Am 22. Februar 1865 wird Otto Modersohn als drittes von vier Kindern des Baumeisters Wilhelm und Louise Modersohn in Soest geboren. Neun Jahre später zieht die Familie nach Münster. Schon früh entdeckt er seine Liebe zur Kunst, er nimmt seine Umgebung zeichnend wahr. „Modersohn zeichnete, wo er ging und stand, stets war das kleine Taschen-Skizzenbuch zur Hand, zu Hause und auf der Straße, in der Kirche und in der Akademie, im Gasthaus, auf dem Spaziergang, der Wanderung oder auf Reisen, wobei das 'Landschaftliche', Luft und Beleuchtung, nicht zuletzt der belebte Himmel, Tages, und Jahreszeit, die Atmosphäre aber auch des Innenraums eine tragende Rolle spielten“2.

 
Otto Modersohn an der Düsseldorfer Akademie, 1884/85 (3)

Seinem Interesse folgend, begann er 1884 sein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie, er besuchte vor allem die Landschaftsklasse bei Professor Eugen Düker. Aber die Kunstakademie entsprach nicht seinen Vorstellungen. Vor allem die strengen Regularien und starren Unterrichtsinhalte ermöglichtem ihm, seiner Meinung nach, keine künstlerische Weiterentwicklung. Nach einem kurzen Studienaufenthalt in München, wechselte er 1888 zur Kunstschule in Karlsruhe. Mit seinem Studienkollegen Fritz Mackensen oder auch alleine unternahm Modesohn mehrere Reisen nach Westfalen, in den Harz und auf die Nordseeinsel Juist. Mackensen war es auch, der ihn immer wieder gedrängt hat, mit ihm nach Worpswede zu gehen. Auf Einladung von Carl Vinnen reisten beide nach Norddeutschland.

 
Otto Modersohn: Herbstmorgen am Moorkanal, 1895 (4)

Worpswede

Seine Ankunft am 3. Juli 1889 in Worpswede schildert er in seinem Tagebuch folgendermaßen: „Ich fand ein höchst originelles Dorf … nach allen Seiten – so weit man sehen konnte, alles so weit und groß wie am Meer“3. Dermaßen fasziniert konnte er sich vorstellen hier seinem Ideal von einer Einheit von Kunst und Leben näher zu kommen. Als im August Hans am Ende aus München nach Worpswede gekommen ist, 1892, sein späterer enger Freund, Fritz Overbeck und 1894 Heinrich Vogeler scheint sich die Idee einer Künstlerkolonie wie in Barbizon oder Dachau immer mehr zu verfestigen.

 
 Otto Modersohn: Die Wolke, undatiert, um 1890 (5)

Die Natur ist unsere Lehrerin...

„Die Natur ist unsere Lehrerin, und danach müssen wir handeln … Worpswede war uns in der Zeit so nahe gerückt, daß eine Trennung fast nicht mehr möglich schien4. Die Abgeschiedenheit des Ortes und die angestrebte Einsamkeit unter Gleichgesinnten veränderte auch seine künstlerische Ausdrucksfähigkeit. Seit seinen frühesten künstlerischen Anfängen und der Akademiezeit war die „Landschaftskomposition“ sein künstlerisches Credo. Während sich sein Frühwerk durch kleinformatige Naturstudien mit zurückhaltender Farbigkeit auszeichnen, entstanden in Worpswede die erste großformatigen Landschaftsbilder. Seine Farbpalette veränderte sich: „Allmählich weiß und fühle ich, was man alles mit Farbe machen kann. Man muß kribbeln von Gefühl bis in die Fingerspitzen […].“5.

 
Durchblick in der Worpsweder Wohnung, 1902 (6)

Bremer Kunsthalle und der Glaspalast in München

Die erste gemeinsame Ausstellung 1895 in der Bremer Kunsthalle wurde zwar von einigen Kunstkritikern verrissen, so sprach Arthur Fitger gar von „Aposteln der Häßlichkeit“, aber sicherte ihnen durch die Ausstellungseinladung der Münchener Künstlergenossenschaft im Münchener Glaspalast erste nationale Anerkennung. Die im selben Jahr stattfindende Ausstellung war für die junge Künstlergemeinschaft ein großer Erfolg, Mackensen erhielt für sein Gemälde „Gottesdienst im Freien“ die Goldene Medaille und Modersohns „Sturm im Teufelsmoor“ wurde für die Pinakothek vom Bayerischen Staat angekauft. Aber der Erfolg offenbarte auch einen schwelenden Konflikt innerhalb der Gruppe.

