Seit dem späten 19. Jahrhundert, als junge Maler das abgeschiedene Teufelsmoor als Motivlandschaft entdeckten, hat sich die Entwicklung des Bauerndorfs Worpswedes grundlegend verändert. Die Zufallsbekanntschaft mit der Worpsweder Kaufmannstochter Mimi Stolte führte zuerst den jungen Düsseldorfer Kunststudenten Fritz Mackensen 1884 hierher. Begeistert von Land und Leuten kehrte er in den Sommerferien der folgenden Jahre zurück, begleitet von seinem Studienfreund Otto Modersohn und dem Münchner Kollegen Hans am Ende. Im Spätsommer 1889 entscheiden sie, zu bleiben. Das war die Geburtsstunde der Worpsweder Künstlerkolonie. Anfang der 1890er Jahre kamen zunächst noch Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler dazu. Die Entdeckung der Freilichtmalerei hat ihren Ursprung in Barbizon bei Paris um 1840. Hier wurde „en plein air“ zum festen Begriff. Im 19. Jahrhundert entstanden daraufhin in ganz Europa ähnliche Kolonien. Rückbesinnung auf die Natur war das gemeinsame künstlerische Programm und der Gemeinschaftsgeist wurde zur Quelle ungewöhnlicher Produktivität und Vielseitigkeit.

 
Fritz Overbeck: Abend im Moor, Worpswede, 1896, Öl/Lwd. (Overbeckmuseum)

Fritz Mackensen (1866 – 1953) malte den einfachen, armseligen Alltag der Moorbauern und verklärte sie zu Sinnbildern einer natürlichen Lebensweise. Otto Modersohn (1865 – 1943), seiner Berufung nach Landschaftsmaler, gestaltete poetisch-schwermütige Stimmungsbilder, die zum Inbegriff der Worpsweder Malerei wurden. Hans am Ende (1864 – 1918), unter seinen Kollegen der Impressionist, inszenierte die karge und weite Moorlandschaft zur Kulisse erhabener Naturschauspiele. Fritz Overbeck (1869 – 1909), der in seiner Malerei besonders naturalistisch orientiert war, führte in seinen Gemälden den Lichtzauber vor, den der hohe Himmel über Worpswede ausbreitet. Der junge Heinrich Vogeler (1872 – 1942) schwärmte dagegen von der Natur wie von einem verkannten Paradies und wurde zum führenden deutschen Vertreter der europäischen Jugendstil-Bewegung. In Malerei, Grafik und Kunsthandwerk war Vogeler die produktivste und vielseitigste künstlerische Persönlichkeit Worpswedes. Sein aus einem alten Bauernhaus geschaffener „Barkenhoff“ wurde um 1900 zum bedeutenden Treffpunkt für Maler und Literaten. Zu den berühmtesten Gästen zählte der Dichter Rainer Maria Rilke, der 1902 die erste grundlegende Monografie über den Ort und seine Maler schrieb. Nach anfänglichem Misserfolg in Bremen wurden die Worpsweder bald populär: Den Durchbruch brachte die Ausstellung im Münchner Glaspalast 1895. Der von da an stetig wachsende Erfolg veränderte das Klima des idyllischen Dorfes. Immer mehr Maler suchten den Weg in den Ort. Vergeblich wehrten sich die fünf Gründer der Kolonie gegen den Zulauf und die vermeintliche Überfremdung ihrer künstlerischen Wahlheimat. Die Eintracht ging verloren und die formell gegründete Künstlervereinigung wurde 1899 bereits wieder aufgelöst.

 
Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag, 1906, Kunstsammlungen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen

Die „Malweiber“

In der Zwischenzeit waren auch Malschülerinnen nach Worpswede gekommen, die allgemein „Malweiber“ genannt wurden und zu wichtigen Vertreterinnen des Künstlerortes wurden: Clara Westhoff, Paula Becker, Marie Bock und Ottilie Reylaender. Unter ihnen war es vor allem Paula Becker (1876 – 1907), die spätere Frau Otto Modersohns, die Worpswede fest in der Kunstgeschichte verankerte. Ihre zu Lebzeiten kaum beachteten Bilder ragen wegen ihrer menschlichen Inhalte und ihrer Gefühlstiefe weit über die Worpsweder Kunst hinaus. Paula Modersohn-Becker, die als einzige Künstlerpersönlichkeit Worpswedes der klassischen Moderne zugerechnet wird, starb bereits 1907 kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde im Alter von nur 31 Jahren. Otto Modersohn zog daraufhin in das nahe Fischerhude. Fritz Overbeck hatte Worpswede bereits 1905 verlassen, Hans am Ende wurde ein Opfer des Ersten Weltkrieges.

