Die zahlreichen Burgen und Schlösser in Ostfriesland dienten hauptsächlich als Wehrburgen und Häuptlingssitze, die im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Um- und Ausbauten erfahren haben und größtenteils durch kriegerische Auseinandersetzungen, Brände etc. verfallen oder zerstört worden sind. Die nachfolgende Aufstellung stellt nur eine kleine Auswahl architektonisch und kulturgeschichtlich interessante Gebäude dar.

 
Schloss Aurich (http://commons.wikimedia.org/wiki. Schloss Aurich, Bild aufgenommen am 4.10.2005 von Olaf Meister)

Aurich – vom Häuptlings- zum Verwaltungssitz

Ulrich Cirkensa, der Bruder Edzards I. ließ nach seinem Sieg über die Herrschaft der Ukena 1447 gegenüber der alten Burganlage ein dreigeschossiges, viereckiges Schloss mit vier Türmen bauen, das von Burgmauern und -graben umgeben war. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde es durch einen Brand stark zerstört. Edzard II. baute es teilweise wieder im Stil der Renaissance auf, ließ zwei der vier Türme abreißen und richtete eine Silberkammer ein; im 18. Jahrhundert wurde das Edelmetall auf Befehl Friedrich des Großen für insgesamt 60000 Thaler verkauft. Die Anlage erfuhr in den darauffolgenden Jahrhunderten unter französischer und preußischer Herrschaft zahlreiche Um- und Ausbauten bis es Mitte des 19. Jahrhundert unter König Georg V. von Hannover abgerissen und durch eine neues Schloss ersetzt wurde. Der beauftragte Architekt E. H. Blohm errichtete es im englischen Tudorstil mit auffälligem Mittelturm. Geplant war es nicht als Wohnsitz, sondern vor allem als Verwaltungssitz.

 
Marstall Aurich (http://commons.wikimedia.org/ Aufnahme: Matthias Süßen)

Marstall, Hauptwache und Wappenstein

Das älteste erhaltene Gebäudeteil ist der Marstall, ein zweigeschossiger langgezogener Bau, der 1588 von Edzard II. als fürstlicher Pferdestall errichtet wurde. Im 18. Jahrhundert wurde er im Stil des Barocks umgebaut. Der Marstall erhielt den heutigen Arkadengang und das Obergeschoss ein schmiedeeisernes Gitter. Von der Anfang des 18. Jahrhunderts errichteten Hauptwache, ein zweigeschossiger Bau mit Tordurchfahrt, ist nur ein Wappenstein der Ostfriesischen Herrschaft erhalten. Unterhalb des Ordens ist ein Elefant zu sehen, der höchste dänische Orden, der den ostfriesischen Herrschern von den dänischen Königen im 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts verliehen wurde. Die auf mit Festons geschmücktem Postamenten liegende Sandsteinlöwen von 1729 befinden sich heute vor dem Schlossportal.

 
Burg Berum (http://commons.wikimedia.org)

Burg Berum

Die Burg Berum wurde wahrscheinlich Anfang des 14. Jahrhunderts errichtet, im 15. Jahrhundert ging sie in den Besitz der Cirksena über. 1444 ließ Graf Ulrich I die Burg in eine Dreiflügelanlage mit Vorburg umbauen. In der Folgezeit entwickelte sie sich zu einem bedeutenden Herrschaftssitz. Ende des 16. Jahrhunderts baute Edzard II. die Burg zu einem Wasserschloss im Renaissancestil um. Danach wurde die Burg Berum zum Witwensitz, u.a. der Familie der Tochter des schwedischen Königs Gustav Wasa. Nach dem Tod von Carl Edzard 1744 wurde es Friedrich II. zugesprochen. Der preußische König hatte keine Verwendung für einen Witwensitz und ließ sie verfallen und später teilweise abreißen. Die Wälle und die langgestreckte Vorburg mit Turm und Tordurchfahrt blieben als einzige Bausegmente erhalten. Die Einfahrt wird von zwei Säulen flankiert, in dessen Giebel das württembergische Wappen der Fürstin Christine Charlotte zu sehen ist. Daneben sind Reste des Barockgartens von 1712 erhalten geblieben. Nach Abbruch der Burg Berum diente die Vorburg bis 1932 als Verwaltungssitz. Danach wurde die Burg Berum verkauft und privat genutzt.

