Das Overbeck-Museum ist das einzige Museum in Bremen, das sich einem der Gründungsväter der Künstlerkolonie Worpswede widmet – dem Maler Fritz Overbeck. Die Ausstellungsstätte im Alten Packhaus Vegesack betreut den Nachlass des Malers sowie den seiner Frau und Kollegin, der Künstlerin Hermine Overbeck-Rohte. Die Werke beider Künstler werden ganzjährig in wechselnder Auswahl gezeigt.

 
Fritz Overbeck: Lämmi im Garten, Vegesack, 1908, Öl/Lwd. (Overbeckmuseum)

Fritz Overbeck (1869 – 1909) begründete gemeinsam mit Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Hans am Ende und Heinrich Vogeler den Ruhm des Künstlerdorfs Worpswede, der bis in die Gegenwart ausstrahlt. Seit dem großen Ausstellungserfolg 1895 im Münchener Glaspalast, der der Gruppe international Anerkennung brachte, zählten die Mitglieder der Worpsweder Vereinigung zu den bekanntesten Malern in Deutschland, und die Künstlerkolonie im Teufelsmoor wurde fortan zum Inbegriff naturalistischer Landschaftsmalerei.

 
Fritz Overbeck: Selbstbildnis, Vegesack, 1905, Öl/Karton (Overbeckmuseum)

Die Werke der frühen Worpsweder zeichnen sich vor allem durch stimmungsvolle Naturansichten aus. In Nachfolge der Künstlerkolonien von Barbizon oder Dachau wandten sich die jungen Maler von der Landschaftsauffassung des Akademiebetriebs ab, um direkt vor der Natur unter freiem Himmel zu malen. Als Gegenbewegung zur um sich greifenden Industrialisierung spiegeln ihre Bilder die Sehnsucht der Stadtbevölkerung nach einem ungebrochenen Zusammenhang zwischen Mensch und Natur wider. Die karge Moorlandschaft mit ihrer weiten Ebene und dem sich über alles spannenden hohen Himmel wurde zum beliebtesten Motiv der Worpsweder Maler, dem sie sich in immer neuer Weise – mal verträumt-romantisch, mal sachlich-detailliert – annäherten.

 
Hermine Overbeck-Rothe: Unser Hauseingang, Vegesack, nach 1905, Öl/Karton (Overbeckmuseum)

Fritz Overbeck wurde 1869 in Bremen geboren und studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie. 1892 machte ihn Otto Modersohn mit Worpswede bekannt, und von da an ließ ihn die Begeisterung für die reizvolle Moorlandschaft nicht mehr los. 1894 nahm er seinen Wohnsitz in Worpswede. Bei einer Ausstellung im Münchener Glaspalast 1896 entdeckte die junge Kunststudentin Hermine Rohte das erste Mal einige Bilder von Fritz Overbeck. Sie zeigte sich so angetan von seinen Arbeiten, dass sie kurzentschlossen nach Worpswede zog und seine Schülerin wurde. Bereits im Herbst 1896 verlobten sich die beiden Künstler und heirateten ein Jahr später. 1898 wurde der Sohn Fritz Theodor geboren, 1903 die Tochter Gerda.

 
Hermine Overbeck-Rothe: Stillleben mit Zitrone, Apfelsine und Apfel, Vegesack, nach 1905, Öl/Karton (Overbeckmuseum)

Die Familie lebte bis 1905 in Worpswede, bis sie schließlich nach Bröcken bei Vegesack übersiedelte. Vegesack reizte Fritz Overbeck durch eine neue Motivwelt. In Vegesack und auf Reisen nach Sylt, in die Rhön und nach Davos blieb er der Landschaftsmalerei treu, seine Werke zeigen aber eine deutlich realistischere Prägung als die frühen lyrischen Worpsweder Arbeiten. Auch beginnt er, mit Maltechniken zu experimentieren: Seine Bilder zeugen von einer Auseinandersetzung mit den Impressionisten, Pointillisten oder Expressionisten, sodass Overbeck heute als der fortschrittlichste Vertreter aus der Worpsweder Gründergeneration gilt. 1909 bricht seine Laufbahn unerwartet ab: Im Alter von nur 39 Jahren stirbt Fritz Overbeck überraschend an einem Hirnschlag.

