eruieren. Anhand von Steuerakten lässt sich aber ein ungefährer Stand des Alkoholkonsums feststellen. In den zu versteuernden Handelsprodukten z.B. von Osnabrück taucht die Branntweinsteuer zuerst 1536 auf, wobei der Konsum im 30jährigen Krieg sprunghaft anstieg. Der erhöhte Getreidebedarf und schlechte Ernten führten zu einer miserablen Nahrungslage. Daher wurde in einigen Regionen erste Verbote gegen das Branntwein trinken ausgesprochen, wie 1671, 1688 und 1692 in Osnabrück.4 Aber nicht nur in Deutschland wurde der zunehmende Alkoholkonsum zu einem ernstzunehmenden Problem. 1696 wurden in England auf 4,5 Millionen Liter Branntwein Steuern erhoben, 1751 waren es schon 32 Millionen Liter. Laut statistischer Berechnungen trank jeder männlicher Erwachsener Londons 1736 63 Liter Gin im Jahr.5

 
 Edikt gegen den Alkoholmissbrauch, 1718 (5)

Branntweinpest und Alkoholismus

Etwa hundert Jahre später wurde das Problem des Alkoholmissbrauch auch in Deutschland offensichtlich. Die leichte Verfügbarkeit, der vergleichbar niedrige Preis und der viel höhere Alkoholgehalt als in dem früher getrunkenem Bier beschleunigten diese Entwicklung. Außerdem wurde der Alkohol allgemein als Nahrungsmittel angesehen und nicht zwingend als Genussmittel. Alkohol wurde auch gezielt an Soldaten oder Matrosen verteilt, um ihnen die schwere Arbeit erträglicher zu machen, und er wurde quasi als „Lokmittel“ zur Anwerbung von Söldnern benutzt, um den Dienst attraktiver erscheinen zu lassen.6

 
Julius Giere: Pastor Johann Heinrich Böttcher: 'Des Volkes Freund des Branntweins Feind', 1842 (6)

„Mäßigkeitsvereine“ - „Des Volkes Freund, des Brannntwein Feind“ 

Schon Martin Luther äußert sich vehement gegen den übermäßigen Branntweinkonsum „Es ist leider … gantz Deutsch land mit dem Sauffen laster geplagt. Wir predigen und schreien und predigen da wider. Es hilft leider wenig“. 7 Erst 1796 bezeichnete Hufeland in seiner Makriobiotik den Alkoholismus als Sucht. 1849 prägte der Arzt Magnus Huss in seinem Buch Alcoholismus chronicus 1849 den Begriff Alkoholismus.8 Hufeland: Es ist dringend Pflicht, auf einer Pest aufmerksam zu machen, die noch immer ungestört und mehrenteil unerkannt, die fürchterlichsten Verwüstungen unter uns ausrichtet … Die Branntweinseuche oder Branntweinvergiftung ist die Pest, von der ich rede.“ 9 und der Cloppenburger Arzt König bemerkte um 1800 „und des Sonntags trinkt alles was männlich ist Branntwein, manche bis zum Rausche". 10 Als Reaktion entstanden ab den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts im ganzen Land sog. „Mäßigkeitsvereine“, die im Nordwesten vor allem von den Pastoren J-H. Boettcher (Des Volkes Freund, des Brannntwein Feind“) aus Alfeld und Hermann Wilhelm Bödeker aus Hannover und Kaplan Johann Mathias Seling aus Osnabrück initiiert worden sind und nicht nur in den Zentren und größeren Städten sondern auch in den Landgemeinden gegründet wurden. Nach drei Jahrzehnten verebbte die Bewegung wieder und außer einigen „Splittervereinen“ verschwand sie aus dem öffentlichen Leben. Wie die Bewegung den Branntweinkonsum im Nordwesten beeinflusst hat und welche nachhaltige Wirkung sie zu verzeichnen hat, lässt sich nicht überprüfen.11

 
Enghalskrug, 1835-1882 Steinzeugmanufaktur A. Heyl (Museumsdorf Cloppenburg)

Branntweinbrennen auf dem Land

Brennereien kamen im gesamten Nordwesten vor. So gab es bereits 1712 im Hoyaer Land 51 und 1770 im Kirchspiel Cloppenburg 27 Brennereien und eine Statistik aus dem Jahre 1824/25 weist für das gesamte Oldenburger Münsterland 196 Brennstätten aus. Wobei die Branntweinherstellung selten die alleinige Existenzgrundlage war, in der Regel waren die Brenner Landwirte, mitunter sogar mit einer Schankerlaubnis. Für sie lohnte es sich doppelt, da sie das bei dem Brennvorgang anfallende Substrat als wertvolles eiweißreiches Viehfutter verwendeten. Aber die Technisierung der Branntweinherstellung reduzierte die Brennereien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drastisch. Bei dem Brennen mit Hilfe eines Dampfkessel, der mit Dampfkraft betrieben wurde, konnte man den Brennvorgang nicht nur besser kontrollieren, sondern die Brennzeit verkürzte sich um ein Vielfaches. Diese Dampfkesselanlagen wurden von reisenden Technikern errichtet und konnten nach Erlangen einer Konzession in Betrieb genommen werden. Im Nordwesten verwendete man zum Brennen aber weiterhin Getreide und nicht wie in vielen Regionen Deutschlands Kartoffeln.12 Neben dem hauptsächlich gebrauchtem Roggen wurde auch Malz zugesetzt und mitunter sogar zur „Verbesserung“ Schwefelsäure und Salpeter. So beauftragte man z.B. den Löninger Apotheker König mit der Prüfung der Zusammensetzung und Reinheit des Branntweins. Er konnte aber in seiner Analyse, wie er in seinem Bericht vom 11.2.1835 festhielt, für die im Amt Cloppenburg untersuchten Proben keine chemische Beimischung feststellen.13

