Dieser so idyllisch beschriebene Ort liegt an dem Flüsschen Wümme und gehört zum Flecken Ottersberg im Landkreis Verden. Die erste urkundliche Erwähnung findet sich bereits 1124, damals hieß der Ort noch Widagheshude und gehörte zum Kloster Rastede, später ging das Kirchenpatronat an den Grafen von Oldenburg, wo es bis in das 19. Jahrhundert verblieb2.

 
Hermann Angermeyer: An der Schleuse, um 1940 (3)

Der Künstlerort Fischerhude Eine Künstlerkolonie wie das nahe gelegene Worpswede ist Fischerhude nie gewesen. In Worpswede schlossen sich Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck, Fritz Mackensen, Hans am Ende und Carl Vinnen zusammen, um eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft zu gründen. Sie stellten ihre Werke gemeinsam aus und wurden vor allem durch die Ausstellung im Münchener Glaspalast auch überregional bekannt. Fischerhude blieb in der Kunstwelt weitgehend unbekannt und wurde z. B. in der Publikation „Deutschen Künstlerkolonien und Künstlerorte“ 1976 von Gerhard Wietek erwähnt, aber nicht explizit ausgeführt3.  Obwohl die Künstler, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Fischerhude niedergelassen haben von ähnlichen Motiven geleitet wurden. Der Wunsch nach einem abgeschiedenem Leben, in Einfachheit, fern ab von den „lärmenden“ Städten, möglichst naturnahe, und umgeben von einer eindrucksvollen Landschaft mit markanten ländlichen Motiven und besonderen Lichtverhältnissen.

 
Bernhard Wiegandt: Selbstbildnis an der Staffelei, um 1890 (4)

Die ersten Künstler in Fischerhude

Einer der ersten Künstler, der nach Fischerhude zog, war der in Köln geborene Kirchen- und Theatermaler Bernhard Wiegandt (1851-1918). Nach Stationen als Theatermaler in Berlin und Hannover, folgte ein mehrjähriger Aufenthalt in Brasilien, bevor er sich an der Münchener Akademie zum Historienmaler ausbilden ließ und wenig später nach Bremen zog. Hier gab er u.a. Paula Modersohn-Becker ihren ersten Kunstunterricht. Auf der Suche nach einem zurückgezogenem Ort, um sich ein Sommeratelier einzurichten, kam er 1902 nach Fischerhude, das er dem „engeren“ und unruhigeren Worpswede vorzog. Der an den Kunstakademie in Stuttgart, Dresden und München studierte Wilhelm Heinrich Rohmeyer (1882-1936) kam 1904 das erste Mal nach Fischerhude, wo er sich, nach längeren Unterbrechungen 1914 ein eigenes Haus baute.

 
Otto Modersohn: Herbstmorgen am Moorkanal, 1895 (5)

Otto Modersohn

Nach dem tragischen Tod seiner Frau Paula Modersohn-Becker und die zunehmenden Spannungen innerhalb der „Künstlervereinigung Worpswede“ siedelte Modersohn (1865-1943) 1908 nach Fischerhude über, wo er seine spätere dritte Frau, die Tänzerin Louise Breding kennenlernte. Die Natur blieb auch in Fischerhude sein bevorzugtes Motiv, aber seine Malweise veränderte sich, die Töne wurden „erdiger“ und seine Formensprache insgesamt reduzierter. Seine Werke sind u.a. in dem 1974 eröffnetem Otto-Modersohn-Haus in Fischerhude zu sehen.

