„Gesetzt aber auch, man stirbt auf einer solchen Reise, so ist es allezeit rühmlich sein Leben im Dienst der Wissenschaften verloren zu haben. Ist man gar so glücklich zurück zu kommen, so ist es sehr angenehm, daß man viele Beschwerlichkeiten überstanden, viele Nationen gesehen die von den Europäern für ungesittet ja wohl für Barbaren gehalten werden, und sie von einer bessern Seite kennen gelernt hat.“1

 
Carsten Niebuhr. Ölgemälde eines unbekannten Kopenhagener Künstlers, um 1775 (3)

Lateinschüler, Landwirtschaftsgehilfe und Student

Der Mathematiker, Kartograf und Forschungsreisende Carsten Niebuhr wurde am 17. März 1733 als Sohn von Barthold und Cäcilie, geb. von Duhn in Lüdingworth im Land Hadeln geboren. Seine Mutter verstarb, bevor er sechs Monate alt war, seine Stiefmutter wenige Jahre später. Nach zweijährigem Besuch der Lateinschulen in Otterndorf und Altenbruch musste er seine Schulbildung, nach dem Tod seines Vaters 1749, abbrechen und auf dem Hof seines Onkels, der bis zu seiner Volljährigkeit sein Vormund wurde, arbeiten. Durch einen Zufall entschied sich sein weiterer Lebensweg. Ein Rechtsstreit, bei dem die Grenzen eines Bauernhofes festgelegt werden mussten, machten ihn auf den Umstand aufmerksam, dass es im gesamten Umkreis keinen Landmesser gab. So entschied er sich, Kartograf zu werden. Die Erbschaft seines Vaters ermöglichte ihm 22jährig nach Hamburg zu gehen und seine Schulbildung an der Gelehrtenschule Johanneum abzuschließen. 1757 immatrikulierte er sich an der Georg-August-Universität in Göttingen im Fach Mathematik bei Professor Abraham Gotthelf Kästner und Astronomie bei Professor Tobias Mayer, der ein herausragender Kartograf war und in entscheidend in der späteren astronomischen Lageberechnungen mithilfe der Monddistanzen beeinflusste.

 
Reiseweg der Dänischen Expedition nach Arabien 1761-1767 (4)

Die Arabische Reise

Der anerkannte Göttinger Orientalisten Johann David Michaelis hat bereits 1753 ein Gesuch an den dänischen König Frederik V, der für seine weltoffene und im Sinne der Aufklärung orientierte Kulturpolitik bekannt war, geschrieben, in dem er ihm die Pläne zu einer Forschungsreise in das südliche Arabien darlegte. Denn über „den Jemen – den die Römer 'Arabia felix' , das glückliche Arabien, genannt hatten - wisse man nämlich in Europa noch wenig, doch müßten sich in ihm, weil er nie von fremden Völkern erobert worden sie, besonders alte Gesellschafts- und Kulturformen erhalten haben, aus denen man wertvolle Erkenntnisse für Geographie, Naturkunde, Sprachwissenschaft und vor allem für die Erklärung der Bibel gewinnen könne“. 2  Dabei lag Michaelis vor allem der Nachweis über den Wahrheitsgehalt der Bibel am Herzen. Seiner Idee nach, sollten Wissenschaftler verschiedener Fakultäten an der Reise teilnehmen, um möglichst umfangreiche Ergebnisse liefern zu können. Zu diesem Zweck entwickelte er, mit Hilfe von Experten aus ganz Europa, einen 100 Punkte umfassenden Katalog, den „Fragen an eine Gesellschaft gelehrter Männer“.