 
 Albert Schiestl-Arding (1883–1937): Selbstporträt, 1930. Öl auf Holz, 108 x 88 cm. Worpsweder Kunststiftung Friedrich Netzel. Foto: © Andreas Pirner

Die Nachfolgegeneration

Kurz nach 1900 drängten bereits jüngere künstlerische Kräfte nach Worpswede. Udo Peters, Karl Krummacher, Walter Bertelsmann, Karl Arste und schließlich Bernhard Huys führten die naturalistisch bestimmte typische Worpsweder Landschaftsmalerei für weitere fünf Jahrzehnte fort. Daneben fand zunächst der Expressionismus Eingang in die Worpsweder Kunst. Bereits 1906 gründete der damals 26 jährige Georg Tappert, später ein bedeutender Berliner Expressionist, in Worpswede eine Malschule, die junge und unkonventionelle Talente förderte. Bernhard Hoetger (1874 – 1949) entwickelte sich in den frühen zwanziger Jahren als expressionistischer Bildhauer, Architekt und Kunsthandwerker zu einer der führenden Persönlichkeiten Worpswedes. Angesichts der Erfahrungen des Ersten Weltkrieges veränderte auch Heinrich Vogeler seine künstlerische Sprache zum Expressionismus. Er wirkte auf eine grundlegende Veränderung des sozialen Miteinanders hin und wagte mit der Kommune auf seinem Barkenhoff ein ungewöhnliches politisches Experiment. Weitere Künstler aus dem Umfeld des Expressionismus sind Alfred Kollmar, Albert Schiestl-Arding, Bram van Velde, Willy Dammasch, Karl Jakob Hirsch und Tetjus Tügel. Kunst und Atmosphäre Worpswedes veränderten sich nachhaltig im Verlauf der zwanziger Jahre. Die Zahl der Maler, Dichter und Kunsthandwerker wuchs im Vergleich zu den Gründerjahren um ein Vielfaches…

 
Richard Oelze (1900–1980): Worpsweder Landschaft, 1946. Öl/Malpappe, 50 x 65 cm. Worpsweder Kunststiftung Friedrich Netzel. Foto: © Rüdiger Lubricht/Worpsweder Museumsverbund

Lebendige Vielfalt

Seit der ersten Malergeneration haben sich Kunst und Kultur in Worpswede stark gewandelt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Künstlerkolonien ist Worpswede jedoch ohne jede Unterbrechung als Ort der Kunst lebendig geblieben. Dies wurde möglich durch die Wahrung des kulturellen Erbes in Museen und Galerien und den steten Zustrom von Künstlern und Kunsthandwerkern. Darüber hinaus spielt die besondere Nähe zu Bremen als städtischem Gegenpol zum ländlichen Ambiente des Künstlerdorfes eine wichtige Rolle. Die Fülle kreativen Schaffens hat im Verlauf der Jahrzehnte ein buntes Kaleidoskop zeitgenössischer Strömungen in Kunst und Kultur entstehen lassen. Hieran schließen sich heute gut 140 in Worpswede lebende Künstler mit ihrem aktuellen Wirken an.

Weiterführende Informationen
www.worpswede-touristik.de

 
Große Kunstschau Worpswede. Neu geschaffene Ausstellungshalle im Neuen Teil. Foto: © Rüdiger Lubricht/
Worpsweder Museumsverbund

Der Worpsweder Museumsverbund

Die Worpsweder Museumslandschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als ein Nebeneinander unterschiedlicher, zumeist aus privater Initiative entstandener Institutionen entwickelt. Die vier Worpsweder Museen Barkenhoff, Große Kunstschau, Haus im Schluh und Worpsweder Kunsthalle haben sich zu einem Verbund zusammengeschlossen und bieten das ganze Jahr über spannende, inhaltlich aufeinander abgestimmte Ausstellungen an. Dauerausstellungen in den historischen Bauten der Großen Kunstschau, des Barkenhoff und des Haus im Schluh präsentieren ganzjährig die Hauptwerke der »Alten Worpsweder« (Große Kunstschau) sowie das Lebenswerk Heinrich Vogelers (Barkenhoff und Haus im Schluh). Thematische Sonderausstellungen mit spannenden Kontexten in den neuen Erweiterungsbauten dieser Häuser und in der Worpsweder Kunsthalle eröffnen neue Perspektiven auf die Worpsweder Kunst.

