„[Voß] besaß weder die Fähigkeit zur Versöhnung
noch die Begabung für das Glück“2

 
Tür der Lateinschule in Otterndorf (CH)

Zu seiner Zeit war J. H. Voß eine feste Größe in der Geisteswelt und korrespondierte mit den bedeutendsten Intellektuellen seiner Zeit. Heute ist er zunehmend in Vergessenheit geraten und wenn sein Name genannt wird, dann vor allem als Übersetzer von Homers Werken Odyssee und Ilias.

 

 

 
Büste von J. H. Voß (CH)

Kindheit in Penzlin

Die bedeutende Rolle war ihm nicht in die Wiege gelegt. Geboren wurde er als unehelicher Sohn von Johann Heinrich Voß und Katharina Dorothea Karsten am 20.02.1751 in Sommerstorf bei Waren/Müritz, seine Eltern heirateten erst kurz nach seiner Geburt. Sein Großvater Joachim Voß war ein sog. „leibeigene Handwerker“ 3. Der von ihm empfundene Makel seiner kleinbürgerlichen Herkunft sollte ihn sein Leben lang verfolgen und seinen Kritikern Anlass zur Polemik und Kritik an seinen Übersetzungen geben. Als sein Vater in Penzlin die Aufgabe des Zolleinnehmers und Schankwirts übernahm, verbesserte sich die wirtschaftliche Situation der Familie erheblich. Diese materielle Absicherung ermöglichte ihm zunächst einen ungetrübten Schulbesuch, bei dem seine außerordentliche Begabung rasch auffiel und er besonders gefördert wurde.

 
E.R.J. Brückner (1745-1805), Zeichnung von Caspar David Friedrich (1)

Die höhere Schule in Neubrandenburg

Infolge des Siebenjährigen Krieges und folgenschwerer Missernten verschlechterte sich die ökonomische Situation der Familie bedrohlich. Der Besuch einer höheren Schule im nahe gelegenen Neubrandenburg war nur mit Unterstützung von vermögenden Penzliner und Neubrandenburger Bürger möglich, die das Schulgeld und mehrere „Freitische“ bezahlten. Seine Schulzeit war überschattet durch diese bedrückende Situation, die den Besuch einer Universität unmöglich machte. Obwohl seine schulischen Leistungen, vor allem in Latein, Altgriechisch, Französisch und seine musische Begabung herausragend waren und auch erste schriftstellerische Versuche in diese Zeit fallen.

 
Ankershagen, die 'Raubburg' (2)

Voß als Hauslehrer in Ankershagen

Da ihm das Studium verwehrt blieb, nahm Voß 1769 schweren Herzens eine Stelle als Hauslehrer bei der Familie Sigmund von Oertzen an. Die folgenden drei Jahre in Ankershagen sollten zu den schwersten seines Lebens gehören, an die er sich auch im fortgeschrittenen Alter immer noch ungern erinnert. Standesdünkel, schlechte Bezahlung und Herabsetzungen verschiedenster Art verleideten ihm den Aufenthalt. Einzig die Freundschaft zu dem Pastor Ernst Theodor Johann Brückner erleichterte ihm die Situation. Mit ihm teilte er die Vorliebe für das klassische Altertum und Brückner war es auch, der ihn in dem Wunsch bestärkte, selbst Schriftsteller zu werden. Voß sandte einen Beitrag für den Göttinger Musen-Almanach ein, daraufhin entstand mit dem Herausgeber Heinrich Christian Boie ein reger Briefwechsel, der den weiteren beruflichen wie privaten Lebensweg von Voß verändern sollte. Die Bekanntschaft mit Boie und dessen Beziehungen ermöglichte Voß ein Studium in Göttingen.