 
Otto Modersohn: Lampionfahrt auf der Wümme, 1911 (7)

Modersohn, dem es in erster Linie nicht um die Anerkennung der Kunstwelt ankam, sondern vor allem um die Verwirklichung der künstlerischen Ideale, ging zunehmend auf Distanz: „Auf das entschiedenste wende ich mich ab von der Art meiner Kollegen. Unstere Art scheidet sich. Immer mehr hasse ich alles Glatte, Gleichmäßige beim Malen, im Entgegengesetzten kenne ich meine Art6. Trotz aller Vorbehalte blieb Modersohn bis zu seinem Austritt 1899 aus der „Künstlervereinigung Worpswede“ erst einmal in Worpswede und veranstaltete mit seinen Künstlerkollegen weitere gemeinsame Ausstellungen. Obwohl er die gemeinsame Zeit äußerst kritisch beurteilte, genoss er doch den Austausch mit Ihnen und den zahlreichen Gästen. Hier vor allem, mit seiner späteren Frau Paula Becker, die bei Mackensen Zeichenunterricht genommen hat und Rainer Maria Rilke, der 1898 das erste Mal in den Barkenhoff Heinrich Vogelers kam. Rilke war von Modersohn tief beeindruckt und hält dies in seinem Tagebuch, in Briefen an Modersohn und später in seiner „Worpswede-Monographie“ fest.

 
Paula Modesohn-Becker: Otto Modersohn beim Lampenschirm zeichnend (8)

Rilke und Modersohn

„Nicht das Südliche will er malen, das seine Farbigkeit immer im Munde führt und mit ihr prahlt. Dinge, die innerlich voller Farbe sind, das, was er mit einem unübertrefflichen Worte 'die geheimnisvolle Farbenpracht des Nordens' nennt, hält er für seine Aufgabe. Man wird diese Aufgabe noch schätzen lernen und den nicht übersehen können, der sein Leben daran gesetzt hat, sie zu lösen7 oder seiner Arbeitsweise betreffend: „Er liebt die Farben zu studieren an Pflanzen und Tieren. Gepreßte Blätter in ihrem Dunkel und Bleichwerden geben ihm ein Gefühl von dem, was die Buntheit überdauert und er lernt an ihnen eine Tongamme, die ewiger ist als die lichte Übertöne des Sommers8, oder, beeindruckt von dem künstlerischen Wert Modersohns Zeichnungen: „Sie [Modersohn] zeigten mir die kleinen Abendblätter, und ich fühlte, wie aus jedem Entwurf, aus schwarz und rot, mir mehr Wirklichkeit entgegenwuchs, jenes Sein, das nur die tiefste Kunst in tiefen Stunden hinzustellen vermag, erfüllte sich in diesen Skizzen, vor denen ich das Gefühl hatte, daß in jeder, von der Flucht der Striche verhüllt, alles sei, was man in der Stimmung erleben und werden kann. Es ergriff mich so, diese übervollen kleinen Blätter in Händen zu halten, mich in ihr Geheimnis hineinzuschauen wie in das Schaffen selbst: Ich war wie einer, der in lauter dämmernde Zimmer tritt und erkennt, daß da vor seinen sich langsam gewöhnenden Augen alles steht, was er je schön erdacht und schön erinnert hat.“9.

 
 Otto Modersohn: Birkenstämme, 1901 (9)

Hochzeit und Geburt der Tochter

Familienleben Im September 1897 heiratete Modersohn Helene Schröder, die Tochter eines Bremer Kaufmanns. Das Ehepaar erwirbt ein gemeinsames Haus in Worpswede und ein Jahr später wird ihre Tochter Elsbeth geboren. Überschattet wird die gemeinsame Zeit durch die schwere Erkrankung seiner Frau an Lungentuberkulose. Als Modersohn im Juni 1900 auf Einladung Paula Beckers mit dem Ehepaar Overbeck zur Weltausstellung nach Paris reist, erfährt er, das seine Frau unerwartet verstorben ist.

