Eine stilistische Einordnung Otto Pankoks fällt schwer, da er sich nie eindeutig einer Kunstrichtung verschrieben hat. Er wird von Kunsthistorikern u.a. als „Nach-Expressionist“ und sein Stil als expressiver Realismus bezeichnet; der Kunstkritiker Wilhelm Worringer sieht sich angesichts seiner Werke an van Gogh erinnert und nennt ihn nicht nur ein „Nachfahre“, sondern ein „Blutsverwandten mit einer ganz eigenen Sprache: „...dieser Otto Pankok sei in die falsche Generation geraten […] Der Kunstgeschichtler, der nach Entwicklungsbestätigungen sucht, hat bei ihm nichts zu suchen. Er ist nicht monographisch, nur biographisch faßbar. Ein einsamer Einzelner, nicht die Stimme einer Zeit“ 2

 
Otto Pankok: Freundinnen, 1958 (3)

Dabei ist Pankok vor allem seinen Bildthemen, in seinen mehr als 6000 Kohlezeichnungen, fast 800 Holzschnitte, über 800 Radierungen, ca. 500 Lithografien und etwa 200 Plastiken, treu geblieben. In erster Linie Menschenbilder, später vor allem Sinti und Roma und verfolgte jüdische Bürger, Landschaften, Tiere und der aus den 30er Jahren stammende „Passionszyklus“ stellen innerhalb seines Gesamtwerkes die bestimmenden Sujets dar. Seine ausgesprochene Vorliebe für großformatige Bilder bezeichnet Worringer einmal als „unzivilisierte Riesenformate“.3 Auch seine Farbwahl variiert nur in wenigen Werken, stets bevorzugte er monochrome Bilder. „Da gibt es Stellen, die nichts anderes sind als ein skizzenhaft flüchtiges Tongemenge von tiefstem Samtschwarz, verwischten Grau und getöntem Papier und man träumt über ihn wie über einer unerhörten Beglückung der Sinne...“4 Für die Kunst Otto Pankoks gilt, wie Max Beckmann es ausgedrückt hat, „Wenn man das Unsichtbare begreifen will, muß man ins Sichtbare eindringen.“5

 
Otto Pankok: Selbstbildnis, 1912 (4)

Künstlerisches Manifest

Otto Pankok hat sein Selbstverständnis als Künstler 1951 einmal so zusammengefasst: „Aus dem Urgrund zieht der Künstler, genau wie der Baum aus dem Erdreich, seine Kräfte, und genau wie in der Natur der Baum steht er vor uns in seiner Kraft und Einmaligkeit. Er ist herb wie die Natur. Er ist wahr und schmeichelt nicht. Er dekoriert nicht. Er paßt sich keiner Mode an. Er posiert nicht mit Geschicklichkeit. Er lärmt nicht, um zu lärmen. Er treibt nicht, sondern er wird getrieben von einer aus dem Göttlichen hervorquellenden Kraft. Er hängt ab von der Gnade, ganz allein. Seine Kraft kann sich vermindern, sie kann ihm entzogen werden, und sie kann plötzlich wieder hervorbrechen. Er ist ihr Werkzeug.“6

 
Otto Pankok: Der Kampf, 1960 (5)

Zeichnend die Welt wahrnehmen

Otto Pankok wurde am 6. Juni 1893 in Mühlheim/Ruhr als jüngstes von drei Kindern geboren. Das soziale Engagement seiner Eltern, seiner kunstinteressierten Mutter Marie, geb. Frühling und seinem Vater Eduard, dem Arzt prägte sein Schaffen nachhaltig. Schon früh nahm er seine Umwelt hauptsächlich zeichnend wahr, ob die Patienten seines Vaters, Nachbarskinder, Häuser, Obstwiesen und Tiere: „Der junge Pankok zeichnete, was er sah, übte sich in den verschiedenen Genres und verfeinerte seine Technik im Umgang mit der Kohle, die sein wichtigstes Ausdrucksmittel und zum Markenzeichen wurde.“7

Otto Pankok: Häuser am Kanal (Volendam), 1910 (6)

Mit  16 Jahren reiste er nach Holland und lernte dort die Werke van Goghs kennen, die ihn nachhaltig beeinflussten, wie später die von Millet und Cezannes. Nach seinem Abitur studierte er an der Düsseldorfer Kunstakademie, allerdings nur für kurze Zeit, da ihm die Studienbedingungen dort zu sehr einengten. Nach einer Reise nach Holland, Ostfriesland und ins oldenburgische Dötlingen, das später für einige Zeit seine Heimat werden sollte, schrieb er sich an der Kunstakademie Weimar ein. Hier studierte er bei Fritz Mackensen, und bei Albin Egger-Lienz, einst Mitglied der Wiener Sezession. Aber auch Weimar wurde ihm zu eng und brachte nicht die Ausbildungsmöglichkeiten, die er sich vorgestellt hatte „Um zu 'landschaftern', müsse man nicht in Weimar bleiben.“8

