Wie kein anderer Künstler hat der Osnabrücker Maler Felix Nussbaum alle Erfahrungen der drei Jahrzehnte nach dem ersten Weltkrieg in seinen Bildern dokumentiert und als Teil seiner eigenen Lebenschronologie reflektiert, in die er als jüdischer Maler durch die rassistische Ideologie des NS-Staates hineingestoßen wurde. Sein Werk ermöglicht einen sehr persönlichen Einblick in die Situation der ins Exil getriebenen deutschen Juden und zeigt zugleich seinen Rang als bedeutender Künstler der Moderne.

 

 
Felix Nussbaum als Kind, 1909 (FNK)

Felix Nussbaum wird am 11. Dezember 1904 in Osnabrück geboren und wächst in der Geborgenheit einer gutbürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie auf. Die Familie, die eine Villa in der Schloßstraße in Osnabrück bewohnt, ist dem Reformjudentum zuzurechnen. Der Vater, ein begeisterter Hobbymaler, unterstützt den Wunsch seines jüngsten Sohnes Felix, Malerei zu studieren. Die Kunstgespräche im Hause Nussbaum kreisen vor allem um den vom Vater verehrten Vincent van Gogh, aber auch um Maurice Utrillo und Carl Hofer.

 
Felix Nussbaum in seiner Atelierwohnung Xantener Straße 23, um 1929. Im Hintergrund einige seiner Sportbilder. (FNK)

1923 geht Felix Nussbaum nach Berlin, um Malerei zu studieren. Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen und eine Vielzahl von wohlwollenden Kritiken der darauf folgenden Jahre belegen seinen frühen künstlerischen Erfolg. Bereits 1931 ist er eine feste Größe unter den Künstlern der jungen Generation in Berlin. Als Krönung dieses Erfolges reist er 1932 als Studiengast der Deutschen Akademie in die Villa Massimo nach Rom.

 

 
Fremdenpass Felix Nussbaums. Bestätigung des Königreichs Belgien über die Eintragung ins Fremdenregister für Felix Nussbaum. Ausgestellt am 16.11.1935, verlängert am 8.11.1937. (FNK)

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten holt Felix Nussbaum auch in Rom der Judenhass Deutschlands ein. Als „touristischer Emigrant“ reist er 1933/34 nach Alassio und Rapallo. Er wird jedoch nie mehr nach Deutschland zurückkehren. Im Februar 1935 kommt er mit einem Touristenvisum im belgischen Ostende an. Hier bekommt er zunehmend die Bedingungen der Emigration zu spüren: der Kampf um die Aufenthaltsgenehmigungen, der ständige Wechsel der Pensionen, die fehlende Resonanz auf seine Kunst.

 
Innenaufnahme Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück (Foto Sec.; FNK)

In Ostende hat sich der touristische Blick gewandelt. Hier entstehen Hafen- und Straßenmotive von sich stetig verdunkelnder Eintönigkeit. Es sind Orte der Verlassenheit, der Aussichtslosigkeit und des untätigen Wartens. Zunehmend wird die Empfindung von Bedrohung in den Themen seiner Bilder sichtbar. Die Auseinandersetzung mit seiner tiefen Verunsicherung findet ab 1936 in einer Reihe von Selbstbildnissen vor dem Spiegel statt. Dabei geht es weniger um eine Selbstfindung des Künstlers an sich, sondern um die Wahrung seiner eigenen Identität. Der fehlenden Resonanz auf seine Kunst sucht er mit Anpassung zu begegnen, indem er sich dem von der „Ecole de Paris“ geprägten belgischen Kunstgeschmack anpasst. Trotz des eindeutig formalen Anliegens dieser Werke erscheint immer auch Nussbaums reale Situation gespiegelt: Stillstand, Orientierungslosigkeit, Irritation.

 
Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück (Foto Bastian Schroeer; FNK)

Nussbaum freundet sich mit dem belgischen Bildhauer Dolf Ledel an und erhält über dessen Kontakte einige wenige Ausstellungsmöglichkeiten. 1938 nimmt er an der Ausstellung des Freien Künstlerbundes in Paris teil. Nussbaums Beitrag zu dieser Ausstellung ist ein politisches Statement gegen Krieg und Malverbot. 1939 erlebt Nussbaum in Belgien als deutscher Jude den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Kunst erhält für ihn eine neue Bedeutsamkeit, sie gewinnt für ihn ihren Lebens stabilisierenden Sinn zurück. Es entstehen als eine Art Bestandsaufnahme der unmittelbaren Lebensumwelt eine Anzahl von Stillleben, in denen die Dinge der "toten Natur" zu Bedeutungsträgern und Metaphern seiner politischen Lebensumstände werden.

 
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Als deutsche Truppen am 8. Mai 1940 in Belgien einmarschieren, wird Nussbaum zwei Tage später wie alle anderen wehrpflichtigen Deutschen in das Pyrenäenlager St. Cyprien deportiert. Im August glückt ihm die Flucht zurück nach Brüssel. Wenig später tauchen Nussbaum und seine Frau Felka unter und nutzen eine Mansarde in der Rue Archimède als Versteck. Die Lagererfahrungen prägen Nussbaums Malerei dieser Jahre nachhaltig. Die Todesnähe durch Krankheiten und die unerträglichen hygienischen Verhältnisse setzten in ihm Ängste frei, daß "man sie alle umbringen werde." Das Lager wird ihm schließlich zu einem Synonym der Gefangenschaft im besetzten Belgien, in denen die Gesetzgebung der deutschen Militärregierung den Juden jede Möglichkeit zum Leben nimmt.

