„Die Dangaster Landschaft mit dem stets weiten Himmel darüber, Ebbe und Flut am Wattenmeer, den damit verbundenen Menschen, den stark wechselnden Farben, je ob viel Feuchtigkeit in der Luft war oder Trockenheit, das gab ja auch Gelegenheit genug, den künstlerischen Menschen zum Schaffen zu treiben.“ Emma Ritter

 
Dangast (CH)

Dangast, dieser kleine Ort auf einem markanten Geesthügel direkt am Jadebusen, wurde für einige Brücke-Künstler zum zentralen Ort ihrer künstlerischen Entwicklung. Hier fanden sie nicht nur schöpferische Ruhe, sondern auch in der Auseinandersetzung mit der Natur eine bislang in der Malerei unbekannte Farbintensität.

 
Am Strand von Dangast. Fotografie (Priv)

Jahrhundertelang war das Leben hier von Fischfang und Ackerbau bestimmt gewesen. Die erste Siedlung lag einige Hundert Meter nordwestlich des heutigen Ortes, wurde jedoch durch die Zweite Marcellusflut im Jahre 1362 vollkommen zerstört und an günstigerer Stelle wiederaufgebaut. Hier siedelten friesische Stammeshäuptlinge, es gab Klostersiedlungen und erst Jahrhunderte später wurde die Herrlichkeit Varel mit der Geestsiedlung Dangast vom Oldenburger Grafenhaus übernommen. Beschwerlich war der Weg durch ein Moor- und Sumpfgebiet und erst durch die Veranlassung des Grafen Wilhelm Gustav Friedrich Bentinck (1762–1835) wurde Ende des 18. Jahrhunderts ein „befestigter Thamm“ aufgeschüttet, der als „Langer Damm“ bekannt ist. Bis heute hat sich der Name erhalten und spiegelt sich in dem Dorfnamen Langendamm wider. Über diesen befestigten Weg konnten Baumaterialien für den im Aufbau befindlichen Kurort transportiert werden.

 
Villa Wobick. Postkarte (Priv)

Graf von Bentinck gründete die Seebadeanstalt Dangast, denn er hatte während einiger Aufenthalte in England die gesundheitlichen Vorzüge einer solchen Einrichtung kennen und schätzen gelernt. Direkt an der Meeresbucht auf dem Geestrücken ließ der Graf ein Conversationshaus mit zusätzlichen Nebengebäuden errichten, in denen sich Tanz- und Spielsalon, Speisesaal sowie Lese- und Gesellschafträume befanden. Im Laufe der Zeit kamen noch ein Damen- und ein Herrenbad, ein Warmbadehaus und ein Logierhaus hinzu. Zunächst reisten hauptsächlich Hofbeamte und Bekannte des Grafen nach Dangast. Das änderte sich aber mit der Zeit, und immer mehr Kurgäste fanden den Weg in den Kurort. Nach dem Tod des Grafen wechselten die Besitzer der Einrichtungen ständig.

 
Carl Gramberg, um 1910. Fotografie (Priv)

Erst mit Carl Gramberg, der zum Ende des 19. Jahrhunderts die Gebäude und Anlage renovieren ließ, kam der alte Glanz in das halb verfallene Seebad zurück. „Bis dann im Jahre 1882 das Bad mit allem Zubehör in die tatkräftigen Hände des Herrn Carl Gramberg kam und dem es durch unermüdlichen Fleiß und Arbeit und mit kaufmännischer Umsicht und Tüchtigkeit gelang, das Bad wieder zur Blüte zu bringen und es auf dem gebührenden Platz unter unseren kleineren Nordseebädern bringen konnte; … man denke nur an die imposante gewaltige Mauer, die am Abbruchsufer zum Schutz der Kurhäuser und Strandanlagen gegen die Einflüsse der See errichtet wurde … .“ Obwohl extrem hohe Wasserstände im Jahr 1895 erneut schwere Schäden verursachten, nahm die Attraktivität des Dorfes zu, nicht zuletzt durch die Eisenbahnhaltestelle „Dangastermoor“ und durch die pendelnden Passagierschiffe von Wilhelmshaven.

 
Parkschloss/Logierhaus. Postkarte (Priv)

 