 
Paula Modersohn-Becker im Atelier Otto Modersohns, Foto Winter 1901 (10)

Paula Modersohn-Becker

In Paula Becker sah Modersohn seit ihrem ersten Kennenlernen 1898 seine engste Vertraute. Sie war diejenige, die ihm in ihren künstlerischen Idealen am ähnlichsten ist. Aus dieser tiefen Verbundenheit ist Liebe geworden, am 25. Mai 1901 heiraten sie. Ihr Zusammenleben ist von großem Respekt und Verständnis füreinander bestimmt, dass beide inspiriert und fördert. So sagt sie über ihn: „Er hat eine ernste, fast schwermütige Natur bei einer Freude an Frohsinn. Ich kann ihm viel sein. Das ist ein wundervolles Glück. In der Kunst verstehen wir uns sehr gut, der eine sagt meist, was der andere empfindet. Ich will auch meine Kunst nicht an den Nagel hängen. Wir wollen nun vereint weiterstreben. Bei seiner großen Einfachheit und Tiefe wird mir fromm zumut. Ich bin ein so komplizierter Mensch, so ewig zitternd, da tut eine solch ruhige Hand so viel Gutes“10. Und er: „Ganz famos ist das Streben mit meiner lieben Paula. […] Wie ich ihr vom Intimen geben kann, so sie mir vom Großen, Freien, Lapidaren. Wundervoll ist das wechselseitige Geben und Nehmen. Unser Verhältnis ist zu schön, schöner als ich es je gedacht, ich bin wahrhaft glücklich, sie ist eine echte Künstlerin, wie es wenige gibt in der Welt, sie hat etwas ganz Seltenes. Keiner kennt sie, keiner schätzt sie. Das wird einmal anders werden.“11. Während Modersohn sich in der Abgeschiedenheit Worpswedes zu Hause fühlt, wird es Modersohn-Becker zunehmend „zu eng“. Sie reist mehrfach in die Kunstmetropole Paris und wird Schülerin von …, kehrt aber auf Drängen Modersohns nach Worpswede zurück, wo ihre gemeinsame Tochter Mathilde, genannt Tille am 2. November 1907 geboren wird. Am 21. November stirbt sie an einer Embolie.

 
Otto Modersohn: Bärgündletal, 1932 (11)

Fischerhude

Dieses tragische Ereignis veranlasst ihn 1908 nach Fischerhude umzusiedeln. „Der Ort selbst hat sich noch viel Urwüchsigkeit erhalten. Sehr reizvolle Bilder bietet die Wümme, die den Ort durchfließt; Erlen, Weiden und Eschen umsäumen ihre Ufer. Eichen umgeben die Bauernhöfe, die, wie auch ihre Bewohner, einen echten niedersächsischen Charakter bewahrt haben12. Hier lernt er auch die Tochter seines Malerfreundes Heinrich Breling, die Sängerin Louise Breling kennen. Er heiratete sie im Frühjahr 1909, sie bekommen zwei Söhne, Ulrich und Christian. Die Natur blieb auch in Fischerhude sein bevorzugtes Sujets, aber seine Ausdrucksweise wurde mit der Zeit immer expressiver, während sich seine Formen- und Motivsprache immer mehr reduzierte13. Zahlreichen Reisen nach Franken, Holland und ins Allgäu bereichern sein künstlerische Motivwelt, wie Bergpanoramen, Talblicke und von seiner norddeutschen Heimat sehr unterschiedlichen Wolkenformationen. Begeistert zeigte er sich u.a. von der alpinen Flora, die ihn zum ersten Mail in seinem Leben zu Blumenstillleben inspirierte.

 
 Otto Modersohn, 1939. Fotografie (12)

1930 erwirbt er auf dem Gailenberg im Allgäu ein Haus, wo die Familie regelmäßig den Sommer verbrachte. Zu Hause in Fischerhude malt er nicht mehr im Freien, sondern nur noch im Atelier. Grundlage sind auch hier seine zahllosen Zeichnungen, die er, wie bereits in seiner Anfangszeit, in Skizzenbücher festhielt. „Modersohn hat in seinem Spätwerk die Erfüllung seines künstlerischen Ziels gefunden. Die Werke zeugen nun nicht mehr von der ausdrucksstarken Formen- und Farbensprache und der gesteigerten Bildwirkung der vergangenen Jahre, sondern strömen den sonoren Zauber einer lyrischen Stimmung aus, wirken geheimnisvoll und verschwimmend, andeutend, zart.“14. Nach kurzer Krankheit verstarb Otto Modersohn am 10. März 1943.

