Im Juli 2004 hat die UNESCO das Bremer Rathaus und den Roland, diese beiden einzigartigen, unzerstört gebliebenen Zeugen bremischer Geschichte zum Welterbe der Menschheit erklärt. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen würdigt damit Rathaus und Roland als Zeugnisse von herausragender geschichtlicher, politischer und künstlerischer Bedeutung. In der Begründung der UNESCO heißt es unter anderem: „Das Rathaus und der Roland zu Bremen sind ein einzigartiges Zeugnis für bürgerliche Autonomie und Souveränität, wie diese sich im Heiligen Römischen Reich entwickelten“. Für das Bremer Rathaus wird die „herausragende Form der Architektur der späten Renaissance in Norddeutschland, die so genannte Weser-Renaissance“, ausdrücklich hervorgehoben. Und dem Roland bescheinigen die UNESCO-Experten, er sei „eine der ältesten und die repräsentativste der Roland-Statuen, die als Symbol für Freiheit und Marktrecht errichtet wurden.“

 
Marktplatz - Rathaus innen. Fotograf Carsten Heidmann (www.heidmannfotografie.de).Bildquelle BTZ Bremer Touristik-Zentrale

Auf Tuchfühlung mit der Vergangenheit

Das Rathaus zieht jeden Gast in seinen Bann. Kein Wunder: Hier erlebt er Geschichte hautnah. Der vor 600 Jahren errichtete Bau ist nahezu unverändert erhalten - und man kann noch heute ablesen, wie die beiden großen, übereinander liegenden gotischen Hallen genutzt wurden. Hier kam der Rat der Stadt zusammen. Fasste Beschlüsse, machte Politik, sprach Recht über die Bürger. Dieses Rathaus steht in einzigartiger Weise für Kontinuität – als Sitz von Regierung und Verwaltung einer Stadt, die immer eines im Sinn hatte: Die Selbständigkeit und Selbstbestimmung als Stadtrepublik zu bewahren und zu verteidigen. Auch deshalb gehört es zum Kulturerbe der Menschheit. Die großen, fast vollständig erhaltenen Sandsteinfiguren am Rathaus schmücken seit sechs Jahrhunderten die Fassaden. An der Front zum Marktplatz stellen sie den Kaiser und dessen sieben mächtige deutsche Landesfürsten dar. Das ist charakteristisch für viele Rathausbauten dieser Zeit – aber nur in Bremen sind sie im Original erhalten. Ihre Botschaft ist klar. Sie lautet: Diese Stadt fühlt sich unmittelbar dem Reich zugehörig und nur dem Kaiser untertan. Gemeinsam mit dem Roland sind diese Figuren bis heute sichtbare Zeichen für Freiheit und Autonomie der Stadt. Jeweils vier weitere Figuren an den Seitenfronten stellen Propheten aus dem alten Testament dar. Im Mittelalter galten sie als Vorbilder für Gerechtigkeit und Weisheit.

 
 Rathaus (Pressestelle Senat der Freien Hansestadt Bremen)

Die Untere Halle beeindruckt in ihrer Schlichtheit. Mächtige Stützpfeiler aus Eiche geben ihr eine karge Struktur. Einziger Schmuck sind die später hinzugefügten schönen Portale. Überdacht, vor Regen und Kälte geschützt, war dieser Raum einst Markthalle und Treffpunkt für Bauern, Händler und fahrende Sänger. Hier wurden Steuern und Abgaben entrichtet und über kleinere Sünder Recht gesprochen. Kurzum: Eine vielgenutzte Mehrzweckhalle voller Leben – das ist sie bis heute. Hervorragend geeignet für Veranstaltungen und Ausstellungen aller Art und das ganze Jahr über nahezu ausgebucht.