 
J.H. Tischbein: J.H. Voß, Eutin 1817 (3)

Studienzeit

Von 1772 bis 1775 studierte er in Göttingen zuerst Theologie, später Philologie. Sein Studium finanziert er durch Privatunterricht, Seminarstudien und Beiträge für den Musen-Almanach, dessen Herausgeber er 1774 wurde. Mit einigen Kommilitonen gründete er am 12. September 1772 den Dichterkreis „Hainbund“. Den Professoren fiel zwar seine außergewöhnliche Begabung auf, aber auch sein schwieriger Charakter:
„Er verscherzte sich mit seinem altbekannten Argwohn gegenüber pädagogischen Mentoren bald aber auch die Sympathien des Göttinger Lehrkörpers: Christian Gottlob Heyne etwa - von Vossens autodidaktisch erworbenen Sprach- und Literaturkenntnissen im Altgriechischen durchaus beeindruckt, aber beständiger Attacken des wissbegierigen Studenten auf sein Lehrautorität schließlich ebenso müde wie verschiedener literarischer Koketterien des erklärten ‚Hain’-Bündlers – schloss Voß […] schlicht aus seinen Seminaren aus. 4

 
Ernestine Voß (1756-1834) (4)

Heirat und Umzug nach Wandsbek

Göttingen verließ Voß 1772 ohne abgeschlossene Hochschulausbildung und ließ sich in der Nachbarschaft Klopstocks in Wandsbek als Herausgeber nieder. Dort heiratete er 1777 die Schwester von H. C. Boie, Ernestine. Seine Schwiegermutter konnte aber erst nach heftiger Gegenwehr überzeugt werden, da sie ihre Tochter nicht einem mittellosen Literaten zur Frau geben wollte. Von den drei Kindern wurden zwei, Abraham und Heinrich ebenfalls Philologen. Voß bemühte sich in der folgenden Zeit vergebens um geregelte finanzielle Verhältnisse. Bittgesuche und Bewerbungen wie als Schulrektor in Neubrandenburg schlugen fehl, bis er auf Vermittlung von Johann Georg Büsch die Stelle als Rektor der Lateinschule in Otterndorf bekam.

 
Lateinschule in Otterndorf (CH)

Rektor der Lateinschule in Otterndorf

Die Familie zog im Oktober 1778 in die Dienstwohnung neben der Schule in Otterndorf um. Voß selbst zu seiner Lebenssituation in Otterndorf::
„Ob ich zufrieden bin? Ja, sage ich, und zwar zu Fremden mit heiterer Stimme. Bei dir kann ich ja wol hinzufügen, dass ich’s gerne ein wenig besser hätte. Von 8 bis 12 und von 2 bis 4 schieb ich täglich die Karre… [Unterricht] und eine Stunde brauch’ ich doch täglich zur Vorbereitung. Hierfür nehme ich gegen 300 Reichstaler ein, wenn die Schule mäßig besetzt ist. Mit Kostgängern kann ich es höher bringen, bis jetzt kann ich noch keine halten, denn mein Haus wird diesen Sommer ausgebaut. Das alte Rectorhaus lag im Morast, und hatte niedrige Zimmer, in einer dumpfen Gasse. Da kauften sie mir dies … Hier seh ich aus meiner Gartenlaube über den Fluß ins Feld, und von beim Thurme vorbei auf den Kirchhof, und bin freilich den Ost- und Westwinden ausgesetzt; aber es ist doch besser Wind als stinkender Nebel…“5.

 
Lateinschule in Otterndorf (CH)

Malaria tertiana

Aber nicht nur die empfundene Arbeitsüberlastung und die schlechte Bezahlung erschwerten die Lebensumstände der Familie. Sie litt in regelmäßigen Abständen an dem sog. „Marschenfieber“. Während man lange Zeit annahm, dass es sich hierbei um Typhus handelt, weiß man heute, dass es eine harmlosere Art von Malaria ist, die auch wie die Malaria tropica durch die Anopholes-Mücke übertragen wird 6. Obwohl er das offene und liberale Wesen der „Hadler“ sehr zu schätzen wusste und auch in seinen späteren Schriften immer wieder erwähnte, unternahm er mehrere Versuche eine andere Stelle anzutreten. Schließlich wurde ihm 1782, auf Vermittlung seines Freundes Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, das Rektorat der Eutiner Lateinschule übertragen.