 
Plan der Stadt Basra (5)

Die Umstände, die zur Teilnahme Niebuhrs an der Arabischen Reise führten, beschrieb sein Sohn Barthold Georg Niebuhr in den biographischen Skizzen folgendermaßen: „Eines Tages im Sommer 1758 betrat Kästner das Zimmer meines Vaters. 'Hätten Sie Lust, nach Arabien zu reisen?' fragte er. 'Warum nicht, wenn jemand die Kosten bezahlt' erwiderte mein Vater, den nichts an die Heimat band und außerdem das Verlangen, seinen Horizont zu erweitern, in die Ferne zog“.3  Neben Carsten Niebuhr, als Mathematiker und Kartograf, nahmen Professor Peter Forsskal als Zoologe und Botaniker, Professor Friedrich Christian von Haven als Philologe und Kenner der arabischen Sprachen, Doktor Christian Carl Cramer als Arzt, Georg Wilhelm Bauernfeind als Zeichner und Kupferstecher und Lars Berggren als Diener, teil. Die Arabische Reise gilt als erste moderne Forschungsreise, da sie allein wissenschaftlichen Intentionen entspricht.4

 
Inschriften und Tierfiguren (6)

Stationen der Arabischen Reise

Von Kopenhagen aus reiste man über Marseille nach Konstantinopel, weiter nach Kairo, in den Jemen, nach Bombay, nach Jerusalem und dann nach Damaskus. Im Jemen machten sich die ersten Anzeichen der Malaria bei den Reiseteilnehmern bemerkbar. Darüber hinaus gab es von Anfang an starke Spannungen unter den Expeditionsteilnehmern. Vor allem von Haven fühlte sich als Anführer der Expedition und ordnete sich nur schwer dem demokratischen Tenor der Gruppe unter. An den massiven gesundheitlichen Problemen durch die Malaria starben auf der Überfahrt nach Bombay alle außer Niebuhr und Cramer, der aber wenige Monate später in Bombay seiner Krankheit erlag. Von Bombay aus reiste Niebuhr, auf sich alleine gestellt, inkognito als „Abdallah“ in arabischer Tracht auf dem Landweg nach Westen um die an ihn gestellten Fragestellungen zu untersuchen.

 
Carsten Niebuhr (7)

Niebuhr als Kartograf, Geograf und Ethnograf

Als „Mathematicus“ der Reise hatte er die Aufgabe möglichst exakte Karten und Pläne anzufertigen und Informationen zur Wirtschaft, Landwirtschaft, dem Handel, den Verwaltungssystemen und zur Demographie der bereisten Länder zusammen zu stellen.5  Er zeichnete u.a. Stadtpläne von Kairo, Damaskus, Bagdad, Suez und Basras, verfertigte die erste, auf exakten Messungen bestehende, Karte des Roten Meeres, des Nil-Deltas, die erste Jemen-Karte, die erste Karte des Persischen Golfes, etc. Darüber hinaus fertigte er Pläne von den Ruinen Persepolis an und kopierte persische Keilschriften und ägyptische Hieroglyphen, die Jahrzehnte später bei der vollständigen Entzifferung derselben halfen. Mit den neuesten Observations- und Messinstrumenten ausgestattet, ermittelte er die Höhe der Pyramiden mittels des Astrolabiums und führte bahnbrechende genaue geographische Ortsbestimmungen mittels der Messung der Monddistanzen durch.6

 
Sinaihalbinsel (8)

„Ein Teppich ist auf solchen Reisen ein nothwendiges Stück“

Neben Ausführungen zur Topografie und Geografie, der Wirtschaft, Religion, der Verwaltung, der medizinische Versorgung in den bereisten Ländern, interessierte er sich aber auch für die „Alltagsgeschichte“ und den „Sitten und Gebräuchen“. Zu seinen Reiseumständen berichtigt er: „Mein ganzes Küchengeräth war in einem Beutel eingepackt. Es bestand aus zwey Töpfen mit Deckeln die in einander gesezt werden konnten, aus ein paar Schüsseln und Tellern, und einer Kaffeekanne, alles von Kupfer und verzinnt […] Mein Vorrath von Essen bestand vornehmlich in Reis und Butter. Leztere ist geschmolzen und wird in einer ledernen Kruke aufbewahrt. Ferner hatte ich Zwieback und auch Mehl, um unterwegs frisches Brod backen zu können, trockene Früchte, in der Sonne gedörrtes Fleisch, Caffe […] Mein Bett bestand aus einer Matratze, einer dünnen Decke und einem Kopfküssen […] Ein Teppich ist auf solchen Reisen ein nothwendiges Stück. Denn, wo man sich lagert, es sey in einem Hause oder auf freyem Felde, so wird dieser gleich ausgebreitet, und man hat einen reinlichen Sitz […].7