 
Obere Halle (Pressestelle Senat der Freien Hansestadt Bremen)

Bremens schönster Festsaal

So schlicht die Untere Rathaushalle ist - die Obere Halle des Rathauses dagegen besticht gilt als Bremens schönster Festsaal. Mehr als sechs Jahrhunderte Geschichte sind hier präsent. Kunstwerke und Raritäten schmucken den fast 40 Meter langen und 13 Meter hohen Raum. Vier prächtige Modell-Kriegsschiffe hängen von der Decke. Zeugen einer Zeit, als die Bremer ihre wertvollen Schiffsladungen unter Schutz über die Meere schickten. Reich geschmückte Portale führen zu weiteren Räumen des neuen Rathauses. Die Obere Halle diente über Jahrhunderte als Ort des politischen Lebens. Hier tagte der Rat der Stadt, hier rang er um politische Entscheidungen zum Wohle der Stadt, hier wurde Recht gesprochen. Große Wandgemälde, Sprüche und figürliche Darstellungen bezeugen diese Vergangenheit. Heute nutzen Senat und Bürgermeister den wunderbaren Raum für repräsentative Zwecke.

 
Rathaus (CH)

200 Jahre lang hatte das schlichte Rathaus gute Dienste getan. Doch dann entschloss sich der Rat der Stadt zu einer neuen Fassade. Sie sollte repräsentativ sein und die Bedeutung des Rates unterstreichen. So entstand durch den Umbau zwischen 1595 und 1616 eine der schönsten Renaissance Fassaden Europas. Die Rathausfront, die Schauseite zum Marktplatz, gestaltete der Bildhauer Lüder von Bentheim üppig und phantasievoll: Ein kunstvoller Wandteppich aus Stein mit eindrucksvollen Bildern zu politischen und religiösen Themen. Der Reichtum dieses Fassadenschmucks lässt sich mit bloßem Auge kaum erfassen: Phantastische Szenen aus einer uns fremden Welt, Figuren in symbolischer Bedeutung und Reliefs, Engel und Fabeltiere, Blumen, Vasen und Früchte: Eine Meisterleistung der Steinmetze. Die Ost- und Westseite mit den spitzbogigen Fenstern und Portalen blieben in ihrer ursprünglichen Gestalt.

 
Güldenkammer (Pressestelle Senat der Freien Hansestadt Bremen)

Eine goldene Kammer

Bestauntes und bewundertes Juwel des Rathauses ist ein kleines Zimmer. Die Güldenkammer, ein Einbau in der Oberen Halle, wird wie ein Schatz gehütet. Von außen reich verziert mit herrlichen Schnitzereien und Malerei, von innen ein Gesamtkunstwerk in reinem Jugendstil. Der Worpsweder Künstler Heinrich Vogeler erhielt 1905 vom Rat den Auftrag, die eher unscheinbare Kammer zu verschönern: Er wählte rotgoldene Tapete aus feinstem Leder für die Wände, verzierte jedes Teil, und sei es noch so unbedeutend, mit einer Fülle von Ornamenten. Türfüllungen, Lampenschirme, Kamingitter und Türgriffe wurden so zu eigenen kleinen Kunstwerken. Vögel- und Blumendarstellungen dominieren. Zur oberen Etage der Kammer führt eine wunderschöne Holztreppe. Mehrere Holzschnitzer und Schnitzmeister haben an ihr gearbeitet. Heute gilt sie als ein Paradestück des Hochbarock.

 
Kaminsaal (Pressestelle Senat der Freien Hansestadt Bremen)

Altes und neues Rathaus: In Harmonie verbunden

Der Rat brauchte Platz. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ein Anbau an das Rathaus nötig. Für den Architekten eine Herausforderung, ein solches historisches Gebäude in „taktvoller Zurückhaltung“ zu erweitern Dem Münchener Gabriel von Seidel gelang das Wagnis. Er verstand es, alt und neu gekonnt miteinander zu verbinden. Der mittelalterliche Hallenbau behielt seine Dominanz, das angefügte neue Gebäude fügt sich unauffällig und überaus harmonisch an. Es entstand der sogenannte Festsaal mit eigenem, unvergleichlichem Reiz. Hohe Paneele aus dunklem Eichenholz geben dem Raum Eleganz, ein großes Gemälde von Carl Vinnen mit einer Hafenszene des 17. Jahrhunderts sorgt für den maritimen Touch. Imposant wirkt der ausladende Jugendstil-Leuchter unter der Decke. An den Festsaal grenzt der etwas kleinere Kaminsaal. Warmes, schwarzbraunes Parkett, eine dunkelrote Seidentapete und eine weiße Stuckdecke: Der Raum hat Stil, gern genutzt für kleine Festlichkeiten und Empfänge. Wirkungsvoll heben sich die großen Ölgemälde von den roten Wandfläche ab. Der Kamin aus französischem Marmor, verschönt mit Delfter Kacheln, ist wie vieles im Neuen Rathaus ein Geschenk von Bürgern.