 
Voß-Haus in Eutin (5)

Eutin, Jena und Heidelberg

Auch wenn die äußeren Lebensbedingungen positiver erschienen als in Otterndorf, so wurden ihm zwei Lehrkräfte zur Unterstützung beigestellt, er wurde für zwei Jahre freigestellt, um in Jena (1802-1805) als Privatgelehrter zu leben und die Eutiner Jahre gelten als seine produktivsten, verschlimmerte sich seine körperliche wie psychische Konstitution, wie seine Frau es vorsichtig in einem Brief andeutet:
„Vossens Reizbarkeit nahm zu, wie allmählig seine Gesundheit weniger fest wurde, und oft hatte er Wochen, wo keine Arbeit ihn anzog …In solchen Zeiten, berührte ihn alles im Hause, was sonst leicht, oft unbemerkt an ihm vorüberging, stets unsanft, und brachte mir bei aller Vorsicht schwere Stunden. Oft schien ich ihm untheilnehmend, wenn ich ihm dies und jenes leicht vorzustellen suchte; oft leichtsinnig, wenn die Ausgaben größer waren, als er es wünschte; oft war mein Betragen in Leitung der Kinder nicht das rechte. Dann konnte er heftig werden, so dass ihm harte Worte entfuhren“ 7. 1805 folgte er einem Ruf an die Heidelberger Universität, ohne Verpflichtung zur Lehre, die es ihm ermöglichte sich in den folgenden Jahren seinen wissenschaftlichen philologischen Interessen zu widmen. Hier verstarb er am 29. März 1826 infolge eines Schlaganfalls.

 
'Der Geburtstag' von A. Freiherr von Ramberg aus 'Luise' (6)

Werk

Voß und sein Werk waren schon zu Lebzeiten umstritten, nicht nur an seinen Übersetzungen schieden sich die Geister, auch sein poetisches Oeuvre fand nicht unumwundene Zustimmung. Seine Haltung vor allem zur deutschen Romantik gab immer wieder Anlass zu Kritik und Polemik. Hinzu kam, dass er stets als „schwieriger Charakter“ galt und sich mit zahlreichen seiner Zeitgenossen überworfen hatte. Trotz aller Kritik ist sein schriftstellerisches Werk beeindruckend. Neben den Übersetzungen sind es vor allem seine redaktionelle Arbeit als Herausgeber und seine Idyllen und Gedichte. Idyllen wie „Die Leibeigenschaft“, „Die Pferdeknechte“, „De Winterawend“, „De Geldhapers“ und vor allem „Luise. Ländliches Gedicht in drei Idyllen“ und Gedichte wie „Devise an einen Poeten“ „Trinklied für Freye“, Schwergereimte Ode“, „Der Kuss“, „An meine Ernestine“ untermauern seinen Ruf als bedeutender Schriftsteller des 18. Jahrhundert.8

 
Erstausgabe von 1781 (7)

Übersetzungen

Seine bekanntesten Übersetzungen sind die der Odyssee und Ilias. Neben Homer übertrug er aber auch Werke anderer klassischer Dichter wie u.a. von Hesiod, Theokrit Vergil, Ovid und Horaz. Daneben gab er eine neunbändige Übersetzung des Werkes von Shakespeare heraus. Zu Reaktion auf seine Übersetzungen: „Mehrmals attackierten Christian Gottlob Heyne und Georg Christoph Lichtenberg seit 1780 die unakademischen Bemühungen Vossens um eine originalgetreue Aussprache, Übersetzungen und Interpretation griechischer Klassiktexte mit genüsslich-maliziösen Hinweisen auf Vossens – des ‚Bauernjungen’ und ‚Ochsentreibers’ – angeblich bäuerliche (sic!) Herkunft. Noch 1818 weiß sich Voß nicht anders zu helfen, als die entsprechenden Zitate so minutiös wie betroffen nachzuweisen.“9

 
Johann Heinrich Voß nach einem Gemälde von Tischbein (8)

Daneben gab es aber auch andere Stimmen:

„Ein Mann wie Voß wird übrigens so bald nicht wieder kommen. Es haben wenig andere auf die höhere deutsche Cultur einen solchen Einfluss gehabt als er. Es war an ihm alles gesund und derb, weshalb er auch zu den Griechen kein künstliches, sondern ein rein natürliches Verhältnis hatte, woraus denn für uns andern die herrlichsten Früchte erwachsen sind. Wer von seinem Werte durchdrungen ist wie ich, weiß gar nicht, wie er sein Andenken würdig genug ehren soll.“ (J. W. von Goethe, 1827)

