Was ist die Schaffermahlzeit?

Die Schaffermahlzeit in Bremen ist das älteste, sich alljährlich wiederholende Brudermahl der Welt und besteht als Verbindung zwischen Kapitänen und Kaufleuten. Sie findet jedes Jahr am zweiten Freitag im Februar in der oberen Rathaushalle statt. Als „Schaffer“ werden die kaufmännischen Mitglieder der Stiftung Haus Seefahrt bezeichnet, die zwei Jahre nach ihrer Wahl zu Mitgliedern die Schaffermahlzeit ausrichten. Jedes Jahr werden hierzu drei Schaffer von der Generalversammlung ausgewählt. Sie tragen die Kosten der Schaffermahlzeit. Neben den drei kaufmännischen Schaffern nehmen auch 6 Kapitänsschaffer an der Schaffermahlzeit teil. "Schaffen" bedeutet in diesem Zusammenhang nämlich nicht nur "Geschäft" und für das Zustandekommen der Mahlzeit zuständig zu sein, sondern auch für deren Finanzierung. Während der Schaffermahlzeit halten die kaufmännischen Schaffer sieben und die Kapitänsschaffer zwei der insgesamt zwölf Reden.

 
Rathaus (CH)

Die Schaffermahlzeit folgt strengen Regeln, die sich seit Jahrhunderten nicht geändert haben. Beispielsweise sind Frauen hier nicht zugelassen. Die Gäste und kaufmännischen Mitglieder müssen einen Frack und die Kapitäne eine Kapitänsuniform tragen. Unter den Gästen befinden sich außer den Kaufmännischen- und Seemännischen Mitgliedern Gäste aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens – allerdings nicht aus Bremen. Bremer haben nur dann Zugang, wenn sie Schaffer sind, es einmal gewesen oder für die nächsten Jahre gewählt worden sind. Die einzige Ausnahme ist der Bürgermeister, der als Hausherr jedes Jahr eingeladen wird. Auswärtige Gäste dürfen nur einmal in ihrem Leben an der Schaffermahlzeit teilnehmen, weshalb eine Einladung hierzu als große Ehre gilt.

 

 
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Die Geschichte

Im Jahre 1358 trat Bremen der Hanse bei und errang Bedeutung als Wirtschaftsmetropole des Nordwestens. Die Schaffermahlzeit war seit 1561 ein Abschiedsessen, welches die Kaufleute und Reeder am Ende jeden Winters für ihre auf Fahrt gehenden Kapitäne ausrichteten. Nach 1561 luden die Schaffer zu diesem Essen ein. Bereits ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde beim Festmahl, um ein Ausufern zu unterbinden, eine feste Speisenfolge festgesetzt, auch, um dem 1749 zum Bürgermeister gewählten Dr. Volchard Mindemann, der allen Feierlichkeiten seiner Bürger abhold war, keinen Grund zur Abschaffung des Essens zu bieten.

 
Marktplatz mit Rathaus (CH)

Bürgermeister Dr. Volchard Mindemann

Er wollte den Ausschweifungen der Schaffermahlzeiten ein Ende setzen. Die Kaufleute versuchten dies zu verhindern, indem sie einen Kompromiss suchten. So wollte der Bürgermeister, dass die damals üblichen „Bündels“ abgeschafft werden. Diese „Bündels“ bestanden darin, dass der Gast die Erlaubnis hatte, eine Serviette oder ein Tuch mitzubringen, um darin Speisen mit nach Hause zu nehmen. Zudem sollten keine Bremer mehr zur Schaffermahlzeit eingeladen werden, die nicht wirkliches Mitglied des Haus Seefahrt waren oder nicht schon einmal selbst geschafft hatten. Selbst die Schaffer durften keine Verwandten mehr zur Schaffermahlzeit einladen. Dennoch reichte das Herrn Mindemann nicht, weshalb die Kaufleute anfingen, die Schaffermahlzeit protestreich zu verteidigen. Sie erinnerten den Bürgermeister daran, dass sie die Schaffermahlzeit aus eigener Kasse bezahlten. Außerdem zöge die Mahlzeit viele Teilnehmer an, die während des Essens Geld spendeten, was wiederum dem Wohle der Stadt und wohltätigen Zwecke diene. Diesen Argumenten konnte Mindemann nichts entgegensetzen und die Schaffermahlzeiten wurden fortgeführt. Seit dem Jahre 1875 versammelten sich die Teilnehmer an der Schaffermahlzeit im Wappensaal des Haus Seefahrt, an dessen Wänden die Wappen der Vorsteher, der Ober-Alten, und der Verwaltenden Kapitäne mit dem Jahre 1586 beginnend, angebracht waren. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Seit 1952 ist das Haus Seefahrt mit seiner Schaffermahlzeit zu Gast im Alten Rathaus. Die Räumlichkeiten in dem nach dem Krieg erbauten Haus Seefahrt in Bremen-Grohn wären für die Schaffermahlzeit zu klein.