 
Heinrich Breling, Selbstbildnis mit Pinsel (6)

Die Familie Breling

Der Maler Heinrich Breling (1849-1914), hatte bereits als Kind mehrere Jahre in Fischerhude gelebt und mithilfe eines Stipendiums des Königs von Hannover zuerst in Hannover und dann an der Münchener Akademie eine Kunstausbildung erhalten. König Ludwig II. von Bayern erkannte sein Talent und ernannte ihn zum außerordentliche Professor und ein Jahr später zum Hofmaler. 1908 kehrte er mit seiner Familie nach Fischerhude zurück, wo er vor allem Landschaften, Portraits und Figurenbilder malte. Anfangs stark vom Impressionismus beeinflusst, war er aber neuen Kunstströmungen immer aufgeschlossen. So zeigte er sich von Werken Picassos und Braque ebenso begeistert wie vom Expressionismus.

 
Amelie Breling: Kniende, um 1938 (7)

Die Töchter Amelie, Louise, Jossi, Olga Breling

Amelie Breling (1876–1966) wurde eine bekannte Bildhauerin, die 1912 bereits eine Silbermedaille der Weltausstellung in Brüssel für eine Figurengruppe erhielt. Später arbeite sie zusammen mit ihrem Schwager Jan Bontjes van Beek als Keramikerin und fertigte aber auch weiterhin Portraitarbeiten und religiöse Plastiken. Louise Breling (1883-1950) war ausgebildete Opern- und Oratoriumsängerin, später widmete sie sich, wahrscheinlich beeinflusst von ihrem Mann Otto Modersohn, der Malerei. Jossi Breling (1889-1979) war ausgebildete Musikerin, sie studierte in Berlin Klavier, dabei arbeitete sie aber nicht nur als Pianistin und Pädagogin, sondern komponierte u.a. die Oper „Der Überfall“. Olga Breling (1896-1995) kam nach ihrer Ausbildung an der Isadore-Duncan-Schule für Ausdruckstanz in Darmstadt, auf Einladung Bernhard Hoetgers, der 1914 selbst ein Jahr in Fischerhude lebte, nach Worpswede, wo sie ihren späteren Mann, Jan Bontjes van Beek kennenlernte. In den 20er Jahren wurde sie zu einer gefeierten Bühnentänzerin. Später wandte sie sich der Malerei zu und wurde Schülerin von Fritz Mühsam in Paris

 
Jan Bontjes van Beek: Schale, 1967, Glasur „Morpho Helena“ (8)

„1920 kamen eine neue Dimension und ein neuer Kristallisationspunkt nach Fischerhude durch die Heirat der jüngsten Tochter von Heinrich Breling, Olga (geb. 1896) mit Jan Bontjes van Beek"4. Geboren wurde Jan Bontjes van Beek 1899 in Dänemark, im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig zur Kriegsmarine, nahm an den Matrosenaufstände teil, wurde Tanzpartner seiner Frau, dann Musiker, bevor er sich eine Keramikwerkstatt einrichtete und mit der „FKK“ - „Fischerhuder Kunstkeramik“ überregional bekannt wurde und zahlreiche nationale und international Auszeichnungen erhielt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er als Professor für Keramik nach Berlin berufen und später wurde er Hochschuldirektor.

 
Mietje Bontjes van Beek: Kühe in der Wümmeniederung, 1922 (9)

Die 1920 geborene Tochter, Cato Bontjes van Beek, war Mitglied der Berliner Gruppe der „Roten Kapelle“ und rief in Flugblättern zum Widerstand gegen das Nazi-Regime auf. 1942 wurde sie von der Gestapo in Berlin verhaftet und am 5. August 1943 hingerichtet. Die zweite Tochter Mietje Bontjes van Beek (1922-2012) reiste nach ihrer künstlerischen Ausbildung in Berlin und Hamburg nach Italien, ins Allgäu und nach Nordamerika, wo sie besonders von der „indianischen Kunst und deren Ornamentik“ beeindruckt war. Nach ihrer Rückkehr experimentierte sie in ihrer Malerei mit Steinen, Lehm und Mineralien und zog für 10 Jahren nach Süditalien, bevor sie wieder nach Fischerhude zurückkehrte. Das dritte Kind, Tim Bontjes van Beek (1923-2013) wurde nach seiner Musikausbildung in Bremen, Hamburg und Freiburg, und seiner Militärzeit, wo er einen Durchschuss der linken Hand erlitt, Redakteur und Tonmeister bei dem NDR.