 
Bab al-Futuh, eines der alten Stadttore von Kairo (9)

Rückkehr nach Europa

Auf dem Landweg über den Irak, der Türkei und dem Balkan kehrte 1767 kehrte Niebuhr nach Kopenhagen zurück. Hier veröffentlichte er die gesammelten Ergebnisse in der „Beschreibung von Arabien“ und zwei Jahre später in der drei Bände umfassenden „Reisebeschreibung nach Arabien und anderen umliegenden Ländern“, wobei der dritte Band „Reise nach Syrien und Palästina“ erst nach seinem Tod erschienen ist. Seine Werke wurden ins Dänische, Französische, Englische und Niederländische übersetzt. Darüber hinaus gab er 1775 die zoologischen und botanischen Ausführungen seines Mitreisenden Peter Forsskals heraus.

 
Titelblatt 'Reisebeschreibungen nach Arabien und anderen umliegenden Ländern (10)

Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse und seine präzisen geografischen Messungen wurden von der Fachwelt in ganz Europa mit großer Anerkennung und Bewunderung aufgenommen. Dazu Rasmussen: „Die Ergebnisse der Reise sind einerseits die unterwegs gesammelten und nach Kopenhagen geschickten Gegenstände: Tiere und Pflanzen sowie arabische und hebräische Handschriften, anderseits Aufzeichnungen, Zeichnungen und Karten sowie die darauf aufbauenden, von Niebuhr besorgten Buchveröffentlichungen. Einen Teil der Fragen, die der Expedition mitgegeben waren, hatte sie beantworten können […]. Manche der anderen Ergebnisse erwiesen sich als epochemachend, so Niebuhrs Leistung auf dem Gebiete der Kartographie und seine Keilschriftkopien […]“.8

 
Carsten Niebuhr im 76. Lebensjahr (11)

Hochzeit und Umzug nach Dithmarschen

1773 heiratete er Christiane Sophie Blumenberg, die Tochter des aus Deutschland stammenden königlichen Leibarztes. Da er nach dem Tod Frederik des V und dem Sturz seiner politischen Förderer am dänischen Hof für sich keine berufliche Perspektive mehr sah, siedelte er 1778 mit seiner Frau und den zwei Kindern als Landschreiber nach Meldorf in Dithmarschen über. Seine Aufgabe bestand vor allem in der Einziehung der Steuern. Die grundsätzliche Veränderung seiner Lebensumstände, zwar übte er einen anerkannten Beruf mit viel Verantwortung aus, war aber von der wissenschaftlichen Welt „abgeschnitten“, ließen ihn nach den Aufzeichnungen seines Sohnes in „dumpfen Mißmut“ fallen.9. Sein Gemütszustand besserte sich erst, als sich aufgrund seiner Veröffentlichungen nach und nach ein weitverzweigter Briefwechsel mit vielen Wissenschaftlern entstand und sich Ergebnisse seiner Reisen in anderen Berichten widerspiegelten. Sein wichtigster Gesprächspartner und Freund vor Ort war Christian Boie, Herausgeber des „Göttinger Musenalmanachs“, des „Deutschen Museums“ und Mitglied des Göttinger Hainbunds, der 1781 Landvogt in Süderdithmarschen wurde. Durch seine vielen literarischen und wissenschaftlichen Kontakte angeregt, veröffentlichte Niebuhr zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen. Carsten Niebuhr verstarb mit 82 Jahren am 26. April 1815. Dazu sein Sohn: „Eine Menge Männer aus allen Orten der Landschaft begleiteten seine Leiche. Bei Menschegedenken war Niemand dort so allgemein betrauert gestorben.“ 10

