"Niedergrafschaft", so nennen die Bentheimer den nördlichen Teil ihres Landkreises, der auf drei Seiten von den Niederlanden umgeben ist und der sich als westlichster Zipfel Niedersachsens allabendlich auf jeder Wetterkarte abzeichnet.
Nirgendwo sonst in Deutschland sind die Niederlande so nahe. Nicht nur geografisch. Der Calvinismus und die Reformierte Kirche verbinden die Bewohner diesseits und jenseits der Grenze, und das "Grafschafter Platt" kennte keine Sprachbarriere zu den Dialekten der benachbarten niederländischen Regionen Twente und Drenthe.

 
'Klein Venedig' am Stadtgraben in Neuenhaus (AE)

Festungsstädtchen Neuenhaus

Im alten Festungsstädtchen Neuenhaus mit seinen vielen historischen Gebäuden spürt man deutlich den Geist niederländischer Architektur. Hier wurde 1684 der erste Neubau einer reformierten Kirche in der Grafschaft Bentheim errichtet. Das äußerlich eher schlichte Backsteingebäude enthält noch die vollständige Ausstattung der Barockzeit und atmet förmlich den Geist calvinistischer Predigtgottesdienste im 17. Jahrhundert.
Der Kunstverein der Grafschaft Bentheim ist in den historischen Räumen eines früheren Gasthofes im Stadtzentrum untergebracht. Mit seinen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und seinem Skulpturengarten setzt er neue kulturelle Akzente in der traditionsreichen Altstadt von Neuenhaus.

 
Ländliche Baukultur in der Niedergrafschaft (AE)

Dicht an der niederländischen Grenze liegen die früheren Kirchdörfer Uelsen und Emlichheim, die längst zu ansehnlichen Landgemeinden angewachsen sind. Auch viele niederländische Familien haben hier in den letzten Jahren einen Bauplatz und eine attraktive neue Heimat gefunden.
Hier hat die Niedergrafschaft Bentheim ihren ländlichen Charakter von weitgehend bewahrt und im Erholungsgebiet "Wilsumer Berge" findet man noch das ursprüngliche Bild ausgedehnter Heidelandschaften. Gepflegte Bauernhöfe bestimmen das Bild der Siedlungen, Hofcafés und Landgasthöfe laden zum Verweilen ein.
Ein kulturelles Highlight in der Region ist der Kunstpark des Künstlers Heinrich Olmes bei Emlichheim. Auf über 20.000 Quadratmetern Gartenfläche gibt es ungewöhnliche Skulpturen in eine vielfältigen Flora und Fauna zu bestaunen. Hier ragt eine MIG aus üppigem Grün hervor, dort zieht eine Fahrrad-Installation die überraschten Blicke der Besucher auf sich.

 
Typisch in der Grafschaft Bentheim sind Nebengebäude wie Speicher und Backhäuser (AE)

Wer es traditionsreicher mag, der findet in der alten "Herrlichkeit Lage" eine historische Idylle. Die Wassermühle an der Dinkel zog schon viele holländische Maler in ihren Bann. Heute locken dort die "Grafschafter Teestuben" mit regionalen Spezialitäten Besucher aus Nah und Fern. Die romantische Ruine der früheren Burg Lage gehört zu den schönsten Burgruinen in Norddeutschland.

 

 
Die Vechte hat an vielen Stellen noch ihren natürlichen Flusslauf bewahrt (AE)

Niemand sollte die Niedergrafschaft Bentheim verlassen, ohne auf den "Kunstwegen" gefahren, geradelt oder gewandert zu sein. Auf einer Strecke von gut 140 Kilometern zwischen Nordhorn und Zwolle kann man hier in der freien Landschaft an den Ufern der Vechte ein offenes Museum für zeitgenössische Kunst, Natur und Geschichte erleben.
Seit dem Sommer 2000 bilden entlang dieser "Kunstwegen" durch das Vechtetal über 60 Skulpturen internationaler Künstlerinnen und Künstler eines der größten offenen Museen Europas.

Dr. Andreas Eiynck