 
Helmuth Westhoff: Bildnis der Schwester Clara Rilke-Westhoff, um 1920 (10)

Clara Rilke-Westhoff

Die Malerin und Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff (1878-1954) wurde durch ihrem Bruder, den Maler Helmut Westhoff (1891-1977) auf Fischerhude aufmerksam. Nach ihrer Ausbildung bei Max Klinger in Leipzig und der Acade'mie Julian in Paris u.a. bei Rodin hielt sie sich längere Zeit in Worpswede auf, wo sie neben den Worpsweder Künstlern ihren späteren Mann Rainer Maria Rilke kennenlernte. Nach dem Scheitern ihrer Ehe kehrte sie nach Paris zurück, bevor sie 1919 nach Fischerhude zog. Später wandte sie sich der Malerei und hinterließ neben ihrem umfangreichen plastischen auch ein großes malerisches Werk.

 
Rudolf Franz Hartogh: Selbstportrait, 1917 (11)

Als Schüler von Otto Modersohn lernte August Haake (1889-1915) Fischerhude kennen, später studierte er bei Fritz Mackensen in Weimar, dort machte seinen Studienkollegen, den gehörlosen Maler Rudolf Franz Hartogh (1889-1960), u.a. Student von Lovis Corinth, auf Fischerhude aufmerksam. Nach seiner Internierung im Konzentrationslager Theresienstadt kehrte Hartogh 1953 nach Fischerhude zurück, wo er neben seinem künstlerischen Arbeiten an einer Chronik des Ortes arbeitet. Der renommierte Maler Hermann Angermeyer (1876-1955) aus Düsseldorf siedelte nach zahlreichen Sommeraufenthalten endgültig 1938 nach Fischerhude über

 
Helmuth Westhoff: Bootsfahrer auf der Wümme mit Melkersteg, um 1935 (12)

In der Zeit des Nationalsozialismus war die ländliche Abgeschiedenheit des Ortes für viele Künstler von Vorteil. So zog die Bremer Publizistin Dorothea Gallwitz (1864-1948) in die Surheide, wo ihr Haus zum Treffpunkt zahlreicher Künstler werden sollte. In den 30er Jahren lebte auch der Musikschriftsteller und Komponist Karl Gerstenberer (1892-1955) für einige Jahre im Haus von Clara Rilke-Westhoff in Fischerhude. Auch der Kokoschka-Schüler Hans Meyboden (1901-1965) zog, nachdem er mit einem Ausstellungsverbot belegt war, von Berlin nach Fischerhude in das Atelier des verstorbenen Wilhelm Heinrich Rohmeyer. Für ihn stellte Fischerhude, genauso wie für den Architekten und späteren Maler und Grafiker Erhart Mitzlaff (1916-1991) ein sicheren Rückzugsort dar als Berlin, bzw. Köln.

 
August Haake: Felder in Fischerhude, um 1912 (13)

Zu der Nachkriegsphase bemerken Stock/Riedel: „Eine Besonderheit dieser Phase ist aber auch der Generationswechsel, der deutlich wird durch den Tod alter Fischerhuder Künstler. 1954 starb Clara Rilke-Westhoff, 1955 Hermann Angermeyer und der Maler Hans Busch (1889-1955) … Charakteristisch für diese Phase ist aber auch die dauerhafte Wiederkehr von schon länger dem Ort verbundenen Künstlern.1954 ließ sich der Kunsthistoriker, Architekt, Tänzer und Maler Hellmut Müller-Celle (1903-1982) ... endgültig in Fischerhude nieder. 1957 kehrte der Maler Christian Modersohn (geb. 1916), der zweite Sohn Otto Modersohn, in die Heimat zurück und wurde zum Wahrer des künstlerischen Erbes seines Vaters.“5

