Sielorte an der Nordseeküste

Die Sielorte der deutschen Nordseeküste verdanken ihren Namen den Entwässerungsöffnungen in den Seedeichen. Diese Öffnungen mit selbsttätig arbeitenden Toren werden „Siel“ genannt. Sie öffnen sich bei Ebbe, wenn der Wasserstand in den Kanälen und Entwässerungsgräben der feuchten Marschen höher ist als hinter dem Deich. Sie schließen sich wieder mit auflaufender Flut und schützen so die Felder vor Überschwemmung und Versalzung.

Wenn das Wasser aus den Kanälen abfließt, spült es eine Rinne in das Wattenmeer, die bequem als Fahrwasser genutzt werden kann. Die Anlage eines Hafens bietet sich geradezu an! Die Sielhäfen sind ideale Umschlagplätze für die Produkte des Binnenlandes. Die Waren wurden auf den Kanälen transportiert und mit den Frachtseglern der Sielhäfen über Nord- und Ostsee verschifft. Was für ein buntes Treiben herrschte dort zu Zeiten der Segelschifffahrt!

 
Hafenplan 1729 (SHM)

Von Carolinensiel in die weite Welt

Die Hauptphase der Sielhafenorte liegt zwischen 1500 und 1870/80. Carolinensiel im Harlingerland wurde 1729/30 im Verlauf der Eindeichung der Harlebucht gegründet. Die Häuser gruppieren sich als typische Deichnischensiedlung um den Hafen. Dem florierenden Hafen kann die weiter nach Norden rückende Deichlinie nichts anhaben: Trotz der Gründung des nun vorgelagerten Ortes Friedrichsschleuse entwickelt sich Carolinensiel zum bedeutendsten ostfriesischen Küstenhafen nach Emden.

Carolinensieler Schiffe überqueren sogar den Atlantik. Kein Wunder, dass die Schiffer, Kaufleute und Handwerker mit „Welterfahrung“ einen anderen Lebensstil besitzen als die Bevölkerung vom Land. Schnell prägt sich der Begriff vom „Windiger Siel“, und noch heute werden große Reden aus dem Mund der Sieler als „Cliner Wind“ bezeichnet.

 
Der Hafen von Carolinensiel, um 1900 (SHM)

Touristen statt Segelschiffe

Mit dem Rückgang der Segelschifffahrt geht Ende des 19. Jahrhunderts auch die große Zeit der Sielhäfen ihrem Ende zu. Die großen Dampfschiffe können die kleinen, tideabhängigen Häfen nicht mehr anlaufen. Außerdem ziehen Eisenbahn- und Chausseebau die Verkehrsströme an sich. Regionale Bedeutung behalten die Sielorte noch durch einen kleinen Frachtverkehr übers Watt, die Küstenfischerei und die Versorgung der vorgelagerten ostfriesischen Inseln. Schon bald kommt der Fremdenverkehr als neuer Wirtschaftsfaktor ins Spiel.

 
Hafenfest (SHM)

Heimathafen historischer Schiffe

Typisch ist hier die Entwicklung Carolinensiels. 1959/60 entsteht mit dem Bau des Schöpfwerks in Harlesiel ein neuer Hafen. Die Fischereiflotte wird von Carolinensiel und Friedrichsschleuse nach Harlesiel verlagert. Der Hafen von Carolinensiel verliert seine Aufgaben und verschlickt zusehends. Schließlich belässt man die Harle nur in ihrer Entwässerungsfunktion und schüttet den Hafen seitlich zu. 1984 wird in dem alten Getreidespeicher „Groot Hus“ das Sielhafenmuseum eröffnet. Schon zwei Jahre später wird der alte Hafen wieder hergestellt. Seit 1987 ist er erneut Heimathafen historischer Segelschiffe und typengetreuer Nachbauten. Mit den beiden weiteren Häusern des Sielhafenmuseums – dem „Kapitänshaus“ und der „Alten Pastorei“ – bildet der Museumshafen ein unvergleichliches Ensemble.

 
Tjalk IMMANUEL vor dem Groot Hus (SHM)

Von Tjalken oder anderen Schiffen

Die Schiffstypen, die heute wieder den Hafen bevölkern, wurden bis ins 20. Jahrhundert hinein als Frachtschiffe und Fischereifahrzeuge eingesetzt. Am häufigsten ist hier die Tjalk vertreten. Die Tjalken waren mit ihrem platten, nicht auf Kiel gebauten Boden ideal für die Binnengewässer und das Wattenmeer. Trotz großer Ladekapazität haben Tjalken nur geringen Tiefgang. Sie können sich bei Niedrigwasser ohne Gefahr trockenfallen lassen. Hölzerne Seitenschwerter verhindern ein seitliches Abdriften auch ohne Kiel.

 
ANNA von Carolinensiel (SHM)

ANNA von Carolinensiel

Pate für das Logo des Sielhafenmuseums ist die ANNA von Carolinensiel, eine Schonergaliot des Carolinensieler Kapitäns Ulrich Hanschen Ulfers von 1869/70. Zweimaster wie die ANNA konnten ihre Heimat-Sielhäfen wegen ihres größeren Tiefgangs nicht immer anlaufen. Dafür konnten diese Segelschiffe auch weitere Reisen unternehmen als die Plattbodenschiffe. Die ANNA lieferte Waren bis nach Übersee. Sie sank 1882 in einem Sturm vor Porto Allegre in Brasilien. Die Schonergaliot wurde in Ihlowerfehn im ostfriesischen Binnenland gebaut.

Dr. Heike Ritter-Eden