Wer das 1635 gebaute Tor durchschritt, mag sich in einem der großen Häfen dieser Welt gefühlt haben. Aber es war ein Blick zurück: Für kurze Zeit hatte Emden das Monopol auf englisches Tuch für den gesamten europäischen Kontinent und eine herausragende Bedeutung für den Getreidetransport besessen. Nicht von ungefähr hatte Laurenz van Steenwinkel 1569 eine riesige Tuchhalle gebaut, kurz danach das prachtvolle Rathaus am Delft. Auch nach dieser großen Zeit wurden jedoch weiterhin tagaus tagein hunderte verschiedener Produkte in Emden umgeschlagen. Zahllose kleine Leichter besorgten den Transport im Hafen, verbanden die weitab vor Anker liegenden großen Frachtschiffe mit den Händlern in der Stadt.

 
Trabharnisch, Mitte 16 Jh. (OLM)

Die wehrhafte Stadt

„Concordia res parvae crescunt“ (durch Eintracht wächst das Geringe) – so stand es nicht nur über dem Rathauseingang; das schrieb man auch auf die Münzen der Stadt. Fast 150 Jahre – von 1611 bis 1749 – führte Emden unter dem Schutz der mächtigen Niederlande eine weitgehend selbständige Existenz. Bis an die Zähne bewaffnet, so möchte man meinen, waren die Bürger dieser Stadt.
Rüstungen und Schwerter im Rathaus aber erinnerten auch und vor allem an die Hoheitsrechte, die man der Landesherrschaft 1595 gewaltsam abgerungen hatte. Mehr als je zuvor sprach man nun von „Friesischer Freiheit“. Emden, die calvinistische Stadt, kultivierte nunmehr in gleichem Maße ihre städtische wie ihre konfessionelle Identität. Souveränität, Weltoffenheit, aber eben auch städtischer Eigensinn waren es, die hier zum Ausdruck kamen: „mang uns mang ist niemand mang, der nicht mang uns mang gehört“.

 
Johann Mencke-Maeler, Blick auf Emden von der Insel Nesserland aus, 1616 (OLM)

Emden in Preußen

Wer würde Friedrich den Großen hier erwarten? In jugendlicher Pose blickte das Standbild des kleinwüchsigen preußischen Königs am Delft den Schiffen entgegen. Als er jedoch 1744 hier die Herrschaft antrat, war die Stadt pleite, stand mit 800.000 Talern in der Kreide. Da half nur der gute Emder Grundsatz „beter wat als nix“: Die Gläubiger bekamen nur einen Bruchteil ihres Geldes und Preußen hatte eine wertvolle Seehafenstadt an der Nordseeküste dazu gewonnen.
„Wer zuviel fürchtet, wird sicher ein Sklave”, schrieb hier Johann Gottfried Seume als einer, den die Preußen in der Stadt festhielten. Die Emder selbst wussten das preußische Regiment allerdings mit der Zeit durchaus zu schätzen – vor allem im Rückblick: Als man 1969 voller Stolz das neue Schöpfwerk an der Knock einweihen konnte, fand hier die Statue des Alten Fritz ihren neuen, dauerhaften Platz.

 
Emden in Schutt und Asche (OLM)

In Schutt und Asche

In einer schrecklichen Nacht musste Emden erfahren, wie schnell aus der Quelle des Wohlstands ein Anlass zum Untergang werden konnte. Aus der Seehafenstadt war im 19. Jahrhundert eine Stadt der Werften, eine Stadt von Kohle und Eisen und nicht zuletzt eine Stadt der Kriegsschiffe geworden. Grund genug für die alliierten Verbände, Emden 1944 zum Ziel eines Flächenbombardements zu machen.
Die Emder Altstadt mit ihren engen Gassen und Winkeln verschwand für immer. Bauwerke aus der großen Zeit der Emder Renaissance, die heute so markant im Stadtbild hervortreten, erinnern an eine große Zeit, aber auch an die mühsame Rekonstruktion in der Nachkriegszeit.

Dr. Karl-Heinz Ziessow