"Land unter!"

Über versunkenes Land im Jadebusen

Seit jeher faszinierte das Meer mit seinen Naturgewalten die Menschen. Diejenigen, die unmittelbar an den Küsten lebten, wussten wohl auch um die Gefahr und Unberechenbarkeit der oft sturmgeplagten Nordsee. Nicht von ungefähr kommt der Ausspruch „Mordsee-Nordsee“, sodass die Siedler immer wieder gegen die landraubenden Sturmfluten ankämpfen mussten. Allzu oft jedoch verloren die Menschen mit ihren Deichbauten den Kampf gegen die eindringenden Fluten und wurden ein Opfer der auf ihren Raubzügen ins Landesinnere drängenden See. Der Verlust an Menschen, Gut und Land ist somit gleichzeitig die Entstehungsgeschichte des heutigen Jadebusens.

 
Karte der Weihnachtsflut 1717 (LMO)

Die historische Entwicklung des Jadebusen

Das Gebiet des heutigen Jadebusens war früher ein von Moor und Marsch geprägter Landstrich. Schon vor über 2000 Jahren siedelten sich hier, dem Stamm der Friesen zugerechnete, Menschen an. Die ursprüngliche Moorlandschaft hatte bis zu 4 Meter über dem Marschniveau gelegen und war daher auch ohne Eindeichung einigermaßen hochwassersicher gewesen. Erst durch den stetigen Anstieg des Meeresspiegels und der Forcierung der Moorkultivierung wurde ein Einbrechen der Fluten begünstigt. Der bei der Kultivierung des Moores abgetragene Torf wurde in erster Linie der Brennstoffverwertung zugeführt. Die Entwicklung des Jadesbusens nahm ihren Anfang am 17. Februar des Jahres 1164. In der sogenannten Julianenflut kam es zu ersten schweren Überschwemmungen und Landverlust zwischen den Dörfern Dauens und Hummens, heute Wilhelmshaven und Eckwarderhörne, der bis nach Dangast reichte. Über 20.000 Menschen fanden in den eisigen Orkanfluten den Tod.

 
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Zu den Geschehnissen der damaligen Zeit ist folgender Text überliefert:
"In jenen Tagen, brach im Monat Februar, und zwar am 17., ein großes Unwetter mit heftigen Stürmen, grellen Blitzen und krachendem Donner los, das weit und breit viele Häuser in Brand setzte oder zerstörte. Überdies entstand eine Meeresflut so groß, wie sie alters unerhört war. Sie überschwemmte, das ganze Küstengebiet in Friesland und Hadeln sowie das Marschenland an Elbe, Weser und allen Flüssen, die in den Ozean münden. Wie viele reiche, wie viele Mächtige saßen am Abend noch, schwelgten im Vergnügen und fürchteten kein Unheil, da aber kam plötzlich das Verderben und stürzte sie alle ins Meer."1

 
Heinrich Vogeler: Meeresbrandung, 1922 (LMO)

Die Clemensflut von 1334

Über die Jahrhunderte suchten immer wieder zahlreiche verheerende Sturmfluten das Land an der Küste und seine Bewohner heim. Die zerstörerische Clemensflut vom 23. November 1334, die zahlreiche Kirchspiele (Orte/Dörfer/Bauernschaften) in den Untergang riss, schuf neben einen Durchbruch nach Osten zur Weser, auch den nun inselförmigen Landstrich Butjadingen. Die Orte Eckwarderbrügge und Jadele versanken im Meer, das Kirchspiel Arngast musste aufgrund großer Schäden und Verluste aufgegeben werden. Eine Utrechter Bischofschronik verzeichnet zu diesem Ereignis: "Im Jahren unseres Herrn 1334 im Monat November auf St. Clemens Tag steig das Seewasser so hoch, daß es über alle Deiche ging. Es stürmte, donnerte und blitzte, und viele Beester(Rindvieh) und Menschen ertranken. Viele Dörfer an der See gingen zu Grunde, in Flandern, Zeeland, Holland und auch in Friesland."2