Ein Reiseführer aus jenen Tagen beschreibt die Situation: „Hat man die Chaussee, welche kurz hinter der Ortschaft Dangast endigt, verlassen, so erblickt man zunächst das mit Zementputz versehene Logierhaus, in welchem sich das Post- und Telephonbureau befindet, von den Gebäuden, welche im Park versteckt liegen, sieht man nur Teile der roten Ziegeldächer. Erst wenn man die neuen Anlagen und das neue Logierhaus passiert hat, macht der Weg eine Biegung, …, und erreicht dann die übrigen beiden Logiergebäude, welche ganz von den Parkanlagen eingeschlossen sind, noch sieht man nichts vom Strande, da die Anpflanzungen erst am Strande abschließen und so den Park gegen alle von der Seeseite herkommenden Witterungsunbilden schützen. Erst wenn man das hart am Strande gelegene, mit der Frontseite dem Strande zugekehrte Konversationshaus erreicht hat, dann erst hat man einen überraschenden Anblick. … Goldig, mit mitunter phänomenalen Farben koloriert, verschwindet beim Sonnenuntergang die Sonne ins Meer. Auf dem Wasser spiegeln sich die reflektierenden Strahlen in mitunter ungeahnter Farbenpracht. … Kornfelder wechseln mit Weideflächen ab. Auf den letzteren grasen ungehütet stattliche Exemplare der rühmlichst bekannten Oldenburger Pferde- und Rindviehschläge. Grosse Ährenflächen wiegen sich im Winde auf den mit Getreide aller Art bestellten Ackerflächen. Von den Fischern des Dorfes wird der Fang der Garneelen (Granat, Convetten) im großartigen Maßstabe betrieben. … Nach geeigneter Ebbe fahren die Fischer mit ihren Schlitten über den Strand zu den Fangplätzen um den Fisch einzuheimsen. …“

 
Strand von Dangast. Postkarte (Priv)

Beschaulich ging es im Seebad zu. Erholung und Unterhaltung für Adel und Bürgertum waren gesichert, die einfache Bevölkerung war davon allerdings ausgeschlossen. Wahrscheinlich wäre der Ort in die Bedeutungslosigkeit zurückgefallen, einer von vielen, kleinen Badeorten geblieben, wenn nicht junge, ambitionierte Künstler aus Dresden gekommen wären und hier ein Stück Kunstgeschichte geschrieben hätten!

 
Emma Ritter: Überschwemmung. LMO 12.023 (LMO)

Die Künstler kommen! Der Einzug der Moderne Auf der Suche nach Motiven hatten Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel Dangast als Ort des Ideenreichtums und der künstlerischen Entwicklung für sich entdeckt. Ihre Besuche ab 1907 bildeten einen für sie wichtigen und abwechslungsreichen Gegenpol zu ihrem Umfeld in Dresden.

 
Am Strand von Dangast (CH)

Sie wurden angezogen von den stark variierenden Landschaftsformen, die so nah beieinander zu finden sind. Zum einen beeindruckte sie der Geestrücken, der im Kontrast zur fruchtbaren Marschlandschaft steht. Zum anderen die hier anzufindenden einsamen kleinen Fischerdörfer, deren Bewohner im ständigen Kampf mit der Natur stehen, um dem Meer Land abzutrotzen. Besonders das Meer, der Wechsel der Gezeiten, der Himmel und das Licht weckten in den Künstlern eine wahre Begeisterung, da störten die vereinzelten Kurgäste kaum. Aber auch rein praktische Gründe bewogen die jungen Maler dazu, ausgerechnet diesen Ort zu wählen, denn Dangastermoor verfügte über einen Bahnanschluss nach Oldenburg und somit über eine Verbindung in eine Stadt mit kulturellem Leben und Kunstvereinen.

 
Das Logierhaus in Dangast. Postkarte (Priv)

Diese Naturoase, wie sie sich noch in beschaulicher Weise den Künstlern darbot, wurde ihnen ein Quell der Ruhe und Inspiration. Hier fanden sie Zeit und Muße und vor allem Motive. Die einfachsten Dinge, das Alltägliche - wie die arbeitenden Fischer oder auch die Felder - nutzten die Künstler, um ihre Eindrücke in den unterschiedlichen Techniken, ob nun in Ölgemälden oder Holzschnitten, Aquarellen oder Lithografien wiederzugeben. Das schlichte Motiv wuchs in ihren Händen zur großen Kunst und ganz nebenbei mischten sie das Dangaster Dorfleben auf und erregten auch Unmut, da sie bei Dorffesten den Mädchen des Ortes nachstellten.

 
Am Strand von Dangast. Fotografie, 2008 (CH)

In späteren Jahren kamen die beiden Künstler Emma Ritter und Max Pechstein nach Dangast, und auch für sie wurde das Seebad ein Ort der Weiterentwicklung ihrer expressionistischen Kunst und Ausdrucksfähigkeit. Dangast, das kleine Seebad, nimmt eine wichtige Rolle ein, denn hier entfaltete sich die expressionistische Kunst der Brücke-Mitglieder.

Ulrike Brandt

Verwendete Literatur:

Hans Egidius, Nordseebad Dangast. Geschichte, Entwicklung, Gegenwart, Varel 2000, S. 65.
Ebd. S. 33. Woerl’s Reisehandbücher. Führer durch das Nordseebad Dangast und seine Umgebung, Würzburg 1891, S. 8 u. 10ff. Ders., Schmidt-Rottluff. Graphik, München 1971, S. 57.
Gemeinnützige, 1. März 1930, in: Hans Egidius, Nordseebad Dangast. Geschichte, Entwicklung, Gegenwart, Varel 2000 S. 51.
Gerd Presler, Die Brücke, Hamburg 2007, S. 90 f. Ders., Dangast – heimliche Heimat der Kunst, in: der FRIESLÄNDER Bote, 1990.