 
Ohrenschüssel, Ende 18. Jh. (Museumsdorf Cloppenburg)

Pur, verdünnt oder als Kaltschale

Branntwein wurde aber nicht nur pur getrunken, sondern vor allem im 18. Jh. versetzte man ihn vorzugsweise mit Zucker als Branntweinkaltschale, der aber nicht getrunken, sondern mit einem speziellem Löffel genossen wurde. Östlich der Weser und in Westfalen bestand die Kaltschale aus Branntwein, Zucker und eingetauchtem Lebkuchen oder Zwieback, während man im Norden bevorzugt eine Mischung aus Branntwein, Zucker und Rosinen servierte. Diese Mischung wurde im Norden gerne zu bestimmten Anlässen getrunken, wie beispielsweise dem „Wivedag“, bei dem eine Wöchnerin von ihren Nachbarinnen besucht wird und dem Anlass entsprechend eine Branntweinkaltschale reicht, aber auch zu Taufen war diese „bohnsopp“ ein beliebtes Genussmittel.

 

Silber oder Zinn

Die speziell für die Branntweinkaltschale hergestellten Gefäße waren meist rund oder oval, auf einem abgesetztem Fuß mit breiter Öffnung und zwei Henkel, die oft S-förmig oder als Seepferden gestalten waren. Daneben gab es auch die sogenannten „Ohrenschüsseln“, eine flache Schale, die mit zwei waagerecht angesetzten, zumeist kunstvoll durchbrochenen Henkeln versehen war. Die Wandung ist vor allem bei den älteren Modellen aufwändig graviert. Je nach den finanziellen Möglichkeiten wurden sie aus Silber oder Zinn gefertigt.14

Christina Hemken

 

Anmerkungen

(1) Vgl.: Kaiser 1995, S. 55 und Tappe 1994, S. 33ff.
(2) Paczensky/Dünnebier 1994, S. 165
(3) Vgl.: Kaiser 1995, S. 57
(4) Vgl.: Kaiser 1995, S. 60
(5) Furrer 2006, S. 124f.
(6) Vgl.: Furrer 2006, S. 119 und Paczensky/Dünnebier 1994, S. 167
(7) Kaiser 1995, S. 107
(8) Furrer 2006, S. 126
(9) Kaiser 1995, S. 108
(10) Kaiser 1995, S. 107
(11) Vgl.: Kaiser 1995, S. 108ff. und Kreismuseum Syke 2000, S. 47ff.
(12) Vgl.: Kaiser 1995, S. 75ff. und Kreismuseum Syke 2000, S. 31
(13) Kaiser 1995, S. 88ff.
(14) Vgl.:Kaiser 1995, S. 93ff. und MUSEALOG 1998, S. 99ff.


Abbildungsnachweis

(1) William Hogarth: Gin Lane, 18. Jh.. In: Bitsch/Ehlert/von Ertzdorff 1987, S. 214
(2) Destillation im 16. Jh. In: Paczensky, von/Dünnebier 1994, S. 169
(3) Branntweinbrenner 'Jacob Paulsen, Anno 1729' (Sammlung St. Annen-Museum, Lübeck. In: Kaiser 1995, S. 56
(4) Maschinenraum der Brennerei Schierhölter, 1925. In: Kaiser 1995, S. 84
(5) Edikt gegen den Alkoholmissbrauch, 1718. In: Kaiser 1995, S. 107
(6) Julius Giere: Pastor Johann Heinrich Böttcher: 'Des Volkes Freund des Branntweins Feind', 1842. In: Kreismuseum 2000, S. 47


Literatur/Quellen

Ingrid Bitsch,Trude Ehlert und Xenia von Ertzdorff: Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposiums vom 10. -13. Juni 1987 an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sigmaringen 1987
Daniel Furrer: Zechen und Bechern. Eine Kulturgeschichte des Trinkens und Betrinkens. Darmstadt 2006
Heinrich Tappe: Auf dem Weg zur modernen Alkoholkultur. Alkoholproduktion, Trinkverhalten und Temperenzbewegung in Deutschland vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1994
Kreismuseum Syke (Hg.): Von Tabakpflanzern und Trunkenbolden. Zur Geschichte von Bier, Branntwein und Tabak in Norddeutschland. Syke 2000
MUSEALOG (Hg.): Eten un Drinken. Aspekte des Essens und Trinkens in Nordwestdeutschland zwischen 1650 und 1850. Oldenburg 1998
Gert von Paczensky und Anna Dünnebier: Leere Töpfe, volle Töpfe. Die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens. München 1994
Hermann Kaiser: Der große Durst. Von Biernot und Branntweinfeinden – rotem Bordeaux und schwarzem Kaffee. Trinken und Getränke zwischen Weser und Ems im 18./19. Jahrhundert. Materialien und Studien zur Alltagsgeschichte und Volkskultur Niedersachsens. Heft 23. HG.: Museumsdorf Cloppenburg. Cloppenburg 1995

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