 
Lothar Klimek: Wattenmeer bei Tossens, um 1973 (LMO)

Die Antoniflut von 1511

Auf die Zweite Cosmas- und Damian-Flut vom 25./26. September 1509 und eine unbenannte Sturmflut am 9. September 1510 folgte die Antoniflut oder auch Eisflut genannt vom 16./17. Januar 1511. Die Chroniken berichten von einfach hinfort gespühlten Deichen, Menschen, die auf Dächern harrend, von den kalten Fluten mitsamt dem Haus weggerissen wurden oder gar von kleinen Kindern in ihren Wiegen, die das eisige Wasser mit sich riss. Der Jadebusen erlangte zu dieser Zeit seine größte Ausdehnung. Im Süden reichte er ungehindert bis an das Kirchspiel von Varel und im Westen erstreckte sich sein Ausläufer, das sogenannte  "Schwarze Brack", bis an die nördlichen Grenzen des Zeteler Eschs. Benannt war dieser westliche Ausläufer nach seiner dunklen Wasserfärbung, die vom moorigen Untergrund herrührte.

 
Ludolf Backhuysen: Die Fähre bei Sturm, 1682 (OLM)

Die Weihnachtsflut von 1717

Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes ereignete sich im Winter des Jahres 1717. In der sogenannten Weihnachtsflut vom 24./25. Dezember führte ein Nordweststurm an der gesamten kontinentaleuropäischen Nordseeküste zu zahlreichen Deichbrüchen mit verheerenden Überschwemmung. In den niederländischen, deutschen und dänischen Küstengebieten ertranken etwa 11.500 Menschen in den kalten Fluten, der Verlust von über 100.000 Stück Vieh war zu beklagen und rund 8.000 Häuser waren zerstört. Über die damalige Sezenerie ist in dem 1722 erschienen Werk "Historisch-theologisch Denckmal der Wunderwollen Wegen Gottes in den großen Wassermassen welche sich anno 1717 den 24./25. December zu vieler Länder Verderben so erchröcklich ergossen", des Zeitzeugen, Pastors Johann Friedrich Jansen aus Neuenden zu erfahren:

 
Lothar Klimek: Dangast Meeresausblick, um 1973 (LMO)

 

"Ein Mann Nyender Kirchspiels in Jeverland / Namens Iffe Dircks / schwimmet nebst seiner Frauen auf dem Giebel seines Hauses und gelanget endlich mit demselben in der sogenannten Balge auf einem Apffel-Baum. Sie setzen sich beyde auf einem Zweig / da denn das Weib / als sie etwa drei Stunden hier ausgehalten / ihren Geist aufgegeben. Der Mann der da sorge wollen / daß nicht sein Weib möge wegtreiben / sondern noch ehrlich begraben werden/ löset die aufgebundenen Haare ihres Hauptes auf / und bindet sie um einen Zweig dieses Baumes feste / da sie denn also noch einige Tage bey den Haaren ihres Hauptes gehangen / bis sie abgenommen und begraben worden. Das mag mit ein trauriges Spectacul vor diesem Manne gewesen seyn / der auf diesem Baum bis hin in den dritten Tag sitzen / und eine solche todte Gefährtinne in so jämmerlicher Gestalt / haben müssen".3

 
Deichschafe (CH)

Deichbaumaßnahmen am Jadebusen

Um den immer wieder einbrechenden Fluten Herr zu werden, aber auch aus politischen Gründen, begann man im 16. Jahrhundert mit umfangreichen Eindeichungsmaßnahmen, die das Aussehen des Jadebusens bis heute prägen. Die nördlich des „schwarzen Bracks“ gelegene Herrschaft Jever fiel nach dem Tod Marias von Jever 1575 an das Grafenhaus Oldenburg, war aber von oldenburgischem Gebiet aus, nur über westliches ostfriesisches Territorium zu erreichen. Um den dortigen Zollansprüchen zu entgehen gab Graf Johann VII. im Jahre 1596 die Bauarbeiten des noch heute vorhandenen Ellenser Dammes in Auftrag. Dieser verband die im oldenburgischen Süden gelegene Insel Ellens mit dem im jeverschen Norden gelegenen Eiland Ahm, welche beide bereits durch andere Deichbauten mit dem Festland verbunden waren. Beendet wurden dieses Vorhaben erst 1615, nachdem sein seit 1603 regierender Sohn, Graf Anton Günther, die Arbeiten am Deichwerk unter größten Anstrengungen fortsetzen ließ.

