Boßeln steht häufig in Verbindung mit den in Norddeutschland vielerorts bekannten Kohlfahrten. Bei eisiger Kälte, eingewickelt in mehrere Wollschichten und windabweisende Synthetikfasern, schlürfen die Herrschaften in geselliger Runde heiße Getränke. Wenn sie an der Reihe sind, kegeln sie ihre Kugel spaßeshalber und, weil das Spiel ja nunmal so geht, die Straße entlang. Einige ehrgeizige Damen und Herren versuchen dabei noch die eine oder andere Regel zu befolgen, aber am Ende freuen sich doch alle am meisten auf die gemütliche Stube mit dem duftenden Grünkohl oder Snirtjebraa. Doch wo bleibt da der Sport? Schließlich wird diesem Spiel gerne auch das Synonym des Friesischen Nationalsports auf die Fahne geschrieben.

 
Ostfriesland-Wanderweg (WvSch)

Klootschießen und Boßeln

Zunächst sollte man wissen, dass sich hinter den Begriffen Klootschießen und Boßeln zwei verschiedene Sportarten verbergen, die allerdings in ihrer Geschichte eng miteinander verknüpft sind. Die wichtigsten Charakteristika des Klootschießens sind die Kugel aus Holz, durchbohrt und ausgegossen mit Blei sowie die Austragung als Feld- oder Standkampf. Boßeln wird im Gegensatz zum Klootschießen meist auf der Straße ausgetragen. Der Spielablauf ähnelt dem des Klootschießens, erfordert jedoch eine weniger komplizierte Technik und ist somit auch für Laiensportler leichter zugänglich. Das Wort „Boßeln“ ist etymologisch tief verwurzelt. Es wird beispielsweise zurückgeführt auf das althochdeutsche Wort boz(z)an, was schlagen, stoßen oder klopfen bedeutet. Parallelen lassen sich heute im Französischen bosseler (= treiben) oder auch im Italienischen Kugelspiel Boccia finden. Der nähere Zusammenhang zum heute bekannten Spiel erschließt sich im deutschen Wortgebrauch jedoch erst in Wörterbüchern aus dem 19. Jahrhundert. Dort wird Boßeln oft abgeleitet von „etwas schieben, stoßen, eine Kugel oder kreisförmige Scheibe vorantreiben, eine Kegelkugel schieben.“ Außerdem wird es auch einfach übersetzt mit „kegeln.“ Eine Bozzel oder Boossel ist demnach auch eine Kegelkugel oder eine Kugel allgemein. Im Schleswig-Holsteinischen Wörterbuch von Otto Mensing (1927) wird die Bezeichnung „Boossel“ als Kugel zum Werfen „jetzt fast nur noch für die beim Boosseln […] benutzte Kugel“ verwendet und auch das Schlagwort „Boosseln“ selbst bezieht sich explizit auf das „jetzt sportmäßig betriebene[n] Wettspiel[es], das bei starkem Frost […] geübt wird.“ Die Genese des Wortes Klootschießen ist im Gegensatz zum Boßeln simpler, bezieht sich der Begriff „Kloot“ im Niederdeutschen oder Niederländischen doch meist auf die zum Werfen verwendete Kugel. Belege aus dem germanischen Sprachraum deuten zudem wohl immer auf einen kugel-, kloß- oder klumpförmigen Gegenstand hin.

 
Boßeln (A. Heeren)

Klootschießen

Das Klootschießen ist die ältere der beiden Sportarten. Die Verwendung des Begriffs Kloot findet man in ganz Norddeutschland und Belege für mit Blei ausgegossene Holzkugeln gibt es aus den Niederlanden bereits um 1300. In Ostfriesland datiert die erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahr 1510. Es gibt jedoch ein älteres Dokument, namentlich „Die Geschichte der Belagerung von Neuss 1474 – 1475“ durch Karl den Kühnen, in dem für das Wort Kugel (=Kanonenkugel) der Begriff cloet (auch kloet, kloedt oder cloyt) auftaucht. Eine Vermutung über die Translozierung des Begriffs in südlichere Regionen betrifft die Verbreitung durch Handel treibende Friesen. Als weitere Quellen dienen die Namensbezeichnung Cloet aus dem 16. Jahrhundert, außerdem ein Holzschnitt aus der Zeit um 1640/50, der als Vorlage für die Herstellung von Fliesen verwendet wurde. Tatsächliche Klootkugeln aus dem Jahr 1634, die in der ehemaligen Festung Bourtange gefunden wurden, sowie die Hausbezeichnung „Zum Zeichen des Klooth“ aus Leer, ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert.