 
Rudolf Franz Hartogh: Bauernhaus mit Hühnern, um 1920 (14)

Bei den Genannte kann es sich nur um eine Auswahl handeln, die dem Künstlerort Fischerhude in keiner Weise gerecht wird und nur einen begrenzten Einblick in das Kunst- und Kulturleben eines außergewöhnlichen norddeutschen Dorfes gibt. 1971 gründete sich der „Freundeskreis Fischerhude e.V.“, 1974 wurde das Otto-Modersohn-Haus unter der Leitung von Christian Modersohn eröffnet. Zehn Jahre später öffnete die „Fischerhuder Galerie“ um Künstler und Künstlerinnen aus Fischerhude in wechselnden Ausstellungen bekannter zu machen. 1987 wurde der „Fischerhuder Kunstkreis e.V.“ ins Leben gerufen, „...der es sich satzungsgemäß zum Ziel machte, das Erbe der Künstlerinnen und Künstler Fischerhudes und die Kultur zu pflegen.“ 6

Christina Hemken

Anmerkungen

(1) Mietje Bontjes van Beck, in: Riedel/Stock, S. 2
(2) Wikipedia-Artikel „Fischerhude“, abgerufen am 27.01.2016
(3 Vgl. Riedel/Stock, S. 8
(4) Riedel/Stock, S.18f.
(5) Riedel/Stock, S. 23ff.
(6) Riedel/Stock, S. 28f
 

Abbildungen

(1) Rudolf Franz Hartogh: Bauernhaus mit Hühnern, um 1920 (Kunstverein Fischerhude), in: Riedel/Stock 2002, S. 73
(2) Fotografie „Sündermanns Hof“ an der alten Wümmeschleuse ist eines der vielgemalten Motive der Maler in Fischerhude, in: Riedel/Stock 2002, S. 6
(3) Hermann Angermeyer: An der Schleuse, um 1940 (Privatbesitz), in: Riedel/Stock 2002, S. 52
(4) Bernhard Wiegandt: Selbstbildnis an der Staffelei, um 1890, in: Schultze 1984, S. 65
(5) Otto Modersohn: Herbstmorgen am Moorkanal, 1895. In: Kunstverein Hannover (Hg.) 1978, S. 135
(6) Heinrich Breling, Selbstbildnis mit Pinsel, in: Schultze 1984, S. 57
(7) Amelie Breling: Kniende, um 1938 in: Schultze 1984, S. 33
(8) Jan Bontjes van Beek: Schale, 1967, Glasur „Morpho Helena“ in: Schultze 1984, S. 59
(9) Mietje Bontjes van Beek: Kühe in der Wümmeniederung, 1922, in: Schultze 1984, S. 63
(10) Helmuth Westhoff: Bildnis der Schwester Clara Rilke-Westhoff, um 1920 (Privatbesitz), in: Riedel/Stock, S. 15
(11) Rudolf Franz Hartogh: Selbstportrait, 1917 (Kunstverein Fischerhude), in: Riedel/Stock 2002, S. 68
(12) Helmuth Westhoff: Bootsfahrer auf der Wümme mit Melkersteg, um 1935 (Privatbesitz), in: Riedel/Stock, S. 79
(13) August Haake: Felder in Fischerhude, um 1912 (Privatbesitz), in: Riedel/Stock 2002, S. 63
(14) Rudolf Franz Hartogh: Bauernhaus mit Hühnern, um 1920 (Kunstverein Fischerhude), in: Riedel/Stock 2002, S. 73

Literatur

Karl Veit Riedel und Wolf-Dietmar Stock: Fischerhude. Malerort an der Wümme. Fischerhude 2002
Jürgen Schultze: Künstler in Fischerhude. Bremen 1984
Kunstverein Hannover (Hg.): Otto Modersohn (1865-1943). Monographie einer Landschaft. Hamburg 1978