 
Lothar Klimek: Im Wattenmeer, Priel, um 1973 (LMO)

Die so der See abgerungenen 1.600 Hektar Land [Koog, Polder, Groden]konnten aber erst im Zuge jahrzehntelanger Entwässerungsmaßnahmen urbar gemacht und zur landwirtschaftlichen Kultivierung genutzt werden.Bis in das 19. Jahrhundert hinein wurden die Eindeichungsmaßnamen des "Schwarzen Bracks" vorangetrieben, um so dem Jadebusen weitere Landflächen abzugewinnen.
Noch schwieriger gestalteten sich die bereits im 15. Jahrhundert begonnen Eindeichungsmaßnahmen der im östlichen Küstengebiet des Jadebusens gelegenen Durchbrüche zur Weser hin. Es stellte sich als schwierig heraus, Deichbauten auf Moorboden zu gründen. Erst zwischen 1721 und 1725 konnte die Insel Butjadingen unter der Leitung des oldenburgischen Landdrosten Sehestedt endgültig wieder an das Festland angeschlossen werden. Ihm zu Ehren ist die Deichsiedlung Sehestedt am Jadebusen benannt.

 
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Das Reichskriegshafengesetz von 1883

Das Ende aller Landgewinnungsmaßnahmen im Jadebusen und die endgültige Gebung seiner heutigen Form leutete das Reichskriegshafengesetz von 1883 ein. Dieses Regelwerk bezog sich auf die festgelegten Einzugsgebiete der Marinestützpunkte Kiel und Wilhelshaven und legte fest, dass „Bauten, Anlagen und Unternehmungen, welche die Sand- oder Schlickablagerung oder die Verlandung befördern, nicht ohne die Genehmigung des Marinestationschefs zulässig [sein]"4. Dies bezog sich konkret auch auf weitere Eindeichungsmaßnahmen im Gebiet des Jadebusens. Hintergrund war, dass man sicherstellen wollte, dass das u. a. von den Kriegsschiffen befahrene Jadefahrwasser nicht versandet.

 
Der Leuchtturm Arngast (ROTHM)

Das historische Kirchspiel zu Arngast

Wo heute trotzig der Leuchtturm vor Dangast aus dem Jadebusen herausragt, befand sich vor rund 700 Jahren das Kirchspiel Arngast. Mit Varel, Dangast und dem später ebenfalls untergegangenem Marktort Aldessen gehörte es im Mittelalter zum friesischen Gau Rüstringen. Der Ritterorden der Johanniter besaß dort Klostergüter, die 1443 unter den Schutz der Grafen von Oldenburg gestellt wurden. Den Untergang des Ortes leitete die Clemensflut im Winter des Jahres 1334 ein. Aufgrund der entstanden Beschädigungen wurde der Ort von seinen angestammten Bewohnern verlassen, die dem heiligen Andreas geweihte Kirche aufgegeben. Das einsame Gotteshaus erlitt in der Marcellusflut von 1362 nochmals schwere Schäden, wird aber 1428 in den Chroniken noch erwähnt. Die Verbindung zum Festland bei Dangast brach in der Antoniflut von 1511 ab und die Überreste von Arngast wurden zur Insel.