 
Senatssaal (Pressestelle Senat der Freien Hansestadt Bremen)

Intim, fast heiter wirkt das angrenzende Gobelinzimmer, dem ein großer Wandteppich aus dem frühen 17. Jahrhundert den Namen gab. Es eignet sich vorzüglich für kleinere Besprechungen und Beratungen und wird inzwischen auch für standesamtliche Trauungen genutzt. Wichtigster Raum fürs aktuelle politische Geschehen ist der Senatssaal. An dem großen, ovalen Tisch tagt regelmäßig Dienstag des Senat. Gemusterte Seide bespannt die Wände. Den Boden verziert ein riesiger Teppich mit eingewebten Bremer Schlüsseln – ein Raum zum Wohlfühlen. Eine Büste erinnert an Wilhelm Kaisen, der nach dem Krieg zwei Jahrzehnte als Bürgermeister und Präsident des Senats in Bremen wirkte.

 
Marktplatz mit Rathaus (CH)

Das Bremer Rathaus ist Weltkulturerbe – und dennoch kein verstaubter Ort. Es steht mitten im Leben. Offen für Begegnungen und Gespräche, für Konzerte, Ausstellungen und Vorträge. Touristen kommen in Scharen, die repräsentativen Räume werden immer wieder genutzt für Festlichkeiten aller Art. Einmal im Jahr sind alle Türen geöffnet für die „Nacht der Jugend“. Und wenn Werder Bremen Deutscher Fußballmeister und auch noch Pokalsieger wird wie 2004 – dann ist eines ganz klar: Gefeiert wird im Rathaus und die Meisterschale auf dem Balkon präsentiert.

 
Roland. Fotograf Manuela Gangl (www.merepics.de). Bildquelle BTZ Bremer Touristik-Zentrale

Der Bremer Roland: „Vryheit do ik ju openbar“

Das Rathaus ist Welterbe der Menschheit – und mit ihm der Roland Wer das Rathaus vom Marktplatz aus in den Blick nimmt, hat zugleich auch die imposante Statue vor Augen: 5,50 Meter hoch – ein stolzer Ritter mit Schild, spitzen Knien, gelocktem Haar und hoch aufgerichtetem Schwert. Seine Größe, seine Monumentalität und nicht zuletzt die künstlerische Qualität dieses Standbildes vor einer der schönsten Rathausfassaden der Welt haben ihn berühmt gemacht. Die monumentale Steinskulptur hatte einen hölzernen Vorgänger, von dem man aber nur aus einer Chronik weiß, dass er im Jahr 1366 bei Unruhen von den Männern des Erzbischofs verbrannt worden ist. Denn bereits der hölzerne Roland war ein Symbol der Freiheit der Stadt und damit dem Erzbischof ein Dorn im Auge.

Rolandstatuen sind Symbole für Markt- und Handelsrechte. Sie gibt es in vielen norddeutschen Städten. Aber für die Experten ist der Bremer Roland die berühmteste, künstlerisch eindrucksvollste und schönste dieser Figuren. Er wurde – als jugendlicher Krieger in Rüstung und Mantel, mit erhobenem Schwert – 1404 errichtet. Kurz danach begann der Rathausbau. Bremens Roland ist auch ein „Freiheitsroland“. Schon sein hölzerner Vorgänger war ein Symbol der städtischen Freiheit, das – so die Legende - der Erzbischof 1366 zerstören ließ. Die Freiheit der Stadt, von der auf dem Schild die Rede ist, wurde dem Erzbischof abgetrotzt und gegen auswärtige Feinde verteidigt: So ist zu lesen: . Vryheit do ik ju openbar De Karl und menich vorst vor war Desser stede ghegheven hat Des danket gode is min radt Roland mit den spitzen Knien ist und bleibt Bremens Wahrzeichen. Die Bremer sind überzeugt: Solange er steht, bleibt Bremen frei.


Senat der Freien Hansestadt Bremen
Pressestelle des Senats
Rathaus, Am Markt 21
28195 Bremen