Unter den wechselnden Regenten des Jeverlandes spielten die Anhalt-Zerbster Fürsten eine wichtige Rolle. Fast 150 Jahre lang lenkten sie die Geschicke des Landes, zumeist aus der Ferne. Fürst Johann von Anhalt-Zerbst fiel die Herrschaft Jever 1667 nach dem Tod seines Onkels, des Oldenburger Grafen Anton Günther, zu. Unter der Herrschaft von Anhalt-Zerbst behielten die Jeverländer eine gewisse Selbständigkeit. Das lag sicher in der räumlichen Distanz und dem daraus folgenden Umstand begründet, dass die Herrschaft vor Ort von einem eingesetzten Statthalter ausgeübt wurde. Hinzu kam, dass die reichen Bauern sich selbstbewußt gegen viele Verordnungen wehrten, was die Ausübung von Macht ebenfalls erschwerte.

 
Schloss Jever mit dem charakteristischen Zwiebelturm (SJV)

Das Schloss wurde meist nur im Sommer für ein paar Wochen von den Anhalt-Zerbster Fürsten als Wohnsitz genutzt, die für diese Besuche sämtliche Einrichtungsgegenstände, aber auch große Mengen an Lebensmitteln mitbrachten. Eine Ausnahme bildete Johann Ludwig von Anhalt-Dornburg-Zerbst, der für seinen Cousin Johann August die Statthalterschaft in Jever übernahm und von 1720 bis zu seinem Tod 1742 das Schloss bewohnte. In dieser Zeit erfuhr der Bau einige Umgestaltungen: 1736 erhielt der Schlossturm eine barocke Haube nach einem Entwurf des Architekten von Rössing, und zur Ausstattung der Räume kamen Gobelins und Ledertapeten nach Jever.

 
Gobelin, 1680-1700 (Brüssel) (SJV)

Einige der Gobelins befinden sich heute noch hier. Die Kunstwerke aus Seidenfäden sind zwischen 1680 und 1700 in Brüssel entstanden. Sie zeigen Gartenszenen mit Figuren. Auf einem der Bildteppiche sind zwei Bauernpaare im Vordergrund zu sehen. Hinter ihnen scheint sich eine barocke Gartenanlage in die Tiefe zu erstrecken. Die Bauern versorgen den Hof mit Nahrung. Sie sind mit Hühnern, Broten und Kürbissen beladen. Einer der Bauern greift seiner Begleiterin ans Kinn. Neben diesen ländlich inspirierten Szenen stehen solche, in denen sich höfische Gesellschaften in der Natur zusammengefunden haben: dort wird fröhlich musiziert und Wein ausgeschenkt.

 
Gobelinsaal des Schlosses (SJV)

Ebenso wie die Gobelins lassen sich auch die Ledertapeten im Schlossmuseum bewundern. Sie wurden zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Flandern angefertigt und mehrfach umgehängt. Rind-, Kalb- oder Ziegenleder wurden für diese kostbaren Wandverkleidungen genutzt. Die einzelnen, in gleich große Stücke geschnittenen Häute wurden später zusammengenäht. Die Herstellung des plastischen Dekors erfolgte mit Hilfe von Holzmodeln. Eine Lasur lässt die Beschichtung mit Blattsilber golden erscheinen. Zusätzlich sind die Tapeten mit Temperafarben bemalt. Im Vorzimmer des Audienzsaals befindet sich die so genannte „Papageientapete“. Auf jeder Ledertafel sind zwei Papageien zu sehen, die an einem Früchtekorb picken, über dem sich eine Blütenkrone fächerartig entfaltet.

 
1760bis1776

Fayence-Manufaktur Jever

Nachdem Johann August bereits 1721 die Gründung einer Fayence-Manufaktur in Zerbst veranlasst hatte, entstand ein solches Unternehmen 1760 auch in Jever. Geeignete Tonvorkommen in der Umgebung und das Bestreben, die begehrten Stücke nicht importieren zu müssen, bildeten die Voraussetzungen für die Einrichtung der jeverschen Manufaktur. Nur wenige Stücke aus der 16-jährigen Produktion sind erhalten. Barocke Tafelkultur vermittelt eine reich geschmückte Terrine: Die Handhaben sind plastisch in Form von Blättern, Blüten und ineinander gedrehten Ästen gestaltet. Weitere florale Verzierungen sind mit kobaltblauer Farbe aufgemalt.

 
Grundriss Schloss Jever (SJV)

Nach dem Tod Johann Augusts übernahmen dessen Cousins Johann Ludwig und Christian August die Regierung. Nach einer kurzen Alleinherrschaft Christian Augusts folgten ihm zunächst seine Witwe und dann sein Sohn Friedrich August (1751-1793). Dieser darf wohl als der unbeliebteste der Anhalt-Zerbster Fürsten gelten. Nach dem Tod des kinderlosen Fürsten Friedrich August fiel das Jeverland an seine Schwester Sophie Auguste Friederike, die als „Katharina die Große von Rußland“ in die Geschichtsschreibung einging. Als Administratorin über die Herrschaft Jever setzte sie die Witwe des Fürsten, Friederike Auguste Sophie, ein. Sie lebte von 1793 bis 1807 in Jever und war die letzte Anhalt-Zerbster Regentin. 1807 kam das Jeverland im Tilsiter Frieden zu Holland. Es folgten die französische Herrschaft 1811 und die erneute russische Herrschaft 1812. Ab 1818 gehörte das Jeverland wieder zu Oldenburg.

Isabella Hanstein


Weiterführende Literatur.
Herrmann, Dirk: Der Zerbster Hof zur Zeit Johann Augusts. In: Zerbster Historienkalender 2000, 41. Jg., Hrsg.: Claus Blumenstengel, S. 111-119.

Pracher, Peter: Die Ledertapeten aus Schloß Jever und aus dem Kloster „Zur Ehre Gottes“ in Wolfenbüttel (ohne Quelle).

Riemann, F.W.: Geschichte des Jeverlands, Bd. 3, S. 175-369.

Scheer, Hermann: Die Herrschaft Jever unter Anhalt-Zerbstischer Verwaltung. In: Oldenburger Jahrbuch 1915, Bd. 29, S. 202-215.

Schmerenbeck, Peter (Hrsg.): Barocker Traum. Fayencen aus Zerbst und Jever. Ausstellung Jever 1996-1997. Oldenburg 1996.

Sander, Antje: Das Jeverland in Anhalt-Zerbster Zeit (1667-1793) – Probleme und Chancen einer Beziehung auf Distanz. Oldenburg 2003

Siuts, Hans: Jeverland in Zerbster Zeit (1667-1806). In: Friesische Heimat, Beilage, 30.08.1957, 17.09.1957 und 02.10.1957.