 
Otto Pankok: Landschaft mit Bäumen, 1913 (7)

„Ein rauschhaftes Jahr“

1913 reiste er mit zwei Studienkollegen 1913 nach Dötlingen und kaufte sich mit Hilfe finanzieller Unterstützung seiner Großmutter eine kleine Kate. Über seine Zeit in Dötlingen schreibt er: „Es begann ein herrliches Jahr in einem oldenburgischen Dorf in ungeheurer Einsamkeit, ein Schwelgen in Kohle und Papier, ein Suchen nach dem Wesen des Menschlichen bei armen [...] Weibern und Tagelöhnerinnen, die wie aus dem Sand aufgewachsen waren, fraßen, was sie der Erde abrangen, in Tuberkulose und Schmutz hinstarben und wieder völlig zu Erde wurden. Ich suchte die Natur und den Elementen so nah zu sein, wie diese einfachen Menschen in ihren Hütten und auf den Feldern, zu denen mein Instinkt mich getrieben. Ohne dieses eine rauschhafte Jahr des Anfangs und der Bestätigung wäre die Folgezeit nicht ertragbar gewesen.“9 In dieser Zeit wird bereits der Oldenburger Kunstkritiker Wilhelm von Busch auf den jungen Künstler aufmerksam und vermittelte ihm in Oldenburg die erste Einzelausstellung. Aber die produktive Zeit fand ein abruptes Ende, als Pankok im Zuge der allgemeinen Mobilmachung 1914 eingezogen und nach Nordfrankreich an die Westfront geschickt wurde. Seine Kate verschenkte er an die ärmsten Bewohner Dötlingens, die ihm so häufig Modell gesessen hatten.

 
Otto Pankok: Beerdingungstag, 1925 (8)

Otto Pankok im Krieg

Die Kriegserfahrungen erschütterten ihn zutiefts. In Nordfrankreich traf er einige seiner Mitschüler wieder, einer von ihnen wurde nur wenige Meter entfernt von tödlichen Schüssen getroffen. Er selber wurde 1915 bei einer Grabensprengung verschüttet und erstickte fast, bevor man ihn gerade noch rechtzeitig bergen konnte. Durch dieses traumatische Erlebnis verbrachte er die nächsten zwei Jahre in Lazaretten und Sanatorien, bevor er 1917 aus dem Kriegsdienst entlassen wird. Unfähig zu malen, reiste er zuerst zu seiner Schwester nach Berlin, wo er in Kontakt mit den „neuen“ Kunstströmungen kam und zahlreiche Ausstellungen besuchte. Nach zwei Monaten reiste er nach Vechta, um wieder zu arbeiten, hauptsächlich Radierungen, Holzschnitte und Kohlezeichnungen, vor allem mit sozialkritischer Motivik. Formalkritisch bezog er sich auf seine Dötlinger Zeit, aber wahrscheinlich durch seine Kriegserlebnisse beeinflusst, wurden seine Werke düsterer und zerissener.

 
Otto Pankok: Landschaft in Südfrankreich, o.J. (9)

Reisen nach Ostfriesland und Berlin

1918 wurde Pankok aufgrund seines politischem Engagement aus Vechta verwiesen. Von Vechta aus reiste er nach Remels in Ostfriesland und nach Berlin, bis er sich 1919 in Düsseldorf niederließ, wo er sich der Künstlergruppe „Junges Rheinland“ anschloss. Mit anderen Künstlerkollegen, wie u.a. Gert Wollheim Otto Dix stellte er in zahlreichen Ausstellungen aus. Darüber hinaus zählte er sich zu dem Kreis um die Düsseldorfer Galeristen Katharina Ey und veröffentlichte in einigen zeitkritischen Zeitschriften. Seinen Lebensunterhalt verdiente in der Folgezeit hauptsächlich durch Pressezeichungen für den Düsseldorfer „Mittag“.

 
Hulda und Otto Pankok (10)

Heirat mit Hulda Droste

1921 heiratete er die Journalistin und Verlegertochter Hulda Droste. Mit ihr reiste er nach Weimar und an die Ostsee, in die Niederlande, nach Italien, Frankreich und Spanien. Seine Tochter Eva wurde 1925 geboren. In Düsseldorf begann auch seine Freundschaft mit den Sinti und Roma, die ihn in seiner künstlerischen Auseinandersetzung jahrelang begleiten werden und mit denen er sich in zahlreichen Werken auseinandersetzt. Von 1926 bis 1928 lebte Pankok am Niederrhein, bis er sich 1935 nach Haus Langen im Münsterland, aufgrund nationalsozialistischer Repressalien zurückzog. Zwei Jahre später beschlagt man über 50 seiner Werke aus deutschen Museen und in den Ausstellungen „Entartete Kunst“ werden seine Arbeiten gezeigt.

