Ludolf Backhuysen - den berühmtesten Marinemaler der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts - verbindet man mit den Namen zweier Seehafenstädte. Da ist zum einen Amsterdam, das sich damals zum führenden Handelshafen an der Nordseeküste emporgeschwungen hatte. Hier wohnte und wirkte der Künstler von seinem 18. Lebensjahr an bis zu seinem Tode am 7. November 1708. In dieser pulsierenden Kunstmetropole fand er die reichsten künstlerischen Anregungen, so daß es nur noch wenig technische Unterweisung brauchte, bis Backhuysens ungewöhnliche künstlerische Begabung vollends zur Entfaltung kam, berichtet tief beeindruckt sein Biograf Arnold Houbraken. Als 1665 die Amsterdamer Bürgermeister bei Backhuysen eine Ansicht ihrer Stadt als repräsentatives Geschenk bestellten, und er ihnen einen höchst imposanten Blick auf Amsterdam von der Seeseite lieferte, war sein Ruf als erster Marinemaler der Stadt etabliert.

 
Selbstbildnis, 1696 (3)

Die zweite, mit dem Künstler verbundene Stadt ist Emden. Hier war Ludolf Backhuysen am 28. Dezember 1630 als Sohn des späteren Notars Gerhard Backhusen und seiner Frau Margarete Janssen geboren worden. Die ostfriesische Stadt an der Emsmündung hatte damals ihre wirtschaftliche Blütezeit, die sie den niederländischen Glaubensflüchtlingen des 16. Jahrhunderts verdankte, schon hinter sich. Zur Zeit Ludolf Backhuysens war sie eine vergleichsweise kleine, ruhige Seehandelsstadt. Aber, noch als der Künstler in Amsterdam längst zu höchstem Ansehen gelangt war, erinnerte er sich Emdens, das er zu Besuchen bei seinen Eltern aufsuchte und in mehreren Ansichten festhielt. Eine dieser Schilderungen fügte er seiner radierten Folge von niederländischen Seeansichten hinzu, die er 1701 unter dem Titel "D'Y Stroom en Zeegezichten" herausgab.

 
Blick von der Insel Nesserland auf Emden, 1698 (4)

Kein Wunder also, dass sich auch die Kunstliebhaber in Ostfriesland schon früh für die Werke ihres Ludolf Backhuysen interessierten. Als sich die 1820 zunächst als Kunstliebhaberverein gegründete "Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden" um die Errichtung einer Kunstsammlung für Ostfriesland bemühte, suchte sie auch Werke des berühmten, aus Emden stammenden Malers zu erwerben. In ihrem Gemäldekatalog von 1891 verzeichnete sie dann schon drei Zeichnungen und eine Federmalerei (penschildery) sowie ein 1857 in Amsterdam ersteigertes Bildnis, das als ein Selbstporträt des Künstlers galt. Bis in die jüngste Gegenwart reichen in Emden und Ostfriesland die Nachrichten bedeutender Erwerbungen. Wenn sich auch nicht alles, was man früher als Werk Ludolf Backhuysens ansah, heute noch mit dieser Autorschaft behauptet, so belegen doch gerade diese irrtümlichen Zuschreibungen seine ungeheure Popularität und Wirkung als Maler und Zeichner. Die von ihm geprägte Stilrichtung suchten bis ins 18. Jahrhundert hinein viele Marinemaler mehr oder weniger überzeugend nachzuahmen.