 
Schlachte - Weser. Fotograf: Silke Krause (BTZ). Bildquelle: BTZ Bremer Touristik-Zentrale (BTZ 410)

Der Ablauf

Beim Einlass begeben sich die Teilnehmer aus dem Festsaal des neuen Rathauses in die obere Rathaushalle des Alten Rathauses. Beim Öffnen der Tür beginnt das Hanseatische Salonorchester mit dem „Einzug der Gäste“ aus Richard Wagners Oper „Tannhäuser“. Eröffnet wird das Mahl mit dem Ruf „ Schaffen, schaffen unnen un boven – unnen un boven schaffen!“ durch den Verwaltenden Vorsteher des Haus Seefahrt, was so viel heißt wie „Essen fassen, Essen fassen unter Deck und an Deck, unter Deck und an Deck Essen fassen!“. Die Schaffermahlzeit folgt klaren Richtlinien. So wird nach jeder wichtigen und großen Rede nicht geklatscht, sondern gerufen „hepp, hepp, hepp – hurra!“. Während der sechs Gänge gibt es nur einen Bestecksatz pro Person, den sie mit bereit liegendem Löschpapier reinigen können. Die Reden und das Festessen finden bis 19.00 statt. Danach beginnt der Seefahrtball mit Frauen und Tanz. Das Ende ist pünktlich um 22.00 Uhr.
Zwischen den einzelnen Gängen werden Reden von den drei Schaffern, von zwei Kapitänsschaffern, dem Verwaltenden Vorsteher und dem Ehrengast gehalten. Diese Reden beziehen sich auf den Bundespräsidenten und das Vaterland, auf Bremen und den Senat, auf den Handel, die Schifffahrt und die Industrie, auf das Haus Seefahrt, seine Vorsteher und Ober-Alten, auf die Kapitäns- und die Kaufmännischen Schaffer, den Damen sowie die auf die auswärtigen Gäste. Den Abschluss der Reden bildet die Rede des Ehrengastes und die Dankesworte des Verwaltenden Vorstehers an den Ehrengast.

 
Heda, Gerrit Willemsz: Frühstückstillleben, 1645 (LMO 16.696)

Das Essen

Früher war die Schaffermahlzeit ein einfaches Stockfisch-Essen. Heute sitzen die Gäste an geschmückten Tischen, welche die Form von Neptuns Dreizack haben, dem Gott des Meeres, und es werden ihnen in etwa fünf Stunden sechs Gerichte in festgesetzter Reihenfolge serviert. Die Speisefolge ist im Grunde eine „einfach, altbremische Mahlzeit“, wie man im Haus Seefahrt sagt:
1. Gang: Bremer Hühnersuppe
2. Gang: Stockfisch, Senfsauce, Salzkartoffeln
3. Gang: Seefahrtbier
4. Gang: Braunkohl, Pinkel, Rauchfleisch, Maronen, Bratkartoffeln
5. Gang: Kalbsbraten, Selleriesalat, Katharinenpflaumen, gedämpfte Äpfel
6. Gang: Rigaer Butt, Sardellen, Wurst, Zunge, Chester- und Rahmkäse, Fruchtkorb
Das Bier, mit dem die Schaffer und ihre Gäste anstoßen, ist das dunkle, mit Malzextrakt angereicherte "Bremer Seefahrtsbier". Es ist außerordentlich nahrhaft, enthält keinen Alkohol und wurde von den Seeleuten gegen alle möglichen Krankheiten getrunken, vor allem gegen Skorbut. Sehr gern tranken es früher auch die jungen Mütter, weswegen es im Volksmund "Ammenbier" hieß.