 
Otto Pankok: Selbstbildnis, 1948 (11)

Pankok konnte infolge dessen weder ausstellen noch Bilder verkaufen. Für kurze Zeit hielt er sich in Gildehaus in der Grafschaft Bentheim auf, und von 1938 bis 1940 in Bokeloh bei Meppen, bis er in die Nordeifel zog.10 Nach Kriegsende zog Pankok mit seiner Familie wieder nach Düsseldorf, wo er den Ruf an der dortigen Kunstakademie erhielt, an der er bis 1958 unterrichtete. Danach zog er mit seiner Familie in das Herrenhaus „Haus Esselt“ in der Nähe von Wesel, in der er bis zu seinem Tod, am 20. Oktober 1966, lebte.

 
'Otto Pankok: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen', 1933 (12)

„Die Passion“

Durch die nationalsozialistische Politik abgestoßen und der Ahnung, wohin diese menschenverachtende Haltung führen werde, begann er 1933 mit seinem „Passionszyklus“. Die Leidensgeschichte Christi, dargestellt in 60 Bildern, verstand er als symbolisch für die Zeit, als Protest gegen die Ideologie der Machthaber. „Sein künstlerisches Bemühen ging dahin, wieder aufzubauen, was die Kriege und die ungeistigen Methoden einer entmenschten Regierung im Menschen zerstört hatten.“11Der Zyklus konnte zwar noch in Buchform herausgegeben werden, erschien aber binnen kurzer Zeit auf der Indexliste und alle habhaft werdenden Exemplare wurden vernichtet. Fortan galt Pankok als „entarteter Künstler“, erhielt ein Arbeitsverbot und war von ständiger Bespitzelung bedroht.

Christina Hemken

Weiterführende Informationen

Otto-Pankok-Museum
Neuer Weg 7 (Altes Rathaus)
48455 Bad Bentheim-Gildehaus


Otto-Pankok-Museum, Hünxe-Drevenack
Otto-Pankok-Weg 4
46569 Hünxe

Anmerkungen

(1) Otto Pankok. In: Moster-Hoos/Scheele 2013, S. 39
(2) Wilhelm Worringer. In: Zimmermann 1964, S. 7
(3) Wilhelm Worringer. In: Moster-Hoos/Scheele 2013, S. 22
(4) Wilhelm Worringer. In: Zimmermann 1964, S. 87f.
(5) Max Beckmann. In: Zimmermann 1964, S. 88 
(6) Otto Pankok. In: Zimmermann 1964, S. 90
(7) Birgit Denizel. In: Moster-Hoos/Scheele 2013, S. 15
(8) Otto Pankok. In: Kunstmuseum Mühlheim/Reese 2013, S. 94
(9) Otto Pankok. In: Kunstmuseum Mühlheim/Reese 2013, S. 95
(10) Vgl: Emslandmusuem Schloss Clemenswerth 1980
(11) Schifner 1970, S.25


Abbildungsnachweis

(1) Otto Pankok: Selbstbildnis N. L., 1909. In: Moster-Hoos/Scheele 2013, S. 9
(2) Otto Pankok: Weg am Wasser (Bokeloh), 1939. In: Emslandmusuem Schloss Clemenswerth 1980, S. 30
(3) Otto Pankok: Freundinnen, 1958. In: Zimmermann 1964, S. 57
(4) Otto Pankok: Selbstbildnis, 1912. In: Kunstmuseum Mühlheim/Reese 2013, S. 104
(5) Otto Pankok: Der Kampf, 1960. In: Schifner 1970, S. 62
(6) Otto Pankok: Häuser am Kanal (Volendam), 1910. In: Kunstmuseum Mühlheim/Reese 2013, S. 46
(7) Otto Pankok: Landschaft mit Bäumen, 1913. . In: Moster-Hoos/Scheele 2013, S. 71
(8) Otto Pankok: Beerdingungstag, 1925. In: Kunstmuseum Mühlheim/Reese 2013, S. 71
(9) Otto Pankok: Landschaft in Südfrankreich, o.J. In: Kunstmuseum Mühlheim/Reese 2013, S. 88
(10) Hulda und Otto Pankok, 1921. In: Zimmermann 1964, S. 250
(11) Otto Pankok: Selbstbildnis, 1948. In: Schifner 1970, S. 45
(12) Otto Pankok: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen', 1933. In: Moster-Hoos/Scheele 2013, S. 45


Literatur/Quellen

Emslandmusuem Schloss Clemenswerth (Hg.): Otto Pankok im Emsland. Kohlegemälde - Holzschnitte - Bronzen. Sögel 1980

Jutta Moster-Hoos und Friedrich Scheele(Hg.): Otto Pankok. Von der Landschaft gezeichnet. Frühe Kohlezeichnungen. Oldenburg 2013

Kunstmuseum Mühlheim an der Ruhr. Beate Reese: Otto Pankok zum 120. Geburtstag. Kohlebilder und Grafiken. Mühlheim/Ruhr 2013

Kurt Schifner: Otto Pankok. Mühlheim/Ruhr 1970

Rainer Zimmermann: Otto Pankok. Das Werk des Malers, Holzschneiders und Bildhauer. Berlin 1964