 
Barkenhoff. Frontansicht mit der wiederhergestellten Freitreppe. Foto: © Rüdiger Lubricht/Worpsweder Museumsverbund

Barkenhoff

Heinrich Vogelers Gesamtwerk am authentischen Ort: Der Barkenhoff bietet ein außergewöhnliches Erlebnis. Die Werke des Malers, Grafikers, Designers und Architekten Heinrich Vogeler (1872-1942) werden in einer vielschichtigen Ausstellung im Wohn- und Atelierhaus des Mitbegründers der Worpsweder Künstlerkolonie gezeigt.
Die Dauerausstellung bietet Objekte der eigenen Sammlung in Kombination mit Leihgaben anderer Museen und Sammler. Die Ausstellung im Heinrich-Vogeler-Museum ermöglicht dem Besucher eine Zeitreise, die die künstlerische Entwicklung Heinrich Vogelers zeigt und gleichsam sein Werk als Zeugnis der großen Umbrüche in der Geschichte des 20. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg sichtbar macht. Sonderausstellungen, die Brücken zum Werk Vogelers und zur Worpsweder Kunst- und Kulturgeschichte schlagen, runden das museale Angebot ab.

 
Große Kunstschau Worpswede. Blick vom Alten zum Neuen Teil.Foto: © Rüdiger Lubricht/Worpsweder Museumsverbund

Große Kunstschau

Die Große Kunstschau ist mit einer Dauerausstellung Heimat der berühmtesten Gemälde der ersten Worpsweder Malergeneration und das Herzstück des architektonisch bedeutenden Hoetger-Ensembles. Dieses einmalige Baukunstwerk des norddeutschen Expressionismus wird ergänzt durch den sanierten, modernsten Museumsbau Worpswedes, der aus dem ehemaligen Roselius-Museum entstand und Raum für wechselnde Ausstellungen aktueller und zeitgenössischer Kunst bietet.
Im historischen Hoetger-Bau werden in der Dauerausstellung Werke der ersten Worpsweder Malergeneration von Heinrich Vogeler, Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker, Ottilie Reylaender, Hans am Ende, Fritz Overbeck, Fritz Mackensen und Carl Vinnen gezeigt. Ergänzt wird die Präsentation durch plastische Arbeiten von Bernhard Hoetger.

 
Haus im Schluh, Wohn- und Pensionshaus. Foto: © Rüdiger Lubricht/Worpsweder Museumsverbund

Haus im Schluh

Seit mehr als 90 Jahren erwartet den Besucher des Künstlerdorfes Worpswede ein ganz besonderes Kleinod im Schatten alter, hoher Bäume. Wer sich aus dem Ortskern heraus begibt und den Sandweg "Im Schluh" einschlägt, lässt die Hektik des Alltags hinter sich. Zwei romantische, alte Niedersachsenhäuser mit schweren, tiefen Reithdächern gruppieren sich in einer einst feuchten Talsenke zu einem malerischen Hofensemble, dem Haus im Schluh.
1920 gründete Martha Vogeler, die erste Frau Heinrich Vogelers, diesen stimmungsvollen Ort. Hierhin nahm Sie nach der Trennung von ihrem Mann die Gemälde, das alte Mobiliar und den schönen Hausrat vom Barkenhoff mit. Die Heinrich-Vogeler-Sammlung, bestehend aus Gemälden, Radierungen und Möbeln, bildet bis heute den Hauptbestandteil des Museums. Ergänzt durch die wertvollen, oft kuriosen und interessanten Gegenstände aus bäuerlichem Hausrat oder Kunsthandwerk, die Martha und Heinrich sammelten, ergibt sich eine ganz besondere Atmosphäre.