Christina Hemken

Anmerkungen


(1)  Carsten Niebuhr. In: Lohmeier 2005, S. 218
(2)  Johann David Michaelis, in: Lohmeier 2011, S. 19
(3)  Barthold Georg Niebuhr, in: Robert und Evamaria Grün 1983, S. 323f.
(4)  Vgl. Dieter Lohmeier, in: Josef Wiesehöfer und Stephan Conermann 2011, S. 17
(5)  Vgl. Lucian Reinfandt, in: Josef Wiesehöfer und Stephan Conermann 2011, S. 111
(6)  Stephan Cornemann, in: Josef Wiesehöfer und Stephan Conermann 2011, S. 404f.
(7)  Carsten Niebuhr, in: Josef Wiesehöfer und Stephan Conermann 2011, S. 31
(8)  Stig Ramussen, in: Carsten Niebuhr Zürich 1993, S. 38f
(9)  Barthold Georg Niebuhr, in: Lohmeier 2005, S. 226
(10) Barthold Georg Niebuhr, in: Lohmeier 2005, S. 230

Abbildungsverzeichnis

(1) Niebuhr in Arabischer Tracht. In: Hansen 1965, Umschlag
(2) Ansicht von Bayt al Faqih. Kupferstich von Jean Defehrt nach einer Zeichnung von Georg Wilhelm Bauernfeind. In: Lohmeier 2011, S. 91
(3) Carsten Niebuhr. Ölgemälde eines unbekannten Kopenhagener Künstlers, um 1775. In: Lohmeier 2011
(4) Reiseweg der Dänischen Expedition nach Arabien 1761-1767. In: Hansen 1965, Umschlaginnenseite
(5) Plan der Stadt Basra. Kupferstich aus Niebuhrs Reisebeschreibung, Stich unsigniert, wahrscheinlich von Peter Haas. In: Lohmeier 2011, S. 179
(6) Oben: Eine der Inschriften, die Niebuhr ... von einzelnen Steinen am Wweg nach Sinai zurück nach Suez kopierte. Mitte: Eine Inschrift, die der Italiener Vitaliano Donati auf der Suezhalbinsel kopiert hatte... Unten: Tierfiguren auf Felsen der Sinaihalbinsel.... In: Lohmeier 2011, S.73
(7) Carsten Niebuhr. In: Carsten Niebuhr, Zürich, Umschlagseite
(8) Sinaihalbinsel. In: Josef Wiesehöfer und Stephan Conermann 2011, S. 151
(9) Bab al-Futuh, eines der alten Stadttore von Kairo. Kupferstich von Georg Haas nach einer Zeichnung von Georg Wilhelm Bauernfeind 1773. In: Lohmeier 2011, S. 50
(10) Titelblatt 'Reisebeschreibungen nach Arabien und anderen umliegenden Ländern. In: Carsten Niebuh, Zürich, Umschlagseite, S. 48
(11) Carsten Niebuhr im 76. Lebensjahr. In: Carsten Niebuhr, Zürich S. 36

Literatur

Carsten Niebuhr: Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern. Mit einem Vorwort von Stig Ramussen und einem biographischen Portrait von Barthold Georg Niebuhr. Zürich 1993

Thorkold Hansen: Reise nach Arabien. Die Geschichte der Königlich Dänischen Jemen-Expedition 1761 – 1767. Hamburg 1965

Dieter Lohmeier: Die weltliterarische Provinz. Heide 2005

Dieter Lohmeier: Mit Carsten Niebuhr im Orient. Zwanzig Briefe von der Arabischen Reise 1760 – 1767. Heide 2011

Robert und Evamaria Grün (Hg.): Carsten Niebuhr: Entdeckungen im Orient. Reise nach Arabien und anderen Ländern 1761 – 1767. Stuttgart 1983

Josef Wiesehöfer und Stephan Conermann (Hg.): Carsten Niebuhr (1733-1815) und seine Zeit. Beiträge eines interdisziplinären Symposiums vom 7.-10. Oktober 1999 in Eutin. Stuttgart 2002