 
Burhave um 1900, mit dem Gründer des Friesischen Klootschießerverbandes und den damaligen besten Klootschießern aus Butjadingen und Stadland.(2)

Von der Mißbilligung zu Vereinsgründungen

Kirchenprotokolle aus dem 16. Jahrhundert belegen die Missbilligung des Spiels. In Emden beispielsweise wird über das Klootschießen mit Trinkgelagen berichtet und die Austragung von Spielen auf Kirchhöfen moniert. Die Folge waren Verhandlungen im Kirchenrat und Verbotsaussprüche1. Auch Fürst Georg Albrecht von Ostfriesland verbot die Spiele für das Harlingerland und Pewsum. Die Verbote erzielten offensichtlich keine Wirkung, denn auch aus der Folgezeit lassen sich immer wieder neue Quellen finden, die die rege Verbreitung des Klootschießens beweisen.

1804 entstand eine neue Verordnung der preußischen Kriegs- und Domänenkammer, die neuerdings Verständnis für das Klootschießen aufbrachte und schließlich das Verbot zurücknahm. Insgesamt scheint das Spiel seit dem 19. Jahrhundert einen Aufschwung erlebt zu haben, was wohl in engem Zusammenhang steht mit der Entwicklung des Turnens und der Turnvereine zu dieser Zeit. Als „Spiel zum Turnerischen Nutzen“ fand das Klootschießen Einzug in die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Leibesübungen, beispielsweise in Gerhard Vieths „Versuch einer Enzyklopädie der Leibesübungen“ von 1793/94. Zehn Jahre später begann man sich in Ostfriesland für die körperliche Ertüchtigung der Jugend zu interessieren. Der Emder Amtmann Bluhm wurde in diesem Zuge damit beauftragt ein Gutachten zu erstellen, in dem er appellierte, die Ausübungen der alten regionalen Spiele, wie z.B. das Klootschießen, zu fördern. Ziel ihrer Ausübung sei die „Beförderung der 'Gelenksamkeit'. Man diene damit der Erhöhung der Stimmung und Gemütsverfassung“2, die auch von Nutzen für die Arbeit sei.

Welchen Erfolg dieser Bericht bei der Verbreitung des Klootschießens hatte, ist nicht bekannt. Fest steht jedoch, dass die organisierte Ausübung noch einige Jahrzehnte auf sich warten ließ. Erst als die Turnvereine, die seit ihrer Entstehungsphase in den 1830er/40er Jahren zunächst vom Staat unterdrückt wurden, sich fester etablieren konnten, wurden auch die Klootschießergemeinschaften in einige schon bestehende Turnvereine aufgenommen. Die Gründung spezifischer Klootschießer- und Boßelvereine setzte erst ab etwa 1900 ein.

 
Birken am Wegesrand (HTK)

Entwicklung des Boßelns

Anfang des 19. Jahrhunderts wird die Entstehung des Straßenboßelns vermutet. Zumindest wird es als wahrscheinlich erachtet, dass die Entwicklung einer neuen, komplizierteren Wurftechnik beim Klootschießen die Abspaltung der professionelleren Spieler von den immer zahlreicher werdenden Interessenten veranlasste. Diese übten weiterhin die alte, einfachere Technik aus und zogen mit ihrem Spiel auf die Straße um. Diese Entwicklung wurde durch mehrere Faktoren begünstigt: Zum einen wird von einer stärkeren Siedlungsausbreitung gesprochen, zum anderen bot die Straße eine Ausweichmöglichkeit, wenn die Felder nicht gefroren waren. Der vermehrte Straßenausbau der Landstraßen ermöglichte zusätzlich die Verbreitung des Spiels.

 
Schafstall aus der Ahlhorner Heide (HTK)

Seit 1900 wird von einer starken Belebung sowohl des Klootschießens als auch des Boßelns im Raum Friesland gesprochen. Die Wettkämpfe fanden zunächst noch zwischen einzelnen Gemeinden statt, wie es wahrscheinlich seit jeher getan wurde. 1902 war ein bedeutsames Jahr für die friesischen Klootschießer und Boßler, da der Friesische Klootschießerverband e.V. (FKV) gegründet wurde. Bald bereitete man einen Wettkampf gegen Schleswig-Holstein vor. Auch eine Reise zum Deutschen Turnfest in Leipzig wurde organisiert. Wichtig für die Rekrutierung jungen Nachwuchses war die zeitweilige Aufnahme des Klootschießens in das Curriculum des regionalen Sportunterrichts z.B. von Heinke Tjarks in Ochtersum 1920/21. Seit der Gründung des FKV und allmählich auch seiner Kreisverbände (z.B. Friedeburg 1904, Wittmund 1910 bis Leer 1972) wurde zudem eine bessere Vernetzung möglich, wie zum Beispiel die Bekanntmachung mit dem Nachbarverein auf niederländischer Seite durch Johan P. Poorthuis aus Losser.
Die beiden Weltkriege trugen allgemein zur Dämpfung bei. Einbrüche in der Praxis während des Ersten Weltkriegs und der Abbruch der Kontakte zu anderen Vereinen im Zweiten Weltkrieg waren die Folge. Erst 1948 konnte im Nordwestdeutschen Raum der erste Klootschießerfeldkampf der Nachkriegszeit zwischen Oldenburg und Ostfriesland ausgetragen werden.