 
Allaert van Everdingen: Holländische Flussmündung mit Schiffen (LMO 15.679)

Im Merkblatt für auswärtige Teilnehmer heißt es ausdrücklich: „Der Stockfisch schmeckt noch besser, wenn er reichlich gepfeffert wird". Und es wird hinzugefügt: "Pfeffer befindet sich in einer goldenen Tüte an jedem Platz. Die silberne Tüte enthält Salz." Gold und Silber sind ein Hinweis darauf, dass Pfeffer und Salz in früheren Zeiten - nicht nur an Bord der Segelschiffe - große kulinarische Kostbarkeiten darstellten. Zum Mocca wird aus langen holländischen Tonpfeifen geraucht, die erstmals um das Jahr 1670 - wenn auch zögerlich – zum Vorschein kamen und die jetzt jeder Teilnehmer - mitsamt Pfeifentabak - an seinem Platz findet. Es soll Gäste gegeben haben, die - aus Höflichkeit und weil es sich so gehört - in der Oberen Rathaushalle zum ersten Male in ihrem Leben geraucht haben. Bei den zum Essen gereichten Schafferweinen handelte es sich stets um einen Bordeaux, und einen Deutschen - oder Elsässer Wein.

 
Marktplatz - Rathaus Obere Rathaushalle. Fotograf: unbekannt. Bildquelle: BTZ Bremer Touristik-Zentrale (BTZ 1063)

Frauen und die Schaffermahlzeit

Anfangs nahmen die Frauen noch getrennt von den Schaffern in den Vorzimmern mit an der Schaffermahlzeit teil, doch im Jahre 1850 wurde behauptet, dass so viele Frauen eine Last für die drei Schaffer und das Mahl seien. Zudem stehe diese große Anzahl von Frauen im Gegensatz zu der Einfachheit der Schaffermahlzeit. Es wurde beschlossen, das Vorzimmer nicht weiter für die Frauen herzurichten. Die Damen jedoch waren dagegen und sie schlossen einen Kompromiss: jedes Jahr werden 30 Frauen von den Schaffern eingeladen.. Sie halten sich während der Mahlzeit in einem Nebenraum auf und nehmen dann am Seefahrtsball teil. Voraussichtlich wird im Jahr 2020 erstmals eine Frau als Kapitänsschaffer(in) an der Schaffermahlzeit teilnehmen. Barbara Massing ist Kapitänin bei der Reederei Leonhardt & Blumberg in Hamburg und Bremen und ist Seemännisches Mitglied des Haus Seefahrt in Bremen. Das Haus Seefahrt sagt dazu: „ Das ist doch ganz normal. Sie hat ihre Patente und fährt als Kapitän. Sollte sie nicht Mitglied im Haus Seefahrt sein?“

 
Backhuysen, Ludolf:  Drei Schiffe in stürmischer See, um 1655/1660 (OLM)

Ehrengäste

Im Jahr 2007 nahm zum aller ersten Mal eine Frau als Ehrengast an der Schaffermahlzeit teil – Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin setzte mit ihrem Besuch die Tradition hochkarätiger Ehrengäste aus der Politik fort, die in der Nachkriegszeit nicht nur die Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Dr. Helmut Kohl als Ehrengäste der Schaffermahlzeit nach Bremen geführt hat, sondern bis auf Horst Köhler alle Bundespräsidenten, zuletzt Johannes Rau, sowie 21 Bundesminister, und 5 Ministerpräsidenten verschiedener Bundesländer.

Lisa-Maria Haase

Weiterführende Informationen

Haus Seefahrt
Der Verwaltende Kapitän
Seefahrthof / Verwaltung
28759 Bremen

Abbildungsverzeichnis:

- Vorschaubild: Heda, Gerrit Willemsz: Frühstückstillleben, 1645 (LMO 16.696)
- Titelbild: 'Leinen Los' in Bremen - Segeltörn mit der Brigg Mercedes. Fotograf: unbekannt.
   Bildquelle: SailingAway24 BTZ Bremer Touristik-Zentrale (BTZ 3530)
- Rathaus Bremen (CH)
- Obere Halle (Pressestelle Senat der Freien Hansestadt Bremen)
- Marktplatz mit Rathaus (CH)
- Schlachte - Weser. Fotograf: Silke Krause (BTZ). Bildquelle:
  BTZ Bremer Touristik-Zentrale (BTZ 410)
- Heda, Gerrit Willemsz: Frühstückstillleben, 1645 (LMO 16.696)
- Allaert van Everdingen: Holländische Flussmündung mit Schiffen (LMO 15.679)
- Marktplatz - Rathaus Obere Rathaushalle. Fotograf: unbekannt. Bildquelle:
  BTZ Bremer Touristik-Zentrale (BTZ 1063)
- Backhuysen, Ludolf: Drei Schiffe in stürmischer See, um 1655/1660 (OLM)