 
Die Norderburg in Dornum (CH)

Die Norderburg in Dornum

Die Norderburg wurde wahrscheinlich von Olde Hero von Dornum im 14. Jahrhundert errichtet. Der Sohn des Erbauers Lütet soll hier seine angeblich untreue Frau Ocka tom Brock erschlagen haben, darauf hin übernahm die Schwiegermutter Foelke Kampana die Norderburg und ließ ihren Schwiegersohn und dessen Vaters enthaupten. Durch die Vermählung der Enkelin mit Mauritz Kankena gelang die Burg in den Besitz der Häuptlingsfamilie. Nach mehrfachem Besitzerwechsel und teilweiser Zerstörung übernahm die aus dem holländischen Drenthe stammende Familie von Closter die Burg, die sie im späten 17. Jahrhundert zu einem Barockschloss umbaute. Im 20. Jahrhundert wurde die Norderburg erst als Schule, dann als ostfriesische Bauernhochschule, später als Ausbildungsstätte für die SA genutzt, bis das Land Niedersachsen die Burg nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm und eine Realschule einrichtete.

 
Die Norderburg in Dornum (http://commons.wikimedia.org/ Aufnahme: Krd)

Von der Renaissance-Burg zum barocken Wasserschloss

Zu dem Hauptgebäude, eine zweigeschossige Vierflügelanlage, gelangt man über eine Holzbrücke und einem Torhaus mit barocken, schlanckem Turm. Deutlich erkennbar sind die unterschiedlich Gebäudesegmente aus verschiedenen Jahrhunderten. Zahlreiche Dekorationselemente wie Giebel mit Familienwappen, Sinnsprüche und Jahreszahlen, auffällige Portale und zwei wappenhaltenden Löwen ergänzen das Ensemble. Der Rittersaal des Schlosses ist mit einer umlaufenden Galerie und einem barocken Deckengemälde, das die griechische Göttin Demeter darstellt und verschiedenen Familienportraits ausgestattet.

 
Schloss Lütetsburg (CH)

Schloss Lütetsburg

Das wahrscheinlich Mitte des 14. Jahrhunderts errichtete Wasserschloss wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach fast vollständig zerstört und dem Zeitgeschmack entsprechend wieder aufgebaut. Der älteste erhaltene Teil ist die von Graften umschlossene Dreiflügelanlage der Vorburg mit Renaissancegiebel, die man über eine Brücke mit rundbogigen Tordurchfahrt mit Pilastern erreicht. Über der Durchfahrt befindet sich das Allianzwappen von 1590, das von schwarzen Löwen gehalten wird. Zu der eigentlichen Burg, die ebenfalls von einer breiten Graftanlage umgeben ist, gelangt man wiederum über eine Brücke mit Tordurchfahrt. Die Hauptburg wurde zum ersten Mal im Zuge der sächsischen Fehde 1514 zerstört, Mitte des 16. Jahrhunderts wieder aufgebaut und im späten 17. Jahrhundert wesentlich umgestaltet. 1893 brannte sie nieder, drei Jahre später wurde sie im Stil der Neorenaissance aufgebaut, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1956 durch Brand fast vollständig zerstört. Daraufhin wurde die Burg auf den Grundmauern der Vorgängerbauten als zweigeschossiger Vierflügelanlage wiederaufgebaut.

 
Schloss Lütetsburg-Park (http://commons.wikimedia.org/ Aufnahme: Matthias Süßen

Schlosspark Schloss Lütetsburg

Der Schlosspark gehört zu den bedeutenden frühen Landschaftsgärten Deutschlands. Bereits im 16. Jahrhundert war das Schloss von Renaissancegärten umgeben, die aber nicht mehr erhalten sind. Im frühen 18. Jahrhundert wandelte man den Park im Stil des niederländischen Barocks um. Ende des 18. Jahrhunderts ließ Edzard Mauritz Graf von Knyphausen schließlich den Park zu einem englischen Landschaftsgarten umgestalten. Beraten wurde er dabei von dem oldenburgischen Hofgärtner Carl Ferdinand Bosse. Auf dem 30 Hektar großem Gelände entstand der größte private Englische Landschaftsgarten Norddeutschlands. Die kleinteilige Parzellierung des Barockgarten wurde zugunsten abwechslungsreicher Landschaftssegmente wie Wasserläufe, Teiche, Wälle und Hügeln aufgegeben. Zur Ergänzung des Gesamtbildes ließ er eine Kapelle aus unbehandelten Hölzern, einen Freundschaftstempel mit frühklassizistischer Inneneinrichtung bauen und auf einer Insel zur Erinnerung an seine verstorbene Tochter Caroline einen Gedenkstein errichten; diese Insel der Seligen“ diente der Familie Knyphausen als Begräbnisstätte.