Schon bald jedoch hatte der FKV mit neuen Herausforderungen zu kämpfen, indem er sich zunehmend in Konkurrenz zu anderen Interessengruppen aus Sport Kultur und Politik sah. Mit großem Engagement schaffte man es, den Sport wiederzubeleben. Das Boßeln erreichte in dieser Entwicklung immer größere Popularität und konnte bald gleichberechtigt neben dem Klootschießen stehen. Ab den 60er Jahren wurden eigene Boßelervereine gegründet. Seither hat es noch viele Veränderungen in den jeweiligen Vereinen, ihren Strukturen und auch in der Disziplin selbst gegeben. Dies zeigt zum Beispiel der Einzug der Emanzipation in den Sport und die Gründung von Frauen- und Mädchengruppen in den 70er Jahren. Den Boßlern und Klootschießern ist jedoch eines wichtig: dass sie einen traditionellen, regional stark verwurzelten Sport ausüben, den sie als wichtigen Teil ihrer heimatlichen Kultur sehen

 
Boßeln (A. Heeren)

Boßeln heute

Verlauf/Regeln 

Der Austragungsort eines Boßelspiels ist die Landstraße. Hier ist es wichtig, dass es eine möglichst auf mehrere Kilometer flache Bahn gibt. Nun gibt es zwei Mannschaften mit je gleicher Anzahl, die in einer zu Beginn des Spiels festgelegten Reihenfolge antreten. Jede Mannschaft besitzt eine Boßelkugel. Den Anwurf macht die Gastgebermannschaft, danach ist das Gastteam an der Reihe und so geht es abwechselnd weiter. In einer genaueren Beschreibung heißt es, man nehme ca. 20m Anlauf, der Wurfarm (senkrecht am Körper gehalten) hole am Körper entlang weit aus, schnelle im letzten Moment nach vorne und werfe die Kugel mit großem Kraftaufwand aus der ganzen Hand die Straße entlang. Als unterschiedliche Wurfarten werden zum Beispiel „liek ut Hand“ (= gerade aus der Hand), „över'd Duum“ (= über den Daumen) oder „över'd Finger“ (= über den kleinen Finger) beschrieben, die der Kugel jeweils einen anderen Drall geben. Wichtig ist, dass man beim Wurf die Oberflächenbegebenheiten berücksichtigt, z.B. ob die Straße abschüssig ist, ob es Kurven oder Unebenheiten gibt. Nachdem beide Mannschaften ihren ersten Wurf getätigt haben erfolgt der nächste Abwurf von der Stelle, an der die jeweilige Kugel gelandet ist. Dabei beginnt die zurückliegende Mannschaft. Gelingt es ihr nicht, die vordere Kugel einzuholen, gibt es einen Schoet (= Punkt) für die führende Mannschaft. In einer anderen Variante wird lediglich die Anzahl der Würfe jeder Mannschaft gezählt, die bis zum Erreichen des Zielpunkts benötigt wird. Gewonnen hat in diesem Fall die Mannschaft mit den wenigsten Würfen. Den Sieger lässt man am Ende mit einem 3-fachen "Lüch up und fleu herut" (Heb auf und fliege weit hinaus) hochleben.

 
Ein deutsches Volksspiel/Das Klootschießen der Friesen (3)