„Die liebste neue Bekanntschaft auf der ganzen Reise war mir indeß Voß … Nie habe ich in irgend einem Menschen eine solche schlechterdings nur auf Eine Sache gerichtete Natur gefunden. Man muß ihm auf seinem Wege entgegenkommen, sonst ist es unmöglich sich nur mit ihm zu verstehen. Alsdann bemerkt man auch einen so unzertrennlichen Zusammenhang und ein solche Einheit in ihm, als man vielleicht nirgend sonst antrift. Die Eigenthümlichkeit seiner Uebersetzungen, seiner eignen Gedichte, seiner philologischen Arbeiten, seiner Streitigkeiten, seines Charakters und seines häuslichen Lebens sogar, alles lässt sich aus Einem und ebendemselben Princip erklären“ (Wilhelm von Humboldt, 1796)

Christina Hemken

Weiterführende Informationen


Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft
c/o Eutiner Landesbibliothek
Schloßplatz 4
23701 Eutin
Tel. 0 4521/ 701228
This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.


Johann-Heinrich-Voß-Museum
Johann Heinrich Voß Straße 8
21762 Otterndorf
Tel: 04751/919102

 

Anmerkungen

(1) Heinrich Heine zitiert nach Adrian Hummel, in: Mittler, Elmar und Inka Tappenbeck, S. 140
(2) Ludwig Rohner zitiert nach P. J. Brenner, in: Baudach, Frank und Günter Häntschel (Hg.), S. 109 
(3) vgl. Siegfried Heuer, in: Rudolph, Andrea, S. 48f.
(4) Adrian Hummel, in: Mittler, Elmar und Inka Tappenbeck, S. 150
(5) Crepon,Tom, S.21
(6) vgl. Hans-Volker Feldmann, in:  Rudolpf, Andrea, S. 253ff.
(7) Ernestine Voß zitiert nach Adrian Hummel, in Mittler, Elmar und Inka Tappenbeck, S. 148
(8) Adrian Hummel, in: Mittler, Elmar und Inka Tappenbeck, S. 166f.
(9) Adrian Hummel, in: Mittler, Elmar und Inka Tappenbeck, S. 145
(10)  J. W. von Goethe, 1827 zitiert nach Walter Grab, in: Beutin, Wolfgang u. Klaus Lüders, S. 32
(11) Wilhelm von Humboldt zitiert nach Marion Marquardt, in: Rudolph, Andrea, S. 1


Abbildungsnachweis

(1) In: Rudolpf, Andrea, S. 64
(2) In: Rudolpf, Andrea, S. 61
(3) In: Rudolpf, Andrea, S. 58
(4) In: Hahn, Christian D., S. 75
(5) In: Hahn, Christian D., S. 80
(6) In: Rudolpf, Andrea, S. 232
(7) In: Crepon, Tom, S. 57
(8) In: Hahn, Christian D., S. 74


Literatur/Quellen

Baudach, Frank und Günter Häntschel (Hg.): Johann Heinrich Voß (1751-1826). Beiträge zum Eutiner Syposium im Oktober 1994. Eutiner Forschungen, Bd. 5. Eutin 1997

Beutin, Wolfgang u. Klaus Lüders: Freiheit durch Aufklärung. Johann Heinrich Voß (1751-1826). Bremer Beiträge zur Literaturgeschichte, Band 12. Frankfurt 1995

Crepon, Tom: Odysseus in Haduloha. Johann Heinrich Voß in Otterndorf 1778-1782. Otterndorf 1994

Hahn, Christian D.: Johann Heinrich Voß. Leben und Werk. Husum 1977

Mittler, Elmar und Inka Tappenbeck: Johann Heinrich Voß 1751-1826. Idylle, Polemik und Wohllaut. Göttinger Bibliotheksschriften 18. Göttingen 2001

Rudolph, Andrea (Hg.): Johann Heinrich Voss. Kulturräume in Dichtung und Wirkung. Detttelbach 1999