Christina Hemken

Weiterführende Informationen

Otto-Modersohn-Museum
In der Bredenau 95, Fischerhude, 28870 Ottersberg

 

Anmerkungen

(1)  Otto Modersohn, zitiert in: Noeres, Antje 1977, S. 137
(2)  Günter Busch, in: Otto-Modersohn-Museum (Hg.) 1989, S. 23
(3)  Otto Modersohn, zitiert in: Kunstverein Hannover (Hg.) 1978, S.  329
(4)  Otto Modersohn, zitiert in: Kunstverein Hannover (Hg.) 1978, S.  329
(5)  Otto Modersohn: Die Wolke, undatiert, um 1890. In: Ring, Christian 2015, S. 22
(6)  Otto Modersohn, zitiert in: Kunstverein Hannover (Hg.) 1978, S.  159
(7)  Rainer Maria Rilke, zitiert in: Otto-Modersohn-Museum (Hg.) 1993, S. 25
(8)  Rainer Maria Rilke, zitiert in: Güse, Ernst-Gerhard (Hg.) 1988, S. 302
(9)  Rainer Maria Rilke, zitiert in: Güse, Ernst-Gerhard (Hg.) 1988, S. 37
(10) Paula Modersohn-Becker, zitiert in: Güse, Ernst-Gerhard (Hg.) 1988, S. 302
(11) Otto Modersohn, zitiert in: Ring, Christian 2015, S. 27f.
(12) Otto Modersohn, zitiert in: Otto-Modersohn-Museum (Hg.)1993, S. 304
(13)  Dietrich Helms, in: Güse, Ernst-Gerhard (Hg.) 1988, S. 193ff.
(14) Ring, Christian 2015, S. 41

Abbildungen

(1) Otto Modersohn: Lampionfahrt auf der Wümme, 1911. In: Ring, Christian 2015, S. 31
(2) Otto Modersohn: Winter im Dorf, undatiert, um 1918. In: Kunstverein Hannover (Hg.) 1978, S. 220
(3) Otto Modersohn an der Düsseldorfer Akademie, 1884/85. In: Ring, Christian 2015, S. 49
(4) Otto Modersohn: Herbstmorgen am Moorkanal, 1895. In: Kunstverein Hannover (Hg.) 1978, S. 135
(5) Otto Modersohn: Die Wolke, undatiert, um 1890. In: Kunstverein Hannover (Hg.) 1978, S. 79
(6) Otto Modersohn: Durchblick in der Worpsweder Wohnung, 1902. In: Noeres, Antje 1977, S. 195
(7) Otto Modersohn: Lampionfahrt auf der Wümme, 1911. In: Ring, Christian 2015, S. 31
(8) Paula Modesohn-Becker: Otto Modersohn beim Lampenschirm zeichnend. In: Kunstverein Hannover (Hg.) 1978, S. 104
(9) Otto Modersohn: Birkenstämme, 1901. In: Güse, Ernst-Gerhard (Hg.) 1988, S. 152
(10) Paula Modersohn-Becker im Atelier Otto Modersohns, Foto Winter 1901. In: Güse, Ernst-Gerhard (Hg.) 1988, S. 299
(11) Otto Modersohn: Bärgündletal, 1932. In: Otto-Modersohn-Museum (Hg.) 1993, S. 125
(12) Otto Modersohn, 1939. Fotografie. In: Güse, Ernst-Gerhard (Hg.) 1988, S. 324

Literatur

Ring, Christian: Otto Modersohn. Junge Kunst 16. München 2015

Güse, Ernst-Gerhard (Hg.): Otto Modersohn. Zeichnungen. München 1988

Otto-Modersohn-Museum (Hg.): Otto Modersohn. Das Frühwerk 1884-1889. München 1989

Otto-Modersohn-Museum (Hg.): Fischerhude 1908-1943. Bremen 1993

Kunstverein Hannover (Hg.): Otto Modersohn (1865-1943). Monographie einer Landschaft. Hamburg 1978

Noeres, Antje: Otto Modersohn 1865-1943 der Zeichner und Maler einer Landschaft vor dem Hintergrund seiner Zeit. Hamburg 1977

Kunsthalle Bremen (Hg.): Otto Modersohn. Gemälde Handzeichnungen. Bremen 1965