Organisation

Die Boßlergemeinschaft ist heute in der professionellen Ausübung ihres Sports dem Vereinswesen verschrieben. Einer der größten Zusammenschlüsse dieser Vereine und der für das Weser-Ems Gebiet bedeutendste ist der Friesische Klootschießerverband (FKV). Er besteht aus zwei Landesverbänden, dem Klootschießerlandesverband Oldenburg e.V. (KLV) und dem Landesklootschießerverband Ostfriesland e.V. (LKV). Ersterer ist noch einmal unterteilt in die Kreisverbände Butjadingen, Stadland, Ammerland, Waterkant, Jeverland, Friesische Wehde und Wilhelmshaven. In Ostfriesland gibt es die Kreisverbände Friedeburg, Wittmund, Esens, Norden, Aurich und Leer. Hinzu kommen noch Mitglieder aus Nordrhein-Westfalen, dem Raum Nordhorn und Sulingen, sodass der FKV insgesamt über 250 Vereine mit rund 40.00 aktiven und passiven Mitgliedern zählt. Im internationalen Raum sind die Klootschießer, Boßler und Kameraden in der International Bowlplaying Association, der IBA, als Dachverband vertreten, zu der auch Gruppen anderer Nationen gehören, wie die ABIS (associazione boccetta italiana su strada) in Italien, der NKB (Nederlandse Klootschietersbond) in den Niederlanden und die BC (Bol Chumann na hEireann – Irish Road Bowling Association) in Irland. Geboßelt wird das ganze Jahr, wobei im Herbst, Winter und Frühjahr Hauptsaison ist. Dann werden regelmäßig Wettkämpfe zwischen den Teams der unterschiedlichen Ligen, die von der Kreisklasse bis zur Landesliga reichen, auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene ausgetragen.

 
Boßeln (A. Heeren)

Equipment

Im Laufe der Geschichte sind beim Boßeln viele Varianten der Kugel aus unterschiedlichen Materialien aufgetreten. Wurden zeitweise heimische Hölzer, wie Birnen- oder Apfelholz verwendet, wird als eine der wichtigsten Arten die Pockholzkugel gesehen. Um 1900 fertigte man den Kloot aus hartem Wurzelholz der Weißbuche. Mittlerweile sind die meisten Holzvarianten allerdings ersetzt durch Kunststoffkugeln oder Gummikugeln, da Pockholz im FKV nicht mehr zulässig ist. Kugelgröße: Für gleiche und vergleichbare Spielbedingungen werden mittlerweile je nach Alter und Geschlecht unterschiedliche Normierungen für die Kugeln angegeben (bspw. 4-Punkt Gummikugel), jedoch lassen sich im Laufe der Zeit einige regionale Besonderheiten finden. In den Niederlanden wurde der Kloot beispielsweise mehrfach verändert, teilweise wurde sogar mit einer Schleuderscheibe geworfen. Bei Frost wurde der kleine, schwere Kloot verwendet, bei weichem Boden ein großer, weicher, der nicht stark in den Boden einschlägt. Im ostfriesischen Kreis Norden ist zusätzlich der Wurf mit der Schleuder, dem sogenannten Slingerleerlapp oder Gürs (Güss bzw. Lötz – ursprünglich ein Hilfsmittel zum Dreschen) bekannt, in Oldenburg auch Gaffel genannt. Neben dem Kloot ist als wichtiges Equipment für den Boßler der Kraber, Grabber oder Kescher zum Fischen der Kugel aus dem Graben zu nennen, ohne den das teure Wurfgeschoss gern einmal in den Tiefen des Schlotes versinkt.

Quellen und Abbildungsverzeichnis:

(1) zum Beispiel 1679: „de sake van de Klootschetereye reassumert“
– in Friedrich Ritter 1913, S. 107 – 109, zit. nach Alberts, Wiemann 1988, S. 25.

(2) Dr. Gerhard Ohling, zit. nach Gerhard Gerdes, in: Alberts/Wiemann 1988, S. 29.

Abbildungverzeichnis:

(1)" Phantasiebild vom Klootschießen nach Originalzeichnung von Soneckes von vor 1900. Über Soneckes war uns sonst nichts bekannt..". In: Alberts u.a., Das alte Friesenspiel ist jung. Klootschießen und Boßeln einst und jetzt, Norden 1988, S. 35.

(2) "Der Großherzog Friedrich August von Oldenburg hat während seiner Regierungszeit und auch danach fast jeden Klootschießer-Feldkampf besucht". Foto: Archiv Oldewedeken, In: Alberts u.a., Das alte Friesenspiel ist jung. Klootschießen und Boßeln einst und jetzt, Norden 1988, S. 86.

(3)"Ein deutsches Volksspiel/Das Klootschießen der Friesen. Holzschnittt von 1874 des B. Mörlins, der in Dithmarschen/Holstein lebte". In: Alberts u.a., Das alte Friesenspiel ist jung. Klootschießen und Boßeln einst und jetzt, Norden 1988, S. 33.

 

Literatur

• Alberts u.a., Das alte Friesenspiel ist jung. Klootschießen und Boßeln
einst und jetzt, Norden 1988
• H. Kujas, Klootschießen – Boßeln – Schleuderball, Oldenburg 1994
• bosseln-online.de • friesensport.de
• http://www.brauchtumsseiten.de/a-z/b/bosseln/home.html • bossel.de
• http://klootschieten.com (NL)