 
Hermine Overbeck-Rothe: Trocknende Wäsche, Worpswede, 1896/97, Öl/Karton (Overbeckmuseum)

Hermine Overbeck-Rohte (1869 – 1937) wird als jüngstes von sechs Kindern in Walsrode geboren. Die Familie unterstützt die schon im Kindesalter sich abzeichnende künstlerische Begabung der Tochter und lässt sie privaten Zeichenunterricht nehmen. Als sie jedoch den Wunsch äußert, Malerin zu werden, verweigert die Familie ihr die Erlaubnis. Hermine Rohte lernt Hauswirtschaft und Krankenpflege und arbeitet als Erzieherin. Erst Jahre später, als der gleichaltrige Fritz Overbeck sein Kunststudium an der Akademie in Düsseldorf bereits beendet hat und zu ersten Studienaufenthalten in Worpswede weilt, kann sie ihren Herzenswunsch durchsetzen und schreibt sich als Malstudentin an der sogenannten „Damenakademie“ in München ein.

 
Fritz Overbeck: Hermine in blauer Malschürze, Vegesack, o.J., Öl/Karton (Overbeckmuseum)

Hermine Rohte studiert vier Jahre in München, unter anderem bei der renommierten österreichischen Landschaftsmalerin Tina Blau. Nach der Verlobung mit Fritz Overbeck setzt Hermine Rohte ihr Studium nicht fort, doch die Kunst bleibt das große Thema: Hermine Rohte nimmt regen Anteil am Kunstschaffen ihres zukünftigen Ehemannes und spart nicht mit fachkundiger Kritik. Aufschlussreich ist, dass Fritz Overbeck, wenn er seine Verlobte in künstlerischen Belangen um Rat fragt, sie nicht als „Hermine“, sondern als „Hermann“ anspricht – ein Rollenspiel, das sie mitspielt, wohl auch, weil sie ahnt, dass sie so als ebenbürtiger „Kollege“ auf Augenhöhe mit ihm sprechen kann.

 
Innenansicht des Overbeck-Museums (Overbeckmuseum)

Die ersten Ehejahre sind die produktivsten von Hermine Overbeck-Rohte. Anders als Fritz Overbeck wählt sie oft kleine, intime Ausschnitte, hebt scheinbar Nebensächliches hervor und fängt in impressionistischer Manier das Sonnenlicht ein. Die häuslichen Anforderungen nach der Geburt der beiden Kinder schränken sie in ihrer künstlerischen Arbeit jedoch zunehmend ein. Zudem erkrankt die Malerin an Lungentuberkulose: Sanatoriumsaufenthalte und Liegekuren sind notwendig. Im neuen Haus in Bremen-Vegesack richtet Fritz Overbeck seiner Frau wie schon in Worpswede ein eigenes Atelier ein – durch die geschwächte Gesundheit stärker als früher ans Haus gebunden, malt sie hier vor allem leuchtende Ansichten ihres Gartens und zahlreiche Stillleben.

 
Fritz Overbeck: Abend im Moor, Worpswede, 1896, Öl/Lwd. (Overbeckmuseum)

1908 bricht ihre Lungenkrankheit erneut aus. Fast ein Jahr muss Hermine Overbeck-Rohte in Davos, auf dem berühmten „Zauberberg“, im Sanatorium verbringen. Im Sommer 1909 wird sie endlich als geheilt, aber immer noch geschwächt, entlassen, doch nur drei Tage nach ihrer Rückkehr stirbt Fritz Overbeck unerwartet im Alter von nur 39 Jahren an einem Hirnschlag. Der Verlust trifft Hermine Overbeck-Rohte schwer. Neben der Trauer um den geliebten Ehemann muss sie nun allein für die Kinder sorgen. Zudem macht sie es sich zur Aufgabe, den Nachlass ihres Mannes zu betreuen, organisiert Ausstellungen seiner Bilder und legt ein Werkverzeichnis an. Doch Hermine Overbeck-Rohte gibt das Malen nicht ganz auf. Sie begibt sich auf Reisen, stets auf den Spuren ihres Mannes, malt auf Sylt und in der Rhön. Als sie 1937 an den Folgen eines Autounfalls stirbt, hinterlässt Hermine Overbeck-Rohte ein umfangreiches, vielseitiges und vollkommen unbekanntes Werk. Obwohl sie sich zeitlebens als Schülerin Fritz Overbecks fühlte, hat sie in ihrem Arbeiten auch deutlich eigene Akzente gesetzt. Die Ausstellung im Overbeck-Museum macht ihr reiches Werk erstmals öffentlich zugänglich.

Overbeck-Museum
Altes Packhaus Vegesack
Alte Hafenstraße 30
28757 Bremen
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Öffnungszeiten: täglich vom 11 – 18 Uhr, außer montags