Den ersten Eindruck des historischen Museums in Verden vermittelt der Gebäudekomplex selbst: im Schatten des wuchtigen Verdener Domes befindet sich der Besucher plötzlich in einem Adelssitz aus dem frühen 18. Jahrhundert. 1708 schuf sich hier auf den Mauern einer ehemaligen Domherren-Curie Christoph Freiherr von der Schulenburg seinen Alterssitz. Dabei baute er die vorhandenen Gebäudeteile um ganz im Zeitgeist des damaligen Spätbarocks. Das Haupthaus, die Scheune und das Torhaus umschließen einen idyllischen Innenhof, der dem Besucher - nur zwei Minuten von der Einkaufsstraße Verdens entfernt – eine Oase der Ruhe bietet. Seit den 1930er Jahren befinden sich in diesem Gebäudekomplex die Sammlungen des Museumsvereines. Dieser gründete sich gleich nach dem ersten Weltkrieg 1918, um, wie es in den Statuten heißt, „vaterländisches Kulturgut zu sammeln und der Nachwelt zu bewahren“.

 
Dom zu Verden (CH)

Norderstadt und "Süderende"

Wir befinden uns hier im südlichen Teil der Stadt Verden und gleichzeitig dem ältesten Siedlungsgrund, von den Fischern genutzt. Dieser Teil wurde von den Norderstädtern – dort steht das Rathaus – verächtlich „Süderende“ genannt. Der Grund ist ein historischer: bis 1667 existierte Verden in zwei getrennten und selbständigen Stadthälften! Angelehnt an die Fischersiedlung als dem heutigen Südteil schuf sich ab dem 9. Jh. hier der Bischof sein kleines Reich; im nördlichen Teil hingegen, ausgehend von einer vermutlich gezielt angelegten Stadtgründung Heinrichs des Löwen, siedelten sich Handwerker und Kaufleute an. Hier verdiente man sein Geld durch den Handel, und der nutzte eben den Übergang über den Fluss, eine Straßen- und Brückenführung, welche kurz vor Erreichung des Domes scharf abbiegt. Der Bischof nun, Grundherr seines Stiftes, hatte in der Norderstadt nichts zu sagen; denn hier war man freie Reichsstadt! Jahrhunderte lang führte das zwischen beiden Stadthälften zu allerlei Spott, Häme, Streitigkeiten – es ging natürlich immer um Abgaben oder Zölle – und sonstigen Missfälligkeiten.

 
Verden Innenstadt (CH)

Erst als nach dem dreißigjährigen Krieg die schwedische Krone sowohl das Erzbistum Bremen als auch das Bistum Verden übernahm und beide säkularisierte und in Herzogtümer umwandelte, verfügte die schwedische Königin den Zusammenschluss beider Stadthälften. So kann man noch heute entlang der großen Geschäftsstraße mit ihren Eckpunkten Dom und Rathaus die mittelalterliche Geschichte des deutschen Reiches quasi innerhalb von 5 Minuten erwandern. Diese Zweiteilung der Städte entschied auch darüber, dass rund um den Verdener Dom eine ganze Reihe von Herrensitzen bewohnt waren, denn aus dem umliegenden Landadel rekrutierte sich das Domkapitel, hingegen im Norderteil der Stadt stattliche Handelshäuser und Handwerkerwohnungen entstanden. Dass einstmals sich die europäische Prominenz in Verden traf, sieht man der heutigen Stadt auch nicht mehr an. So war Kaiser Karl der Große zweimal in Verden, Kaiserin Theophanu verfügte persönlich die Immunität der Verdener Bischöfe; Heinrich der Löwe begründete die Kaufmannssiedlung um das Rathaus herum; König Jerome von Westfalen, von seinem Bruder Napoleon eingesetzt, feierte in Verden prächtige Feste, und der König von Hannover inspizierte mehrmals jährlich hier seine Leibgarde, die Garde-Husaren!