 
Ludolf Backhuysen: Bewegte See mit Schiffen (LMO)

Mit rund 6 Quadratkilometern war das Eiland die größte aller 45 Inseln im Jadebusen. Von den Trümmerresten der 1613 eingestürzten Kirche wird noch im Jahre 1661 berichtet. Anfang des 17. Jahrhunderts besaß auch der Pastor von Varel noch ein, der landwirtschaftlichen Nutzung dienendes, Vorwerk auf Arngast. Im Jahre 1645 war die Landmasse nunmehr auf rund zwei Quadratkilometer zusammengeschrumpft. Die letzten Einwohner verließen etwa um 1700 die Insel, auf der aber bis Mitte des 18. Jahrhunderts seitens eines Pächters Vieh geweidet wurde. Nur noch ein paar Baumstümpfe zeugten 1873 vom einstigen Baumbestand der Insel und von den menschlichen Behausungen war lediglich ein Süßwasserbrunnen übrig geblieben. Im Winter des Jahres 1904/1905 versanken endgültig die letzten Landreste, zurück blieb eine Sandbank. An jener Stelle, wo die Kirche stand, fand man später im Watt einige Steinsärge. 1909/1910 wurde auf besagter Sandbank schließlich der noch heute zu sehende Leuchtturm von Arngast errichtet.

 
Lothar Klimek: Deich am Jadebusen, um 1973 (LMO)

Heutige Zeugnisse der Vergangenheit

Der heutige Jadebusen hat seit seiner Entstehung, seine Form und Ausprägung auf vielfache Art und Weise verändert. Wo heute friedlich die Kühe in der friesischen Marsch weiden, walteten vor einigen Jahrhunderten mitunter noch die Gezeiten im Watt und wo man heutzutage sich Seehunde auf einer Sandbank tummeln sieht, stand im ausgehenden Mittelalter mitunter noch eine Kirche samt dazugehörige Dorfgemeinschaft. Ortsnamen wie Ellenser Damm, Sehestedt oder Heppenser Groden zeugen noch vom jahrhunderte langen Kampf der Menschen gegen das Meer mit seinen Naturgewalten. Die Deiche, die heutzutage zu einer sonntäglichen Fahrradtour durch die weitläufige Landschaft einladen, wurden oft unter größten Anstrengung seitens der damaligen Bewohner errichtet, um sich den noch immer antretenden Sturmfluten entgegenstellen zu stellen. Auch die noch überall in der Landschaft um den Jadebusen zu sehenden, künstlich errichteten Erdhügel, Wurt oder Warft genannt, zeugen von den Bemühungen der Menschen vergangener Tage, ihre Behausungen vor dem Hochwasser zu schützen. Das dies nicht immer gelang verdeutlichen die Namen von Orten und Landstrichen, die buchstäblich von der Landkarte verschwanden. Das Kirchspiel Aldessen, einst ein Marktort und Münzprägestätte, bedeckt heute ebenso das Watt, wie das Kloster zu Jedeleh, wo Graf Egilmar II. von Oldenburg begraben wurde. Der Jadebusen von Heute ist somit unweigerlich mit dem tragischen Schicksal der Menschen und dem Land von damals verknüpft.

Fabian Neumann

Weiterführende Literatur:

(1) Vgl. Hans Egidius, 1999, S.14
(2) Vgl. Hans Egidius, 1999, S.16
(3) Vgl. Hans Egidius, 1999, S.24/25
(4) Vgl. Deutsches Reichsgesetzblatt Band 1883, Nr. 10, Seite 105 – 108).

Adolf Blumenberg: Heimat am Jadebusen, Von Menschen, Deichen und versunkenem Land. Nordenham 1997 

Hans Egidius: Das Schwarze Brack – eine Region behauptet sich gegen Naturgewalten, Die geographische und historische Entwicklung des westlichen Jadebusens von Mariensiel bis Varel. Varel 1999

Hans Egidius: Versunkenes Land und untergegangene Kirchspiele: Sturmfluten schufen die südliche Nordseeküste. Oldenburg 2007

Georg Sello: Der Jadebusen: Sein Gebiet, seine Entstehungsgeschichte; der Turm auf Wangerooge. Varel 1903

Carl Woebcken: Die Entstehung des Jadebusens. Aurich 1934