 
Worpsweder Kunsthalle. Ansicht des Eingangsbereichs Bergstraße mit der Bronze »Sent M‘Ahesa« von Bernhard Hoetger, 1922. Foto: © Rüdiger Lubricht/Worpsweder Museumsverbund

Die Worpsweder Kunsthalle

Die Worpsweder Kunsthalle ist eines der traditionsreichsten Museen des Ortes. Der Buchbindermeister Friedrich Netzel begann, schon in der Frühzeit der Künstlerkolonie, jungen Künstlern seine Räumlichkeiten zu Ausstellungszwecken zur Verfügung zu stellen. Sein Sohn Friedrich erbaute am heutigen Standort in der Bergstaße 19 ein neues Haus, das er als Galerie und Kunsthandel einrichtete. Neben dem Verkauf der Bilder begann die Familie Netzel früh, einen Grundstock von Werken der Gründergeneration anzulegen. Dieser Tradition folgend wurden auch Bilder von Künstlern der zweiten und dritten Generation gesammelt, so dass die Worpsweder Kunsthalle heute die wohl bedeutendste Überblickssammlung über die Kunstgeschichte des Ortes besitzt und in wechselnden Ausstellungen zeigen kann. Seit 1999 werden Sammlung und Museum als "Worpsweder Kunststiftung Friedrich Netzel" von einem engagierten Team aus versierten Mitarbeitern und Freiwilligen weitergeführt.

 
Rüdiger Lubricht (geb. 1947): Moorland XXXIV, 2014 aus der Serie: Moorland. SW-Fotografie auf Hahnemühle 310 gr. Bütten, 80 x 90 cm. Privatbesitz. Foto: © Rüdiger Lubricht

Durch die Käseglocke und das Museum am Modersohn-Haus sowie viele Galerien wird das einzigartige museale Angebot des Ortes ergänzt.

Weiterführende Informationen

www.worpswede-museen.de

 

Abbildungen

Vorschaubild: Fritz Overbeck (1869–1909): In den Wiesen II, 1904. Öl auf Leinwand. 92 x 116 cm. Kreissparkasse Osterholz Foto: © Kreissparkasse Osterholz
Querformat oben: Heinrich Vogeler (1872–1942). Sommerabend (Das Konzert), 1905, Öl auf Leinwand, 175 × 306 cm, Bundesrepublik Deutschland/ Land Niedersachsen/ Kulturstiftung Landkreis Osterholz, Foto: © Rüdiger Lubricht/Worpsweder Museumsverbund
- Fritz Overbeck: Abend im Moor, Worpswede, 1896, Öl/Lwd. (Overbeckmuseum)
- Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag, 1906, Kunstsammlungen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen
- Albert Schiestl-Arding (1883–1937): Selbstporträt, 1930. Öl auf Holz, 108 x 88 cm. Worpsweder Kunststiftung Friedrich Netzel. Foto: © Andreas Pirner
- Richard Oelze (1900–1980): Worpsweder Landschaft, 1946. Öl/Malpappe, 50 x 65 cm. Worpsweder Kunststiftung Friedrich Netzel. Foto: © Rüdiger Lubricht/Worpsweder Museumsverbund
- Große Kunstschau Worpswede. Neu geschaffene Ausstellungshalle im Neuen Teil. Foto: © Rüdiger Lubricht/ Worpsweder Museumsverbund
- Barkenhoff. Frontansicht mit der wiederhergestellten Freitreppe. Foto: © Rüdiger Lubricht/Worpsweder Museumsverbund
- Große Kunstschau Worpswede. Blick vom Alten zum Neuen Teil.Foto: © Rüdiger Lubricht/Worpsweder Museumsverbund
- Haus im Schluh, Wohn- und Pensionshaus. Foto: © Rüdiger Lubricht/Worpsweder Museumsverbund
- Worpsweder Kunsthalle. Ansicht des Eingangsbereichs Bergstraße mit der Bronze »Sent M‘Ahesa« von Bernhard Hoetger, 1922. Foto: © Rüdiger Lubricht/Worpsweder Museumsverbund
- Rüdiger Lubricht (geb. 1947): Moorland XXXIV, 2014 aus der Serie: Moorland. SW-Fotografie auf Hahnemühle 310 gr. Bütten, 80 x 90 cm. Privatbesitz. Foto: © Rüdiger Lubricht