 
Beckmannzimmer (Domherrenhaus)

Und dies alles fand seinen Niederschlag im historischen Museum „Domherrenhaus“: dem Besucher bieten sich deshalb reiche Sammlungen zu den Themen Verdener Stadtgeschichte, Geschichte des Bistums Verden, öffentliches und privates Leben des 18. und 19. Jh. mit kompletten Stuben, in der Abt. „Altes Handwerk“ z. T. komplette Werkstätten einschließlich der Zinnfiguren-Offizin Engels sowie einen ausgedehnten Rundgang durch die Vor- und Frühgeschichte unter dem Motto „Einmal Steinzeit und zurück“. Neben informierenden Texten kann der Besucher über zahlreiche Modelle und Inszenierungen sehr anschaulich die Geschichte der Stadt Verden und ihrer Region erleben. Sämtliche z. T. interaktiven Präsentationsformen moderner Museen kommen hier zum Einsatz. Und wer noch mehr Information wünscht, der kann sich über eine Audio-Führung „seinen“ Rundgang individuell zusammenstellen.

 
'Elefantenjagd' (Domherrenhaus)

Auf Elefantenjagd im Verdener Domherrenhaus

Der Gedanke ist schon faszinierend: wo heute unsere Wohnviertel, Straßen und Rathäuser stehen, da streiften einst Elefanten, Säbelzahntiger und Nashörner durch die Savanne! Das Domherrenhaus – Historisches Museum Verden birgt die Dokumentation eines solchen Geschehens von vor 120.000 Jahren. Der Fundkomplex um die Lehringer Lanze wurde 1948 aus einer Mergelgrube geborgen und revolutionierte das wissenschaftliche Denken über die Entwicklung des Menschen. Geborgen wurde eine über zwei Meter lange Holzlanze, aus einem geraden Eibenstamm gedrechselt…und das noch in dem Tier, das durch sie erlegt wurde. Dabei handelte es sich um einen heute ausgestorbenen Waldelefanten mit einer Schulterhöhe von über vier Metern. Die Lanze belegte und tut es noch heute, dass entgegen der damaligen Auffassung von der Entwicklung des Menschen der Neandertaler kein Halbaffe war.

 
Domherrenhaus (CH)

Man kann an dieser Waffe – übrigens eines von weltweit (!) nur drei Holzartefakten aus der Altsteinzeit – genau sehen, dass diese Menschenart das Feuer schon als Werkzeug nutzte. Die Art des Fundes belegt zudem, dass eine Gruppe von mindestens sechs Individuen den Elefanten jagte. Das wiederum setzt ein soziales Verhalten voraus, welches auch nur möglich ist, sofern über Sprache, über Hierarchien, also ein Sozialverhalten, innerhalb der Gruppe ausgegangen werden kann. Heute weiß man, dass der Neandertaler uns modernen Menschen sehr viel näher ist, als wir das vielleicht gern wahrhaben wollen. Zurzeit laufende DNA-Analysen lassen gar den Schluss zu, dass der Neandertaler nicht ausgestorben, sondern in dem modernen Menschen, also in uns, aufgegangen ist. Wenn wir also das nächste Mal mit Wonne in ein blutiges Steak beißen, hängt das vielleicht noch mit diesem Erbe zusammen!

 
Innenhof des Doms (CH)

Hautnah miterleben kann man das damalige Jagdgeschehen - welches zur Enttäuschung der Jägergruppe nicht zum Erfolg führte, sonst hätten wir heute das Elefantenskelett nicht bergen können - in einer aufwändigen Inszenierung im Domherrenhaus. Der Besucher wird quasi Mitglied der Jägergruppe, er pirscht sich an den Elefanten heran und wird aufgefordert, sich an der Jagd zu beteiligen, welche aus einer Audioinstallation und einem „sprechenden“ Neandertaler in Angriffsposition gegenüber dem gewaltigen Elefanten besteht. Hat sich dann der Blutdruck wieder etwas gesenkt, so kann man sich anhand der wissenschaftlich aufbereiteten Funde über die interessante Geschichte aus der fernen Eem-Warmzeit informieren.

 
Verden (CH)

Komplettiert wird das Angebot des Domherrenhauses durch Sonderausstellungen sowie zahlreiche kulturelle Veranstaltungen rund um das Thema „Geschichte“. Für Brautleute, die sich „trauen“, steht eine besondere Stube - zu Anfang des 20. Jh. errichtet - für standesamtliche Eheschließungen zur Verfügung.

Dr.Björn Emigholz

Domherrenhaus – Historisches Museum Verden, Untere Straße 13, 27283 Verden (Aller), Tel.: 04231/2169 This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.