 
Die Evenburg (Landkreis Leer)

Schloss Evenburg

Inmitten eines malerischen Englischen Landschaftsgartens liegt das Schloss Evenburg in Leer. Das Kulturdenkmal besteht aus dem Dreiklang Schloss, Vorburg und Park. In der Gesamtheit stellt die Anlage ein einmaliges Kunstwerk im Nordwesten Deutschlands dar. Schlossherr ist der Landkreis Leer – aber erst seit 1975. Die Evenburg hatte über Jahrhunderte der Familie der Grafen von Wedel gehört. Sie sieht heute anders aus als bei ihrer Entstehung. Erst seit 1861 zeigt die Evenburg von innen und außen ein neugotisches Gesicht und umgab sich mit einem englischen Landschaftsgarten – so wie es damals Mode war. Der Landkreis sichert ab 1975 zunächst die Bausubstanz, ehe er Anfang dieses Jahrhunderts das Bau-Juwel samt englischem Landschaftsgarten eindrucksvoll sanieren lässt. Heute zeigt sich der Park mit seinem alten Baumbestand wieder in einem sehr gepflegten Zustand. Bemerkenswerte Lindenalleen verbinden den Park mit der umgebenden Landschaft und Clumps strukturieren die angrenzende Feldflur. Das Schloss, einst führender Gartenbaubetrieb weit und breit, zeigt Gartenkultur vom Feinsten. Ein Katalog von 1889 listet 2400 Gartenpflanzen auf, ein Gärtnerjunge gibt in seinen Erinnerungen Hinweise auf die beliebtesten. Uns heute so vertraute Pflanzen wie Orchidee und Tulpe waren in bestimmten Epochen als Modeblumen begehrt und kosteten ein Vermögen. Der in Fachkreisen weltbekannte Leeraner Staudenzüchter Ernst Pagels (1913-2007) erläutert virtuell den Siegeszug der Stauden in die Gärten.

 
Die Mannigaburg in Pewsum (CH)

Die Mannigaburg in Pewsum

Errichtet wurde die Mannigaburg im 15. Jahrhundert als Häuptlingssitz der Familie Manniga. Die Mitgift seiner Gemalhlin Katharina, Tochter des schwedische Königs Gustav Wasa ermöglichte Graf Edzard II. von Ostfriesland die Burg im 16. Jahrhundert zu erwerben und sie seiner Frau als Wohnsitz zu schenken. Die gemeinsame Tochter Maria heiratete Herzog Julius Ernst von Braunschweig-Lüneburg und galt als Ahnherrin einiger europäischer Königs- und Fürstenhäuser, wie Victoria von England und Königin Luise von Preußen. Infolgedessen waren bekannte Persönlichkeiten auf der Manniga Burg zu Besuch. Darüber hinaus diente sie einigen ostfriesischen Fürstinnen als Witwensitz, die sie teilweise umbauen ließen. Im 18. Jahrhundert verfiel die Burg zusehends, von der einstigen Vierflügelanlage mit Marstall ist nur noch die von einer Graft umgebenen Vorburg erhalten. Die Mannigaburg diente im 20. Jahrhundert als Waisenhaus, als „Gauführerschule Weser-Ems“ und Lazarett, bis sie 1980 von der Gemeinde Krummhörn übernommen wurde und als Museum und Standesamt genutzt wird.

 
Burg Stickhausen (http://commons.wikimedia.org/ Aufnahme: Dickelbers)

Burg Stickhausen

Im Gegensatz zu den meisten anderen Burgen Ostfrieslands war die Burg Stickhausen nie Häuptlingssitz. Die strategisch günstig gelegene Burg wurde 1435 von der Hansestadt Hamburg als Schutzburg zur Sicherung wichtiger Handelswege nach Westen errichtet. Gelangte aber wenig später in den Besitz Graf Ulrich I. von Ostfriesland, der wahrscheinlich auch den markanten Rundturm bauen ließ. In der Folgezeit erfolgten zahlreiche Um- und Ausbauten, von denen heute nur noch der Rundturm und die Wallanlagen erhalten sind. Zu der Zeit der sächsischen Fehde und des Dreißigjährigen Krieges wurde die Burg massiv umkämpft und wechselte wiederholt den Besitzer. Friedrich der Große befahl schließlich die Schleifung, also den Abriss der Burganlage durch den "Verlierer". Danach diente sie als Sitz des zuständigen Amtmanns und Gefängnis. Heute beherbergt sie ein Heimatmuseum.

Christina Hemken