 
Passfoto Felix Nussbaum vom 26. Juni 1942 (FNK)

Als mit dem sogenannten "Judenstern-Erlaß" am 28. Mai 1942 die Gesetzgebung gegen Juden in Belgien ihren Abschluss gefunden hat, beginnt im August 1942 die Deportation aus den besetzten Gebieten in die Vernichtungslager des Ostens. Die von Nussbaum in seinen Bildern thematisierten Reaktionsmöglichkeiten - zu fliehen oder auszuharren - sind hinfällig: Nussbaum wird von der Gestapo gesucht. Zunehmend bestimmen die Themen des Krieges und der Vertreibung, der Angst und der Trauer seine Bilder. Nussbaum entwickelt eine allegorische und metaphernreiche Bildsprache, um für die existenzielle Bedrohung seiner Situation künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Im August 1943 macht er sich an dem ihm aufgezwungenen Bild des Verfolgten mit Judenstern und Judenpass klar, dass er Jude im rassistischen und rechtlichen Sinn der Nazis ist und dass er deren tödlichen Vernichtungsmaschinerie nicht entkommen kann. Gleichwohl hört er nicht auf, gegen die drohende Vernichtung seines Lebens mit den Mitteln der Bildkunst ein Zeichen zu setzen.

 
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Nachdem Felix Nussbaum im Mai/Juni 1942 sein Oeuvre von Ölgemälden bei Dr. Grosfils in der Avenue Brugman versteckt hat, verlassen Felka und Felix Nussbaum ihre Wohnung und leben ein halbes Jahr bei dem belgischen Bildhauer Dolf Ledel. Im März 1943 kehren beide in ihre Wohnung in der Rue Archimède zurück. Um sie vor der Gestapo zu schützen, stellt ihnen der Hausbesitzer eine Mansarde als Versteck zur Verfügung. In dieser Situation des angstvollen Hin und Her zwischen Wohnung und Versteck entstehen Zeichnungen des armseligen Inventars. Diese Zeugnisse des sich Beschäftigens im Versteck, die entstanden, um die Angst vor Entdeckung zu beschwichtigen, sind auf den Tag genau datiert. In dieser Zeit konnte es Nussbaum nicht wagen, die Bedrohung in Ölgemälden zu bannen - der Geruch von Terpentin hätte das Versteck verraten.

 
Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück (FNK)

Seit dem Beginn der Deportationen werden Nussbaums Bilder zum Tagebuch der Isolation des im Versteck lebenden Juden. Seine letzten Bilder entstehen, nachdem er im Mai/Juni 1943 im Souterrain der rue General Gratry ein Atelier bezieht. In tiefer gefühlsmäßiger Anteilnahme gestaltet er jene letzten Bilder, die vom jüdischen Schicksal handeln und mit denen er sich die Hoffnung zum Überleben erhält. In seinem letzten Bild, dem „Triumph des Todes“, gelingt es Nussbaum, sich durch einen malerischen Befreiungsakt aus Angst und Resignation zu lösen. Der 39-jährige Felix Nussbaum beschreibt das Ende der Zivilisation als neuzeitlichen danse macabre. Am 20. Juni 1944 werden Felix Nussbaum und Felka Platek aufgrund einer gezielten Denunziation verhaftet und am 31. Juli über das Sammellager Mechelen mit dem letzten Transport aus Belgien nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

 
Luftaufnahme des Felix-Nussbaum-Hauses in Osnabrück (OSBH1)

Das zu einem großen Teil in Brüssel hinterbliebene künstlerische Werk Felix Nussbaums wurde nach dem Krieg durch die beiden überlebenden Cousinen des Künstlers wiederentdeckt. Dem großen Engagement der beiden ist auch die Entstehung der Sammlung Felix Nussbaum in Osnabrück zu verdanken. 1998 wurde das Felix Nussbaum-Haus nach den Plänen des Architekten Daniel Libeskind erbaut und beherbergt heute mit rund 200 Arbeiten die weltweit größte Sammlung von Werken des Künstlers. Das außergewöhnliche architektonische Konzept Daniel Libeskinds schafft mit diesem Museum Räume gegen das Vergessen, die durch eine einzigartige Symbiose von Architektur und Malerei den Besuch des Hauses zu einem besonderen Erlebnis werden lassen.

Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück
mit der Sammlung der Niedersächsischen Sparkassenstiftung
Lotter Straße 2
49078 Osnabrück
Tel. 0541.323-2207
Fax 0541.323-2739
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Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück (OSBH1)

Literatur (Auswahl):

Eva Berger, Inge Jaehner, Peter Junk, Karl Georg Kaster, Manfred Meinz und Wendelin Zimmer, Felix Nussbaum. Verfemte Kunst – Exilkunst – Widerstandskunst, 4., völlig neu bearb. und erw. Aufl. des Katalogbuches zur gleichnamigen Ausstellung in Osnabrück 1990, hrsg. v. Felix-Nussbaum-Haus/Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück und dem Museums- und Kunstverein Osnabrück e. V. (Osnabrücker Kulturdenkmäler – Beiträge zu Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Osnabrück; Bd. 3), Bramsche 2007
Peter Junk und Wendelin Zimmer, Felix Nussbaum. Die Biografie. Ortswechsel - Fluchtpunkte, Bramsche 2009


Werkverzeichnis Felix Nussbaum Online, hrsg. v. Felix Nussbaum Foundation, bearb. v. Anne Sibylle Schwetter, Osnabrück 2006.


Peter Junk und Wendelin Zimmer, "Fragezeichen an jeder Straßenecke". Zwölf Briefe von Felix Nussbaum, hrsg. v. Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück mit der Sammlung der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und der Felix Nussbaum-Gesellschaft mit Unterstützung der Felix Nussbaum Foundation, Bramsche 2003