 
Das Kalfatern eines Kriegsschiffes, 1690 (5)

Im 20. Jahrhundert wurde Ludolf Backhuysen erst 1985 in die Aufmerksamkeit eines breiten Kunstpublikums zurückgeholt. Damals zeigten auf Initiative von Henri Nannen das Nederlands Scheepvaartmuseum Amsterdam und das Ostfriesische Landesmuseum Emden eine große Retrospektive des Malers. Backhuysen, der zu den kraftvollen Klassizisten der holländischen Malerei gehört, erfährt seitdem eine stetig wachsende Wertschätzung. Seine farbenkräftigen Gemälde wie die zarten Zeichnungen zeugen denn auch von höchster Meisterschaft. Wie kaum einem anderen Marinemaler gelang ihm die Verbindung von künstlerisch spannungsvoller Komposition und realistischer, lebensnaher Schilderung, wie sie die damals gültige Forderung nach Naturtreue von der Schiffskonstruktion bis zur Wolkenformation verlangte. Unübertroffen ist sein Vermögen, die sich stetig verändernden Wetterlagen malerisch differenziert wiederzugeben und zugleich bedeutungssteigernd für das jeweilige Bildmotiv einzusetzen.

 
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Im Jahr 2008 jährt sich der Todestag Ludolf Backhuysens zum 300sten Mal. Das ist für das Ostfriesische Landesmuseum Emden Anlaß, ihm in seiner Geburtsstadt abermals eine große Sonderausstellung zu widmen. Die Partner dabei sind die Museen seiner Wirkungsstätte. Das Rijksmuseum Amsterdam sowie Amsterdams Historische Museum und Nederlands Scheepvaartsmuseum Amsterdam unterstützen die Präsentation mit einer großzügigen Ausleihe von Gemälden und Zeichnungen. Zusammen mit den in Emden aufbewahrten Arbeiten des Künstlers, die sich im Ostfriesischen Landesmuseum Emden, in der Johannes a Lasco-Bibliothek und in der Stiftung Henri und Eske Nannen befinden, macht das eine repräsentative, alle Werkphasen umfassende Schau möglich.

Dr. Annette Kanzenbach

 

 
Die Fähre bei Sturm, um 1682 (7)

Abbildungsverzeichnis:

(1) Schiffe auf Reede vor Vlissingen (?)sign.l.auf dem Schwert der Tjalk: Lud.Backhuysen, nicht datiert (um 1665 Federmalerei auf Holz, 60 x 83,5 cm
Amsterdam, Nederlands Scheepvaartmuseum Amsterdam

(2) Das IJ vor Amsterdam vom Mosselsteiger oder den Bothuisjes aus gesehen
Sig.u.dat. unten auf der Kiste: L. Backhuy[…] 1673
Öl auf Leinwand, 81 x 67 cm
Amsterdam, Rijksmuseum

(3) Selbstbildnis
Bez.u.: L.BAKHUIZEN / Anno 1696
Kreide auf Papier, 21,2 x 17 cm
Amsterdam, Rijksmuseum

(4) Blick von der Insel Nesserland auf Emden
Sig.auf der Flagge am Heck der Jacht: L.BAKHUIS; dat.o.auf dem Stein: 1698
Öl auf Leinwand, 64,4 x 93 cm
Emden, Johannes a Lasco Bibliothek, im Eigentum: Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung

(5) Das Kalfatern eines Kriegsschiffes
Sign.u.dat.re.: LBakh 1690
Feder und Pinsel in Braun sowie Bleistift, 16 x 27,7 cm
Amsterdam, Amsterdams Historisch Museum (Collection J.F.Fodor)

(6) Die Übergabe des Oberbefehls an Michiel de Ruyter bei Texel, 18. August 1665
Sig. u.re. auf der Tonne: L.Back., im Heckspiegel der Yacht: LB.; dat. auf dem Treibholz: 1671, Öl auf Leinwand
Ostfriesisches Landesmuseum Emden (Eigentümer: Stadt Emden, Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung, Freunde der Kunsthalle Emden unter Mitwirkung der Kulturstiftung der Länder, der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der EWE-Stiftung, der Ernst von Siemens Kunst-Stiftung)

(7) Die Fähre bei Sturm
Monogr.auf dem Faß im Boot: LB, nicht dat. (um 1682)
Öl auf Leinwand, 43 x 56 cm
1993 vom Förder- und Freundeskreis des Ostfriesischen Landesmuseums für die ‚Emder Kunst’ erworben
Emden, Ostfriesisches Landesmuseum Emden